Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Article
- Die Juden im öfftentlichen Leben Deutschlands
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 933 - 934 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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933 Stadtrat Dr. Ludwig Haas: Die Juden im öffentlichen Lehen Deutschlands. 934 manchmal war es auch der wirtschaftlich Skrupellosere. Wir haben weiter gesehen, dass die Lehre vom freien Arbeitsvertrag auch nicht ganz stimmte, dass er nicht immer und überall abgeschlossen werden konnte, im Grossbetriebe nicht und im mittleren Betriebe nicht. Da setzte nun die Tendenz ein, die die Lehre des wirtschaftlichen Liberalismus bekämpfte. Hier hat auch ein deutscher Jude im Kampfe gestanden, der Frankfurter Sonnemann, der zum ersten Male mit seinen schwäbischen Freunden zusammen für eine liberale Partei die Lehre aufstellte, dass der Staat die Verpflichtung habe, auch in das Wirtschaftsleben des Volkes einzugreifen, dass er die Verpflichtung habe, durch gesetzgeberische Massnahmen einzutreten für den wirtschaftlich Schwachen. Man darf weiter in dem Zusammenhang sagen, dass er einer der ersten war, der das grosse Problem der Arbeiterversicherung vor die deutsche politische Welt hingestellt hat Dann werden wir nicht vorübergehen können an der Arbeit von Karl Marx und an der Propaganda von Lassalle, wie immer wir uns zu ihnen stellen. Auch sie stellten gemäss ihrer Ueberzeugung ihre Arbeit in den Dienst des Volkes. Und nun ein Gedanke, der uns lächeln lassen könnte, wenn nicht alles das doch so unsagbar traurig wäre. Man hat die Juden angeklagt, weil sie für den wirtschaftlichen Liberalismus eingetreten sind, und man hat ihnen vorgeworfen, dass sie so gewissermassen die kapitalistische Wirtschaftsordnung mit all ihren Mängeln geschaffen hätten. Die Juden waren die Sünder, die das gemacht haben. In dem Augenblick aber, in dem irgendwo ein Jude die Anschauung ausspricht, dass in dieser Wirtschaftsordnung nicht alles in Ordnung sei, in dem Augenblick, in dem er die ewige Dauer und die Güte dieser Wirtschaftsordnung bestreitet, da wird diese Wirtschaftsordnung plötzlich wieder ganz besonders heilig und da sagt man: Seht die Juden; sie wollen unsere Wirtschaftsordnung beseitigen! Es fehlt nur noch, dass sie uns einen Vorwurf daraus machen, dass der Jude Stahl der konservativen Staatsauffassung die wissenschaftliche Grundlage gegeben hat. Dann können sie uns auch noch verantwortlich machen dafür, dass es Konservative in der Welt gibt. Und wenn man weiss, dass ein ganz besonders hirnverbrannter Antisemit sogar den Gedanken ausgesprochen hat, dass die Juden schuld seien an der Existenz des Jesuiten - Ordens, dann werden Sie ohne weiteres begreifen: Es gibt überhaupt nichts auf der Welt, an dem wir nicht schuld gewesen sind. Nun sehen wir uns die Dinge an, wie sie heute, in unserer Zeit, in der Gegenwart liegen. Wir wissen es, und die deutsche Oeffentlichkeit weiss es, dass den deutschen Juden zwar die Gleichberechtigung verfassungsgemäss garantiert ist, dass die Gleichberechtigung aber in Wirklichkeit in den deutschen Staaten nicht durchgeführt worden ist. Ich brauche vor dieser Versammlung nicht hinzuweisen auf die Stellung, die man in der Armee den Juden gegenüber einnimmt, obwohl es ja nach der feierlichen Erklärung mehrerer Kriegsminister in der Armee so gehalten wird, dass irgendwelche Unterscheidungen in der Behandlung der Soldaten nach konfessionellen Erwägungen niemals erfolgt sind. Es ist reiner Zufall, dass die Dinge nun seit vielen Jahren sich so entwickelt haben. Ich brauche in dieser Versammlung auch darauf nicht hinzuweisen, dass viele staatliche Aemter in manchen Bundesstaten den Angehörigen des jüdischen Glaubens prinzipiell verschlossen sind. Und nun, meine Damen und Herren, so bescheiden wir sind und so bescheiden wir alle miteinander sein wollen und so sehr wir es verurteilen, wenn einer unter uns sitzt, der gerade für sein liebes, „besonders intelligentes" Söhnlein ganz besonders grosse Zukunftsgedanken im Kopfe haben sollte, wir wehren uns gegen die Zurücksetzungen, weil wir die Gleichberechtigung überhaupt niemals verdienen würden, wenn wir diesen Rechtskränkungen gleichgültig zusehen würden. Es ist unsere verdammte Pflicht, dass wir protestieren gegen das Unrecht, das unserer Gemeinschaft zugefügt wird. Denn wir sagen: nicht in erster Linie als Juden, sondern in allererster Linie als Deutsche führen wir diesen Kampf. Es ist ein ungesunder Zustand, wenn in einem Staatswesen die grundlegenden Gesetze, wenn in einem Staatswesen tagtäglich die Verfassung missachtet wird. Wenn irgendwo im Staate ein Unrecht geschieht, wenn irgendwo im Staate die Gesetze nicht richtig angewendet werden, dann sprechen die Eingeweihten so gerne von der »Verwaltungsmaxime". Das ist ein so gescheites Wort; damit kann man mancherlei Unrecht decken. Aber wir wollen sagen, die beste Verwaltungsmaxime ist die genaue und peinliche Beobachtung aller Gesetze und die peinliche und genaue Beobachtung der Verfassung. Der Staat gibt sich selber auf, wenn er seine Gesetze, die er selbst gegeben hat, nicht heilig hält! Nun ist ja das Schlimme, das ganz besonders Schlimme das, dass der deutsche Jude überall in Deutschland sein Recht findet, wenn er seinen Glauben gewechselt hat. Wir wollen nicht zurückhalten mit unserer Meinung und wollen sagen: Wenn irgendwo im Staate konfessionelle Unterschiede gemacht werden, dann ist das eine Sünde gegen das Gesetz; wenn aber der Jude, der entgegen seiner Ueberzeugung seinen Glauben gewechselt hat, wenn der bevorzugt wird vor den Aufrechten, dann ist das allerdings vielleicht noch etwas Schlimmeres; das ist eine Sünde gegen die Moral. Es ist, meine Damen und Herren, sehr wohl möglich, dass ein Mensch nach schweren inneren Kämpfen seinen Glauben wechselt, dass er in schweren inneren Kämpfen zu der Ueberzeugung kommt, dass ein anderer Glaube der richtige sei. Wenn aus diesem Grunde ein Jude seinen Glauben