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Ost und West · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 903 - 904

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Geh. Kommerzienrat L. M. Goldberger
Date
1913-11-01
Page
Seite 903 - 904 (sequence 3)
Language
German
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903 Geh. Koinmerzienrat L. M. Goldberger. 904 seiner verfolgten Glaubensgenossen, und was ihm an gesellschaftlichem Einfluss zu Gebote stand, stellte er in den Dienst dieses philanthropischen Werkes, das den Unglücklichsten unter den Unglücklichen gewidmet war. So lange seine Kräfte ungebrochen waren, stand Goldberger an der Spitze der vereinigten deutschen Comites der Alliance, und er trat nach Jahren der treuen Arbeit von diesem ehrenvollen Amt aus demselben Gefühl zurück, aus dem er es übernommen hatte — aus seinem Pflichtbewusstsein. Eine schwere Krankheit hatte seine Kräfte zu untergraben begonnen, und er, der in seinen Ehrenämtern nur arbeiten, schaffen und segensreich wirken wollte, konnte sich nicht dazu verstehen, in seinen Aemtern als Halbgebrochener, von der Krankheit an der Arbeit gehindert, zu bleiben. Als er sich stark fühlte, hielt er es für seine Pflicht, der Alliance, d. h. seiner Glaubensgemeinschaft, in leitender Stellung zu dienen. Und als er sich nicht mehr in voller Kraft sah, blieb er bis zu seinem letzten Tage ihr Freund und Berater, aber die Leitung musste kräftigeren Händen anvertraut werden. So hat er es auch mit allen gemeinnützigen Institutionen getan, denen er viele Jahre hindurch vorstand und die er mit allen Kräften gefördert hatte. Als er sich nicht mehr den Pflichten seiner Ehrenämter gewachsen sah, legte er sie nach und nach alle nieder, hörte aber nicht auf, bis zu seinem Ende, an sie unablässig zu denken und für sie in aller Stille zu arbeiten, so weit seine im Schwinden begriffenen Kräfte dies noch zuliessen. Ein hervorragend verdienstvoller Bürger, eine grosszügige Persönlichkeit, ein treuer Sohn des Judentums, ein edler Mensch und ein unermüdlicher Arbeiter für das Wohl der Menschheit ist aus dem Leben geschieden und an vielen, vielen Stellen wird sein Scheiden als eine schwer auszufüllende Lücke empfunden und als ein herber Verlust beklagt werden. BERICHT AUS SALONIKI. Von Herrn Nohamia. dem Direktor der Allianceselmle in Saloniki, ist dem Zentralkomitee in Paris folgender BerichL zugegangen: Saloniki, den 14. Okt. 1<>13. Verehrter Herr Präsident! Am ersten Neujahrs tage, hat sich hier ein Vorfall ereignet, der in griechischen Kreisen lebhaften Widerhall gefunden hat. In der für Frauen reservierten Abtei lung der Synagoge 'Mayer schien die Sonne in ein auf die Strasse hinausgehendes Fenster, das gerade der neuen griecIiis»dien National!umk gegenüberlag. Eine Frau fand unter einer Bank ein Stückchen Zeug, das sie ganz gedankenlos an das Fensterkreuz .befestigte. Der Lappen war von roter Farbe, hatte in der Mitte einen Halbmond und war wahrscheinlich eine alte türkische Fahne, die von einem zerstreuten Synagogendiener vergessen-worden war. Die.gegenüber wohnenden Pente, eifrige und. wachsame Patrioten, bemerkten' das umstürzlerischc Eminem und kamen sofort nach der Synagoge;, um inmitten der andächtigen Beter gegen diese Fahne zu'protestieren. Die Polizei mischte sich hinein, man konfiszierte das Stück Zeug und eine Untersuchung wurde eröffnet. Am nächsten Tage hatten die Griechen unserer Stadt den Vorfall bereits ausgeschmückt. Man erzählte, dass nicht weniger als siebenhundert türkische Fahnen in den Synagogen gefunden worden wären, dass die .luden zur Feier des Neujahrsfestes ihr Allerheiligsles damit tapeziert hätten und dass sie in ihren Gebeten das Waffcnglück zugunsten der Ottomanen vom lieben Gott erflehten. . Die griechischen Zeitungen verbreiteten das Ereignis und schmückten es mit erfundenen, sehr genauen Einzelheiten und mit gehässigen Deutungen aus. Alle tadelten einmütig das Woldwollen der Regierung zugunsten der Israeliten. Die offiziöse Presse .betonte die Notwendigkeit, „diese Leute in Saloniki"' etwas strenger zu behandeln. Schon am nächsten 'tage fingen die Nörgeleien an. Um geringste Kleinigkeiten wurden viele Israeliten arretiert und mussten , tage lang für Vergehen in Fntersuchnngshaft bleiben, die nach gerichtlichen Verhandlungen nur mit kleinen Geldstrafen gesühnt zu werden pflegen. Nock jetzt warten ungefähr hundert Israeliten im Gefängnis darauf, dem Polizeigericht vorgeführt zu werden. Die Polizeibeamten scheinen sehr strenge Vorschriften, bekommen zu haben, denn für ein „Ja" oder ein „Nein"' brachten sie die armen Leute auf die Wache. Man sprach ganz offen davon, „alle Hebräer totzuschlagen" und bestätigte ernstlich, dass kein Jude davon kommen würde, sobald noch einmal der Krieg mit den Türken anfangen sollte. Viele von unseren Gla/ubensgcnossen sind aufrichtig erschreckt worden. Ein mit dem Namen „Noi'dau" luiterzoichncter Brief in der athenicnsisch.cn Zeitung „Emhros" tadelte das gehässige Verl)alten der Griechen gegenüber den Juden. Er war von einem Freund der .Israeliten ausgegangen und besänftigte die im übrigen zicmlicli oberflächliche UebeiTeizung der Journalisten wenigstens einigermassen. Auch der Grossrabbi bemühte sick vielfach bei den höheren Beamten um die Freilassung der Israeliten und bat selbst die Anwesenheit des Königs .Ronstantin in unserer Stadt benutzt, um von ihm am Vorabend des Jörn Kippur diese Gunst zu erwirken. Der König antwortete ihm, dass die Ge-

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