Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Die Glanzzeit des osmanischen Reiches
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 869 - 870 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584045-2605304--15017-2605352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
869 870 DIE GLANZZEIT DES OSMANISCHEN REICHES. (Die Juden in der Türkei in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts^) Von Dr. Simon Bernfehl...... : I. Der Friede von London hatte dem osmanisclun Reich das harte Los des Besiegten und Unterlegene l zugewiesen; von seinen europäischen Besitzungen sollte es nur Konstantinopel und einen sehmalen Streifen Hinterland behalten. Ah er das Schicksal zeigte sich bald minder unerbittlich. Der König der Bulgaren, der vor Jahresfrist das hässliclic Wort vom Kreuzzuge gegen die Türkei ausgesprochen hatte, geriet mit seinen Verbündeten auf dem Balkan in einen Streit um die Teilung der Beute, und dieses Zerwürfnis unter den Balkanstaaten kam der Türkei zugute. Durch den Frieden von Konstantinopel hat sie nicht nur das östliche Thrazien retten können; sie behielt auch die Stadt Adrianopel ungeteilt und noch einige wichtige Punkte am westlichen Ufer des Maritzafhisses. Von ihren ehemaligen Besitzungen auf dem Balkan, die sie vor dem Ausbruch des Krieges besessen hatte, ist ihr etwa der vierte Teil verblieben. Ob nunmehr der seit Jahrhunderten sich fortsetzende Abbröckchmgsprozess des ehemaligen Weltreiches sein Ende erreicht hat, lässt sich nicht voraussagen. Bei der in diesem Jahre erfolgten Aufteilung der europäischen Türkei an die verbündeten Balkanstaaten und der Begründung des albanischen Fürstentums haben auch mehrere jüdische Gemeinden ihren Herrn gewechselt. Was die Zukunft der Juden in den von der Türkei abgetrennten Landesteilen betrifft, so darf man nach dem jetzigen Stand der Dinge annehmen, dass diejenigen unserer Glaubensgenossen das beste Los gezogen haben, die unter die serbische Herrschaft gekommen sind. Seit dem Jahre 1S7S hat Serbien, das damals seine staatliehe Unabhängigkeit erlangt hat, ehrlich die in Berlin übernommenen Pflichten hinsichtlich der bürgerlichen G1 eiel LStellu ng aller Glaubensgemeinschaften erfüllt. Auch gesellschaftlich und wirtschaftlich hat das serbische Volk den Juden gegenüber eine durchaus korrekte Haltung gezeigt. Wenn auch früher die politische Lage der Juden unter der türkischen Herrschaft eine vorzügliche war, so lässt es sich doch nicht leugnen, dass sie viel unter dem wirtschaftlichen Niedergang der europäi- FRENKEL-MAXUSSON. Bildnis eines alten Juden. sclien Türkei zu leiden hatten, und auch/ kulturell sind sie' sehr zurückgeblieben. Für die-jüdischen ^Gemeinden in.Neu?Serbien kann somit der jetzt eingetretene Wechsel nur von materiellem und kulturellem Vorteil sein. . . In Bulgarien ist die Lage der. Juden leidlich, aber nicht allzu günstig'. 'Während des Krieges haben sich die Bulgaren nicht nur der muselmanischenBevölkerung, sondern auch Christen und Juden gegenüber als besonders grausam und unmenschlich gezeigt.; Im Frieden liegen die Dinge zwar nicht so schlimm, aber durch besondere Freundlichkeit gegen ihre jüdischen und muselmanischen Mitbürger haben sich die Bulgaren niemals ausgezeichnet. Die Türken, die man als gutmütig und redlich kennt, haben in keinem der Länder, wo sie früher geherrscht hatten, so über eine brutale Behandlung zu klagen gehabt, wie in Bulgarien. Und dass es jetzt in. Neu-Bulgarien .nicht besser sein wird, muss man leider befürchten; , Am grössten aber ist unsere Sorge um die jüdischen Gemeinden in Neu-Griechenland, insbesondere um die Gemeinde in Sal oniki, wo die Juden etwa vier Jahrhunderte hindurch unter dem Szepter .der osmanischen Herrsch er volle politischeundreligiöse'Freiheit.gQno^sen. Seit der Besetzung der Stadt Saloniki durch griechische Truppen haben die Klagen über unaufhörliche Misshandlungen der Juden nicht aufgehört, und wenn jetzt auch Raub, Plünderung und Meuchelmord dort nicht mehr so alltäglich sind, wie es im vorigen Winter der Fall war, so befinden sich doch die Juden noch immer in einer bedrängten Lage. Mag die griechische Regierung im Flieden die Zügel gegen das griechische Raubgesindel etwas straffer ziehen, gegen die Gehässigkeit, die feindliche Gesinnung der griechischen Bevölkerung, die ihr Mütchen an den Juden kühlen möchte, sind auch die Regierungsorgane machtlos. Auf traurige Nachrichten aus diesen Gemeinden müssen wir uns gefasst machen. Der Zerfall der europäischen Türkei, durch den zahlreiche jüdische Gemeinden in Mitleidenschaft gezogen sind, ruft in uns die Erinnerung an die Glanzzeit des BERLIN.