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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 15 - 16

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Die Brüder Henschel
Date
1917-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 3)
Language
German
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15 Die Brüder Henschel. 16 Nur einige Proben ihres Schaffens und damit die Eindrücke, die sie von ihrer Zeit empfangen und wiedergegeben haben, sollen hier geschildert werden. Die kriegerischen Ereignisse von 1813 zeitigten eine Reihe von Kupfern: „Begebenheiten aus dem heiligen Krieg in Heften", von denen das hier ab* gedruckte auch heute noch von aktuellem Interesse ist: „Kaiser Alexander von Rußland am 21. Januar 1813 zu Lyck in Ostpreußen." „Ich komme als der Neueste Freund Ihres Königs und als der Freund Ihres Vaterlandes." Ein anderes Blatt ist als Pendant zu Chodowiecki's Darstellung „Ziethen sitzend vor seinem König" gedacht: „Der Besuch des Königs am Krankenbette Blüchers." Zeigt das Blatt auch in den Gliedern seiner Per* sonen die Steifheit, von der auch ein Chodowiecki nicht frei war, so ist doch die Anordnung der Gruppen eine wohlgelungene. Goethe spricht sich in seinem Werke über Kunst und Altertum (IV, 551) sehr beifällig über dieses Blatt aus. — Blücher, der volkstümlichste Held der damaligen Zeit, ist nach einer Originalzeichnung der Prinzessin Wilhelm von Preußen, dargestellt; eine farbige Lithographie von sehr feiner, besonders in den Farben zarter Wirkung und ein sehr frühes Blatt dieser zur da* damaligen Zeit in Berlin noch kaum nennenswert geübten Kunst. Aufsesser, ein bekannter Sammler und guter Kenner der Graphik, erwähnt die Brüder Hen* schel in seinem Artikel „Die Entwickelung der künst* lerischen Lithographie in Berlin" seltsamerweise nicht. Das ist um so auffälliger, als Nagler schon 1837 be* richtet: „Die Gebrüder Henschel hoben auch aus GoethesLeben die Hauptmomente ausund stellten sie drastisch dar." Das erste Heft erschien 1819 mit acht Blättern in der von diesen Künstlern vervollkomm* neten Manier in lithographischem Farbendruck. Das Werk hat den Titel „Scenen aus Goethes Leben." Wie hier die Brüder Henschel demLebenGoethes näher traten, so scheinen sie besonders den schau* spielerischen Ereignissen der damaligen Zeit mit Liebe und Verständnis gefolgt zu sein. Iffland, der berühmte Charakterdarsteller der Zeit, wurde während der Vorstellung von ihnen gezeichnet. Diese Bilder erschienen in zwanzig Heften, unter dem Titel „Ifflands mimische Darstellungen für Schauspieler und Zeichner", sie zeugen von künst* lerischer Befähigung und scharfer Beobachtungs* gäbe der Urheber. Auch eine Folge von Darstellun gen der vorzüglichsten in Berlin aufgeführten Ballette wären hier rühmend zu nennen. Alles geistig, politisch und sozial Bedeutungs* volle der Zeit fand durch diese jüdischen Künstler seinen bildlichen Ausdruck. Sie formten es in ihrem Geiste und drückten dem Ereignis ihren Stempel auf. Nicht das Collektivbewußtsein einer Schule oder Richtung wies ihnen den Weg, neinl das Er* eignis wurde zum Erlebnis und die Wiedergabe dieses war ihre Kunst. So die entzückende farbige Lithographie auf die Einführung der Pockenimpfung in Berlin aus dem Jahre 1822. Jenner hatte die Impfung in Preußen eingeführt, und der Medizinal* rat Heim, stadtbekannt unter dem Namen „der alte Heim" hatte sich besonders bemüht, die auch heute noch bekämpfte Schutzimpfung in Berlin populär zu machen. Das in den zartesten Farben ausgeführte Blatt zeigt uns die Sorge der Mutter um ihr Kind, aber auch das Vertrauen, das sie dem Arzt entgegenbringt, zeigt uns den Arzt in seiner Güte, aber auch in seiner Festigkeit für die als not* wendig erkannte Behandlung eines gesunden Men* sehen in vorbeugender Weise einzutreten. Meisterlich benutzen die Brüder Henschel die Verschiedenartigkeit der Technik, um der Indivi* dualität der dargestellten Personen gerecht zu werden. Ihre Portraits tragen schon äußerlich den Stempel des Charakteristischen. So sind die Bildnisse, ob sie den . General Congreve, den Kgl. Consistorialrat und Professor Dr. August Neander, den Landschaftsdirektor Con* rad Adolph Graf von Dyhorn, den Justizminister Mühler, den Polizeipräsidenten von Breslau, F.W. Heincke, Alexander I. von Rußland, Joh. Friedr. von Hegeberth darstellen, nicht nur ähnlich im Portrait, wie Nagler sagt, sondern bieten auch ein treffendes geistiges Bild der dargestellten Person* lichkeit. Bevor wir diese kurze Uebersicht schließen» noch eine Frage: Haben diese Maler, Kupferstecher und Lithographen — es waren vier Brüder, die sich sehr glücklich ergänzt zu haben scheinen, keinen Juden conterfeit, nichts aus dem Leben der Juden ihrer Zeit zur Darstellung gebracht? Oder ist das alles, wie so vielesKünstlerische im Judentum, ver* loren gegangen, trotzdem, oder weil es sich in den Häusern der Juden befand? Oder ist es noch vor* handen und ruht unbekannt und unerkannt? Be* Ziehungen zu jüdischen Familien hatten die Ge* brüder Henschel, denn ein kleines Bild ist Madame Beer, der Mutter Meyerbeers, gewidmet. Es ist hier nur eine kleine Skizze von dem gegeben, was diese jüdischen Künstler geleistet haben. Es wird sich gewiß lohnen, in einer Reihe von Monographien die Maler, Kupferstecher, Litho* graphen, Bildhauer und Kunsthandwerker, die Juden waren, darzustellen. Das würde beweisen, daß auch diese Gebiete schöpferischer Betätigung uns nicht fremd waren, und daß der Boden idealer Arbeit in unserer Gemeinschaft, viel, viel ergiebiger war, als wir selbst glauben.

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