Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Erziehung zum Hass
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 2)
- Language
- German
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15 Erziehung zum Haß. 16 zivilisierten Welt über den moralischen Verfall der Deutschen ... es äußerst unwahrscheinlich macht, daß internationale Verbindungen mit Individuen dieses Stammes wieder angeknüpft werden, bevor verschiedene Generationen gekommen und gegangen sind . . . Wenn ein Versuch gemacht wird, die früheren freundschaftlichen Verbindungen mit Deutschland und Oesterreich wieder anzuknüpfen durch Einladungen zu wissenschaftlichen Kongressen, so ist sicher, daß keiner darauf eingehen wird." Welch eine Verbissenheit und Unversöhnlichkeit spricht aus diesen Worten! Dabei ist Ramsay nicht etwa ein Politiker oder Staatsmann, der solches reden könnte, um seine Landsleute in der Kampfeswut zu bestärken, sondern ein Gelehrter, ein exakter Naturforscher, der seine Worte auf die feinste Präzisionswage zu legen gewohnt ist. Und er hat in Deutschland studiert, verdankt einen großen Teil seines Wissens und Könnens deutscher Geistesarbeit und deutscher Methode, stand jahrelang in freundschaftlichen Beziehungen zu deutschen Gelehrten, spricht Deutsch wie ein geborener Deutscher, kennt Land und Leute vortrefflich. Was er sagt, ist nicht im Rausche der ersten Kriegszeit gesprochen, sondern neun Monate nach Kriegsbeginn, nachdem so unendlich viel Blut und Tränen geflossen und so viele Sühneopfer gefallen sind. Solche Worte lassen auf einen Fonds von Herzenshärte und seelischer Roheit schließen, Aveiche bis in die Regionen höchster Kultur .hinaufreicht und auf ein atavistisches Heidentum, das unter der Decke eines tausendjährigen Christentums fortwuchert. * * * Neben diesen in trockenster Prosa gesprochenen Worten eines einflußreichen Staatsmannes und eines großen Gelehrten erscheinen Ernst Lissauers poetische Ergüsse fast harmlos, und zu ihrer Entschuldigung darf man auch das junge, heiße Blut des Dichters und die Entstehungsizeit seines „Haßgesanges" anführen: die erste Periode des Krieges1', da die Wut gegen England noch in ganz anderer Form zum Ausdruck kam. Denn einer Entschuldigung bedarf der „Haßgesang" immerhin. Der Dichter wird später sicher bemüht sein, durch Schöpfungen aus anderem Geist, <— na. und auch von vollendeterer Form — dieses Gedicht wieder gut zu machen. Vorläufig hat es enthusiastischen Beifall, aber auch scharfe Kritik gefunden. Und es ist zu befürchten, daß die begeisterten Lobredner in einem späteren Zeitpunkt dem Dichter grollen werden, daß er sie jetzt hingerissen hat. Mr. Houston Stewart Chamberlain, der oberste Verwalter und Aufseher des germanischen Geistes:, stellt Ernst Lissauer das Zeugnis aus, daß er zwar „als wackerer Deutscher mitkämpft", aber „einem Volke entstammt, das von jeher den Haß als Haupteigenschaft großgezogen hat". Lissauer dürfte sehr überrascht sein, zu hören, daß er diesem verruchten Volke entstamme. Wohl klang es an sein Ohr wie eine verlorene Sage, daß er durch sein Blut, seine Knochen und Muskeln mit diesem Volke in einem fernen, dunklen Zusammenhang stehe; aber seelisch und geistig hat er mit ihm sicher nichts gemeinsam. Seine "Lebensanschauung und sein Gefühl stehen dem Judentum fco fern als möglich. Das einzige;, was Lissauer je über Juden und Judentum geäußert hat, stand seinerzeit im „Kunstwart", und atmete eine so tiefe Antipathie, die nur völlige:* Fremdheit und Verständnislosigkeit entspringen kann. Lissauer gab der Hoffnung Ausdruck, daß das Judentum binnen kurzem, etwa im Verlauf von zwei Generationen, aus der Welt ausgelöscht sein werde — ein Prozeß, der sich in Lissauers Bewußtsein offenbar längst abgewickelt hat. Lissauer ist dem Laufe der Weltgeschichte ein bißchen zu rasch vorausgeeilt und hat „dieses Volk" weit hinter sich gelassen. In (unserer Zeitschrift ist zu allererst, und zwar vom rein jüdischen Standpunkte, sein Haßgesang nachdrücklichst abgelehnt worden. Jemand hat sich der Mühe unterzogen und ungefähr sechzig Personen jüdischen Glaubens und Stammes nach ihrer ■Meinung über Lissauers Gedicht gefragt. Unter den Befragten waren alle möglichen Berufsarten und Bildungsgrade vertreten: Rabbiner, Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Kaufleute, Fabrikanten, Kleinhändler, Handwerker, Künstler, und es waren unter ihnen mehrere, denen ein teurer Angehöriger durch eine englische Kugel entrissen wurde. Alle, ohne Ausnahme, haben die Gefühlsweise des Haßgesanges von sich gewiesen, manche in sehr heftigen Ausdrücken, andere mild und nachsichtig; die weitaus meisten betonten das Unjüdische; Antijüdische darin. Aber Mr. Chamberlain weiß es besser. Lissauer kämpft als wackerer Deutscher mit, aber der Verfasser des Haßgesanges entstammt einem Volke, das usw. Das ist nämlich immer so; fälscht ein Jude Wechsel oder stiehlt silberne Löffel, so entstammt er einem Volke, das usw. Leistet er Bedeutendes, handelt er vornehm, so kämpft er als 'wackerer Deutscher mit. Ein und derselbe Jude kann an sich diese Erfahrung machen. Die, denen er mißfällt, betonen sein Judentum mit Nachdruck, die anderen übersehen es gütigst, verzeihen es ihm, erwähnen es gar nicht. Er wird stillschweigend zum wackern Deutschen ernannt. „,Wo sind jetzt die Juden? Wie weggeputzt von der gewaltigen Erhebung, als Juden einfach nicht •mehr auffindbar", ruft Mr. Chamberlain entzückt. „Sie tun nämlich ihre Pflicht als Deutsche daheim oder im Felde", erläutert er, also sind sie gänzlich verschwunden, sind einfach nicht vorhanden. Die siebzig- bis achtzigtausend Juden, die für ihr deutsches Vaterland ihr Blut vergießen, sind als Juden nicht mehr auffindbar; Mr. Chamberlain wird ihnen ihre Abstammung und ihr Bekenntnis gnädigst nicht anrechnen. Er wird vergessen, daß sie Juden sind, und sich dessen erst entsinnen, wenn mal einer von ihnen ein Gedicht macht, das ihm nicht gefällt. Indessen sind die Juden leider nicht ganz verschwunden, es gibt ihrer welche, glücklicherweise weit hinten in England und Frankreich. „Demselben Volke (wie Lissauer) entstammt die gesamte Redaktion der , Times', der ,Daily Mail', des ,Matin'." So versichert Mr. Chamberlain mit Festigkeit. Will man aber ganz reine Arier finden, muß man in die Redaktionen der Berliner „Zukunft" und der Wiener „Fackel" gehen. Daher erklärt sich die Vorliebe des Mr. Chamberlain für diese Zeitschriften und deren Redakteure. Mr. Chamberlain ist jetzt aus der englischen Rasse ausgetreten und kann sich nicht genug tun in der Beschimpfung seiner Herkunft, ganz wie eine gewisse Sorte von Juden es unter ähnlichen Um-