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Ost und West · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 889 - 890

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Das Begreifen der Welt
Date
1913-11-01
Page
Seite 889 - 890 (sequence 3)
Language
German
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«89 Dr. Emanuel Laskor: ,.Das Begreifen der Welt". 890 noch nicht, einen Teil von ihm bevorzugen. Der Stoff ist, heisst: er ist endlich. Was ist nun der Macheide, — dieser neue kräftige Gedanke, der das Werk vielleicht am meisten bekannt machen wird, der zu seiner Popularität am meisten beitragen wird? Das einer gestellten Aufgabe unübertrefflich angepasste Geschehen — das ist es. Der Macheide ist der Grenzgeist eines jeden Entwicklungsprozesses, der automatische Kämpfer', in dem bereits weder Gestaltung nocli Auslese sich bewusst bemerkbar machen — der Weltmeister in jeder Machee. Unser Auge, unser Ohr, unsere Muskeln, das sind alles Machelden. Sie wissen nicht, sie suchen nicht — sie sehen, sie hören, sie bewegen sich, sie vollführen diese in Wahrheit ungeheuerlichen, göttlichen Dinge von selbst, zweckvoll, sinnvoll. Der Macheide des Begreifens", das ist ein rechtes Ding —was ist das gegen den Ausdruck: Forscher! Ueberall und in allen Dingen dem Macheiden sich nähern wollen, das ist eine Aufgabe, das ist jedesmal: die Aufgabe. Während wir sonst stillschweigend gezwungen sind, ein Wort als idealen Wert, als idealen Gehalt uns zu denken, sind wir, sobald wir uns den Macheiden des Bezeichneten vorstellen, in der Lage, an die letzte Bewegung der Begriffe zu denken. Wer anders konnte diesen Prachtkerl, diesen Macheiden, entdecken, als —ein Macheide, als ein Weltmeister! Wer kämpfte mehr, wer kämpfte einen ideelleren Kampf als er! Vor ihm lagen die Gehirne vieler Streiter offen, ihre Entschlüsse zitterten um jeden kleinsten Schritt, er aber musste immer voran sein, er — messte siegen, musste für die Ehre eines Macheiden vor der Welt einstehen. — in seinen Maximen und Reflexionen „zur Naturwissenschaft" sagt Goethe von Schachspiel: ,,Die Natur hat uns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken können noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu tun, von denen wir uns Gewinn versprechen. . . . Ferner bedenke man, dass man immer mit einem unauflöslichen Problem zu tun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu beachten, was irgend auf eine Art zur Sprache kommt, am meisten dasjenige, was uns widerstrebt: denn dadurch wird man am ersten das Problematische gewahr, welches zwar in den Gegenständen selbst, mehr aber noch in den Menschen liegt". Im ersten Satz ist Laskers zweckdienliche Art wundervoll gekennzeichnet; ,,es ist an uns, Züge zu tun., von denen wir uns Gewinn versprechen" ■— ist das nicht das Leitwort des Verfassers? Im zweiten Satz, wird vom „unauflösbaren Problem" gesprochen, und davon, dass man in allen Dingen die denkbar grösste Mühe sich nehme, und endlich vom subjektiven Wesen des Menschen: vom persönlichen, vom Glauben. Gerechte, nützliche Tätigkeit, philosophisches Ringen und einen Glauben, der so stark ist wie das gewisseste Wissen, das lehrt uns der Entdecker des Macheiden. EIN GANG DURCH DAS JUDENVIERTEL IN AMSTERDAM. Von Stephanie Forchheimer. Zu den Sehenswürdigkeiten in Amsterdam, die im Baedecker mit einem Sternchen genannt werden, zählt auch das alte Judenviertel. Es ist bezeichnend für den Wandel der Zeiten, dass ein Stadtgebiet, das durch Jahrhunderte das Leben und Wehen eines Volksstammes in abgeschlossene!' Enge umfasste, heute als kulturhistorisch interessante]' Schauplatz vom Strome der Touristen und Reisenden durchflutet wird. Als solcher gilt dieser Stadtteil für all die Hunderte, die, von Cook geführt, diese Stadt durcheilen und nebst dem Reichsmuseum, dem Zoologischen Garten und dem Hafen auch die Besichtigung des Judenviertels in ihr Reiscprogramm aufnehmen. Aber dem stillen Beobachter, der diese alten Strassen und Plätze, die vom regsten Leben erfüllt sind, ohne Rundreiseführer und ohne amerikanische Hast durchwandert, wird dieses Stadtbild mehr sein als eine blosse Sehenswürdigkeit für den internationalen Fremdenverkehr. Das äussere Bild einer längst verflossenen Kulturperiode bietet den Rahmen für eine höchst lebendige Gegenwart. Doch das vielfältige Leben, das sich hier in Tausenden regt, hat die Grenzen, die dereinst vom Gesetz gezogen waren, auch heute nicht überschritten. Scheinbar unberührt von den neuen Fortschritten und grossartigen technischen Errungenschaften, die jenseits dieses Viertels eine moderne, den Welthandel beherrschende Grosstadt schufen, hat sich hier eine kleine Insel erhalten, die man unwillkürlich als ein freiwilliges Ghetto im 20. Jahrhundert bezeichnen möchte. In diesem merkwürdigen Gegensatz zwischen den Forderungen einer neuen Zeit und dem zähen Festhalten an einer Jahrhunderte alten Tradition liegt das eigentümlich fesselnde Interesse, das uns beim Betreten dieser kleinen Welt gefangen hält. Aus dem gewaltigen verkehrsreichen Innern der Stadt Amsterdam kommend, überschreiten wir die Brücke einen der vielen Kanäle, die mehr als die Strassen die Verkehrsadern dieser merkwürdigen, auf dem Wasser ruhenden Stadt bilden. Nach wenigen Schritten erhebt sich vor unseren Augen ein mächtiges, schmuckloses Backsteingebäude. Beinahe symbolisch bildet dieser ernste Bau den Eingang zu der abgeschlossenen Welt, die vor Jahrhunderten die Zuflucht eines unterdrückten und vertriebenen Volkes wurde. Nach Holland wandten sich im XV. Jahrhundert die Juden aus Spanien und Portugal, um den Verfolgungen in ihrer Heimat zu entgehen. Ihr Hauptsitz wurde Amsterdam, und durch den Handel und die Industrie, die sie entfalteten, gewannen sie Macht und Ansehen. Die Diamantschleiferei, die heute in Amsterdam eine der ersten derartigen Industrien der Welt bildet und nahezu 10 000 Arbeiter beschäftigt, kam durch portugiesische Juden nach Amsterdam. Bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts, als die Juden das

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