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Ost und West · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 885 - 886

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Das Begreifen der Welt
Date
1913-11-01
Page
Seite 885 - 886 (sequence 1)
Language
German
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885 „DAS BEGREIFEN DER WELT". Von E mannet Lasker*) — Besprochen von Arno Xadcl. Es ist schon oft die Frage vorgelegt worden, ob ein Mensch, der sich auf einem besonderen geistigen Gebiete in hervorragender Weise auszeichnet auch im allgemeinen bedeutend sein müsse, ob, sagen wir, ein grosser Zoologe oder ein berühmter Mathematiker auch eine vorbildliche Weltanschauung haben müsse. Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Erstens ist jeder Spezialist in seiner ganzen Tätigkeit gebunden und eingeschränkt: er muss, um Wichtiges zu bieten, zuviel 'Mühe auf sein Feld verwenden, er hat nicht nur schöpferisch zu wirken, sondern die Arbeit anderer zu prüfen, immerfort sich von neuem zu orientieren und hunderterlei Dinge zu vorrichten, an die der Aussenstehende nicht denkt, weil er heslonfalls nur für die Resultate einer SondorJois.teng Sinn hahen kann. Etwas anderes ist es schon, wenn vom ersten, bedeutendsten Vertreter eines Faches die Hede ist. Der ist dann zumeist eine in m; nnigfa* I:er Roziehung singulare Persönlichkeit. Nrn. wi ndere nu n sich nicht, wenn ich zu den geistigen Gebieten auch das Schachspiel zähle. Obgleich es keine auffallenden Werlo erzeugt, die über das Droit hin; i s das Leben berei< Lern, zeigt es doch so gekürzt und so übersichtlich v\ie möglich die Fo:mel aller Kampfesarlen 1 nd wird so zum Symbol des gerechten Streites überhaupt. (Lasker hat seinem eben erschienenen Werke eine äusserst anregende Schrift über Strategie im allgemeinen, ..K;mpf*' betitelt, vor; ngehon lassen). ..Kann nu n schon ein geistreicher Mann und ein grosser Schachspieler zugleich sein, so kann man auch ein grossei' S< hat I spieler i nd albern zugleich sein", so äuß ert si< h cor i nvo;g'ei< I.- liehe Diderot in seinem Dialog „Ibmeau.s Neffe"; das muss man wohl schon, wie bereits; ngedoulot, für gute, ja für hervorragende Schachspieler gellen lassen; der allererste Schachspieler aber wird gewiss immer auch eine bedeutende Natur sein. Das möchte man schon aus Verehrung für das tiefste und lebendigste aller Spiele wünschen — und das ist beim jetzigen Weltmeister vollkommen erfüllt. Emeneol L a s k e r hat in seinem Werke ..Das Begreifen der Welt" gezeigt, dass er nebenbei und dennoch in seiner Haupt- und und Herzenssache — ein Philosoph ist. Lasker ist ein durchaus moderner Denker. Er überblickt die bisherigen Ideen mit wachem, kritischem Auge, er nimmt sie, seihst wo er gern oder widerwillig lobt, mit einer gewissen eleganten Skepsis hin und setzt sich am ehesten mit neueren, ihm im ganzen zusagenden Geistern auseinander. Das liegt in der Art seines Wesens vollauf begründet: er ist ein geistiger Pragmatist, und das muss er sein, weil in ihm — hier begegnen wir seiner eigensten Natur — der machei'disclie Gedanke brennt. Das ist der Gedanke, dass jeder wahre Philosoph, wenn er auf berechtigte Realität Anspruch erheben will, die automatisch-letzte Funktion der Philosophie überhaubt sein müsse, dass jeder Denker immer der letzte Denker sei. Das ist eine ideale Forderung, die schon an sich genügend bedeutsam *) Verlag Hans Joseph G. m. h. H., Berlin 1913. ist. Auf den macbei'disclien Gedanken, den originellsten des Werkes, kommen wir noch zurück. — Lasker ist modern, — und eben darum berührt er sich mit den Alton — weil er hellseherisch die wahrnehmbaren. Dinge in ihrem annähernd wahren Element fühlt, in ihren Flu fangen, Wirrungen, Engen und Reibungen. Darum löst er die ganze Realität in anschauliche Abstraktionen auf: in Reihen, in Mengen, in Charaktere, in ideale, in natürliche und verschiedene andere Wesenheiten. Obenan aber steht ihm immer die genau fixierte Aufgabe, das umrissenc eindeutige Problem. Was gegeben ist. ist greifbar, sonst — so könnten wir fortsetzen — wäre es überhaupt nicht. Schon auf der ersten Seile, im kurzen Vorwort (welch.es mit de/ idealsten aller Forderungen beginnt : ,.Dies Buch ist für jedermann geschrieben'''), rinden wir den für das ganze Ruch kennzeichnenden Satz: „dass die Lösung einei' Aufgabe, welcher immer, von Wert i nd deuno< Ii unbedingt unerreichbar sein könne, wird abgeleh.nl". Das ist ein sehr wichtiger Faktor, i nd er wird es imi Ii besonders oder nur dadurch, d; ss er das Begreifen nicht als i nhedingles Erkennen, sondern sehle< hlliin als eine Art von Glauben auffassl. Aber anders als Rand, dessen ,,Ding an sich" er ,.abwinkt/', da ihm keine Wirklichkeit zugesprochen werden könne. Nur Eids» keidbares, etwas, das einer Probe unterworfen wci don kann, dürfe zi r Diskussion herangezogen werden. Da;s l.eskor Irolzdcm unser Hegreifen der AVeit nur als Glauben, als ,,e.in verhindenes System von inlellohiea.'on Wolh nien"', gelten k s;en mag, das ist seine Weile, H-ijie Fein!-.eil. „Philosophie ist also ein gelinderter Glaube, systematische geordnet". Nicht ein Wissen, in ein System gebracht. Denn eine Sicherheit der Erkenntnis, sagt Laskor, st leitet die philosophische Ueherlegung von selbst a.b. ('nd da die letzten Vorarsselzi ngun nicht anders •— da sie eben grundlos sein müssen — als auf (darben basieren, ist jede Philosophie ein Glaube. Man kann dies noch deutlicher machen, wenn man auf das Mnchenlische des Forschem hinweist-; da begreift man doppelt, warum der Entdecker des Machci'den das schönste, beseligendste Wissen, — denn selbst der Pessimismus ist rein als Wissen beseligender Art — die philosophische Erkenntnis nämlich, als einen Glauben bezeichnen mussle. Der WeJtprozcss ist noch nicht abgeschlossen, das Wissen ringt und wirbt um die Wahrheit, es ist in unzähligen Köpfen verschiedenartig vorhanden, hier nähert es sich dem Macheiden des Regreil'ens, dem idealen Erkenntniserringe!', mein*, dort weniger, aus vielem saugt der schöpferische Kämpfe!' dasjenige in sich auf, was ihm, dem endgilt ig Erkennenden, zusagt — also ist das Wissen jederzeit unvollkommen und deshalb eher als Glauben wie als Wissen zu bezeichnen. (Hierin tritt die Kunst in Gegensatz zur Erkenntnis. Ihre idealen Erzeugnisse sind jedesmal Vollkommenheiten, während die Erkenntnisdinge, wenn sie nicht wie bei Plate und einigen seiner Vorgänger mit KunstgebiJden fast identisch sind, vor dem Weltgeiste in jedem Moment vom

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