Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Völkerrecht und Völkergerechtigkeit
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Völkerrecht und Völkergerechtigkeit. 10 Kupferstich der Brüder Henschel, Berlin der die Geraubte zur glücklichen Gattin und Mutter gemacht, die Hand zu reichen. So sehr die Staatsmänner und Politiker sich sträuben, zwischen Staaten und Einzelmenschen Analogien durchzuführen, in diesem Falle drängt sich die Aehnlichkeit mit aller Gewalt auf. Ein Staat hat fremdes Land, bewohnt von einer fremden Nation, annektiert, natürlich tat er das nach einem blutigen Kriege. Hat er da nicht die ewigen Gesetze der absoluten Gerechtigkeit verletzt? Gewiß. Er erwidert jedoch, daß die ewigen Gesetze der absoluten Gerechtigkeit ihm das Recht geben, sich zu erhalten und die Pflicht auferlegen, seine Grenzen vor räuberischen Ueberfällen zu sichern oder seinen Bürgern die Möglichkeit einer gedeihlichen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und somit eines menschenwürdigen Daseins zu gewähren. Kein Richter, und mag er sich ganz mit Gerechtigkeit umgürten, wird es wagen, hier zu entscheiden. Aber die Zukunft bringt es an die Sonne. ,:Wenn das Volk des annektierten Landes sich in der neuen Gemeinschaft glücklich fühlt, der alten zwar eine wehmütige Erinnerung bewahrt, aber keine Sehnsucht trägt, in sie zurückzukehren, dann hat die Gewalt ein Werk der höheren Gerechtigkeit vollbracht, welches segensreiche Früchte trägt, sie hat den Buchstaben des Gesetzes verletzt, aber die höhere Entwicklung der Menschheit und folglich auch die Gerechtigkeit gefördert. Im entgegengesetzten Falle hat die Gewalt eine Ungerechtigkeit verübt und muß, um ihr Werk zu erhalten, Unrecht auf Unrecht häufen bis ins Unendliche. — Natürlich gilt all das hier Gesagte nur dann, wenn es in der Welt nicht nur ein geschriebenes und kodifiziertes Völkerrecht, sondern auch eine Völkergerechtigkeit gibt, allein das wird, wie wir gesehen, von vielen bestritten.