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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 19 - 20

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern?
Date
1917-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 1)
Language
German
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19 Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern? 20 GIBT ES UNTERSCHIEDE DER BEGABUNG ZWISCHEN JUEDISCHEN UND NICHTJUEDISCHEN SCHUELERN? Von Realschuldirektor Dr. Adler, Frankfurt a. M. Das neue Deutschland, das aus der ehernen Zeit, die wir gegenwärtig durchleben, erwachsen soll, muß naturgemäß eine Aenderung auch in der Erziehung des heranwachsenden Geschlechts, das ja in dieser neuen Zeit sich zu betätigen haben wird, herbeiführen. Ueber die Ziele dieser neuen deutschen Erziehung tobt mitten im Getöse des Krieges heftiger Blätterstreit, der aber im Laufe der Erörterung wenigstens in einigen Punkten bereits eine gewisse Klärung gebracht hat: Einmütigkeit herrscht heute u. a. über die Forderung, daß es Aufgabe des Staates sei, den Aufstieg der Begabten unter unserer Jugend möglichst zu erleichtern und ihnen die Stellung, die den besonders Befähigten im Staatswesen gebührt, zu verschaffen. Auch über Wesen und Art der Begabung ist im allgemeinen eine Uebereinstimmuhg erzielt worden, der der bekannte Psychologe William Stern die Fassung gegeben hat, daß als „Begabung" 3Jdie angeborene Disposition zu objektiv wertvollen Leistungen" anzusehen ist. Mit dieser Erklärung erkennt Stern gegenüber der Ansicht, daß das ganze soziale Leben sich lediglich aus äußeren Einflüssen und Eindrücken bilde, wie sie Umwelt, Erziehung, Unterricht, soziale Lage üben, gewisse „angeborene Dispositionen" an; nach ihm sind Ererbtes und Erworbenes am geistigen Bau der Menschheit in gleichet Weise beteiligt. Ob und welchen Einfluß bei der „Ererbung" Stammes- oder Rassenzugehörigkeit üben, darüber gehen heute die Meinungen noch weit auseinander, zumal diese Frage namentlich seit dem Wiederauftauchen der antisemitischen Strömung in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit politischen Streitfragen verknüpft wird. Die antisemitischen Rassentheoretiker bemühen sich eine eigenartige Rassenveranlagung der Juden zu konstruieren und aus ihr die Berechtigung ihrer Forderungen nach Aufhebung der verfassungsmäßig gewährleisteten Gleichberechtigung der deutschen Juden herzuleiten; ihre Gegner lehnen, wenn sie auch angeborene Dispositionen anerkennen, überhaupt die Anwendung des wissenschaftlichen Begriffs der „Rasse" auf die deutschen Juden aus anthropologischen und historischen Gründen ab und führen noch sich etwa bemerkbar machende Besonderheiten auf die wirtschaftliche und politische Lage zurück, in der die deutschen Juden seit mehr als einem Jahrtausend in unserem Vaterland gelebt haben, namentlich seit der grundlegenden Veränderung, die die Bestimmungen des lateranischen Konzils für sie im Gefolge hatte. Abseits von diesem lauten Streit der politischen Meinungen hat die Frage etwaiger Begabungsunterschiede zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerungsschicht hie und da Psychologen und sozialwirtschaftlichc Forscher zu Untersuchungen veranlaßt; sie kamen dabei bald zu dem Ergebnis, daß nur durch eine wissenschaftlich exakte Forschung, die am sichersten in den Entwicklungsjahren, also in der Schulzeit, anzustellen sei, eine möglichst objektive Lösung gefunden werden könne; zu diesem Zwecke sei zunächst umfassendes Material aus Zeugnisbü ehern sowie aus allen sonstigen für die Beurteilung geeigneten Stellen zu schaffen; insbesondere kämen hierfür auch die modernen pädagogisch-psychologischen V ersuche und die Beobachtungen erfahrener Erzieher in Betracht. Die Gewinnung eines solchen Materials erwies sich aber als unmöglich'; erstens verweigert die preußische Unterrichtsverwaltung grundsätzlich allen außerhalb der Schule stehenden Personen den Einblick in die Zeugnisbücher der einzelnen Anstalten, sie gestattet auch nicht, daß mit Zöglingen Versuche zu irgendwelchen Zwecken veranstaltet werden; weiter ist es den Lehrern selbst behördlich untersagt, anderen Personen irgendwelche Mitteilungen über innere Schulangelegenheiten zu machen. Auch die Patronatsbehörden dürfen nur in besonders bezeichneten Fällen Auskünfte durch den Anstaltsleiter erhalten, die aber unter allen Umständen vertraulichen Charakter tragen. Bei dieser Sachlage sind die erwähnten Forscher lediglich auf mehr oder weniger subjektive Mitteilungen von Lehrern oder auf Einzel Untersuchungen angewiesen, die trotz des bestehenden Verbots) an irgendeiner Schule angestellt worden ^ind. Bisher sind nur zwei Ergebnisse solcher Untersuchungen bekanntgeworden. Zunächst hat der Schriftleiter der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden, Dr. Ruppin, auf Grund von Zeugnissen, die Ostern 1904 193 jüdischen und 558 christlichen Schülerinnen einer privaten höheren Mädchenschule in Berlin erteilt worden sind, Schlußfolgerungen auf verschiedene Begabung beider Schülerinnengruppen ziehen wollen und hierüber in seiner Zeitschrift (Heft 8/9 1906) berichtet; er hat indes zugestehen müssen, daß alle seine Folgerungen „etwas gewagt" sind: Die Leistungen sind nämlich nicht allein das Ergebnis der Begabung, sondern auch des Fleißes

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