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Ost und West · 1913-12-01 · Heft 12 (Dezember 1913) · p. Seite 931 - 932

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 12 (Dezember 1913)
Article
Die Juden im öfftentlichen Leben Deutschlands
Date
1913-12-01
Page
Seite 931 - 932 (sequence 2)
Language
German
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931 Stadtrat Dr. Ludwig Haas: Du- Jiulon im üfk-ntlii-lini Lehm I »riitsrlilauils.!)32 gar nicht mehr sprechen; denn wir stehen ja im öffentlichen Leben Deutschlands nicht als Juden, wenn wir absehen von irgendwelchen eigenen kirchenpolitischen Forderungen. Unsere Tätigkeit im öffentlichen Leben und die Tätigkeit aller Juden im öffentlichen Leben ist keine jüdische, sondern wir stehen im öffentlichen Leben als Deutsche und als Menschen. Nur die Zurücksetzung, unter der wir noch zu leiden haben, erklärt das Thema, über das ich sprechen soll. Und wenn wir uns die Tätigkeit jüdischer Männer im öffentlichen Leben seit dem Tage ansehen, an dem eine solche Betätigung überhaupt möglich war, dann sehen wir ja, dass es nicht etwa so ist, dass ihre Tätigkeit erfolgte gewissermassen auf Basis einer einheitlichen seelischen Art, wie es gelegentlich dargestellt wird. Es ist auch nicht etwa so, als ob die Juden, die im öffentlichen Leben standen und sich beteiligten an den grossen Kämpfen der Oeffentlichkeit, immer einheitliche Tendenzen verfolgt hätten, sondern sie haben ganz verschiedene Anschauungen vertreten. Sie haben sich ehrlich und redlich in den Dienst des Volkes gestellt, erfüllt von dem Glauben, dass sie damit etwas Gutes für das Volksganze erreichen. Aber einheitlich waren ihre Meinungen nicht. Das erwähne ich deswegen, weil unsere Gegner die Dinge gern so darstellen, als ob die Tätigkeit der Juden im öffentlichen Leben von einer ganz einheitlichen Art wäre, von der sogenannten „zersetzenden jüdischen Art", wie es im Sprachschatz des Antisemitismus lautet. Nein, meine Damen und Herren, sie waren in vielen Fragen grundverschiedener Meinung. Es ist eben bei den Juden, wie bei den Menschen überhaupt. Wir wissen nicht genau, v/er recht hat in politischen Dingen. Wenn irgendwo gestritten wird über Fragen des öffentlichen Lebens, und es haben sich verschiedene Meinungen gebildet, ja, wie wollen wir denn da sagen können, ob das Recht auf der einen Seite oder auf der anderen Seite liegt? Es ist in der Politik und in den Fragen des öffentlichen Lebens nicht so wie beim Rechnen. Beim Rechnen, da kann man ganz genau nachweisen, wer einen Fehler gemacht hat. Wenn drei miteinander eine Addition machen und jeder bringt eine andere Zahl heraus, dann weiss man, dass zwei falsch gerechnet haben, vielleicht auch alle drei. Wenn man aber einen ganz Gescheiten dazu ruft, der rechnen kann, dann kann der nachweisen, wo der Fehler steckt. Aber bei den politischen Rechenexempeln, da ist es nicht so, dass der Fehler nachgewiesen werden kann. Die Liberalen und die Sozialdemokraten und die Angehörigen des Zentrums und die Konservativen, die bringen bei ihren Additionen ganz verschiedene Resultate heraus und es ist nicht möglich, schlüssig nachzuweisen, ob der Fehler in der einen Rechnung steckt oder in der anderen. Wenn es nämlich im öffentlichen Leben so wäre wie beim Rechnen, dann müssten ja alle gescheiten Leute bei der einen Partei und alle dummen Leute müssten bei der anderen Partei sein. Aber so ist es in Wirklichkeit nicht, sondern die Gescheiten und die Dummen sind in den Parteien gleichmässig verteilt. Es ist aber so, wie ich es schon oft ausgesprochen habe, wenn ich irgendwo in einer Versammlung zu politischer Duldsamkeit ermahnt habe: Die Dummen in jeder Partei meinen, alle Esel wären bei der anderen Partei. Wenn man nun weiss, dass es eine sichere Lösung politischer Fragen nicht gibt, dass sie nicht gelöst werden mit Erwägungen der Intelligenz, dann begreift man ohne weiteres, dass selbstverständlich auch unter uns grundverschiedene Meinungen bestehen über die Fragen des öffentlichen Lebens, und dass die Juden, die sich öffentlich betätigt haben, nach ganz verschiedenen Richtungen hin tätig waren, und dass sie keineswegs etwa gemeinsam irgendeinem Ziel zustrebten. Kehren wir noch einmal zurück zur Person Gabriel Riessers. Ein grosser Teil seiner Lebensarbeit war dem Gedanken gewidmet, dass die Einigung der deutschen Stämme und die.Schaffung eines einigen und eines freien Reiches notwendig sei. Was er erstrebt hat, und was mit ihm erstrebt haben seine Freunde in der Paulskirche in Frankfurt, es hat damals seine Erfüllung nicht gefunden. Aber wir können uns die Jahre 1870 und 1871 und den Erfolg jener Jahre nicht erklären, ohne die Vorarbeit, die jene Männer geleistet haben. Sie haben in die Herzen des Volkes den Gedanken hineingetragen, dass ein einiges Deutschland notwendig sei. Und dann wieder die Arbeit vor 1870 und 1871. Da sehen wir, dass in den Gedanken Gabriel Riessers zwei andere deutsche Juden nach ihrem besten Können und nach ihren besten Kräften mitgearbeitet haben, Lasker und Bamberger. Wir erinnern uns aber auch daran, dass sie mitgeholfen haben, die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes zunächst und dann die Gesetzgebung des Deutschen Reiches zu erfüllen mit den Gedanken des wirtschaftlichen Liberalismus. Die Lehre war ja die: es sollte aufgeräumt werden mit all den alten Resten zünftlerischer Bevormundung; die Bahn sollte geschaffen werden für eine grosse freie wirtschaftliche Entwicklung. Wir werden selbstverständlich im Rahmen dieses Vortrages und an diesem Tage nicht untersuchen, ob die Lehren des wirtschaftlichen Liberalismus richtig oder falsch waren. Wir können nur objektiv sagen: Jedenfalls sind grosse Teile dieser Lehre später allgemein preisgegeben worden. Aber das wissen wir alle, dass die grosse wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, alles das, was wir miterlebt haben, nicht möglich gewesen wäre und nicht denkbar, wenn man nicht zunächst die Prinzipien wirtschaftlicher Freiheit durchgeführt, den grossen Gedanken der Gewerbefreiheit hineingestellt hätte in unser Wirtschaftsleben. Richtig ist aber das eine: es haben sich Mängel herausgestellt in der Praxis. Wenn jene sprachen von der segensreichen Wirkung der freien Konkurrenz, die immer den Tüchtigen, den Strebsamen obenauf kommen lasse, hat uns die Erfahrung gelehrt, dass es nicht immer der wirtschaftlich Tüchtigere war;

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