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Ost und West · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 867 - 868

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Vor Rosa Frenkel-Manussons Bildern
Date
1913-11-01
Page
Seite 867 - 868 (sequence 2)
Language
German
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867 Theodor Zlocisti: Vor Rosa Frenke!-Manussons Bildern. 868 IV FREAKEL-M AXUSSOX. BERLIN. Jude beim Gebet. vererbte sich in die Geschlechter, von Vater auf den Sohn, vom Sohn auf die Enkel. Und eines Teiges, wuchs aus diesem Geblüte ein. Urenkelkind, in dem die künstlerische Begabung nicht mehr die Umsetzungin Geschäftskleinode brauchte*: Rosa M anu s s o n schuf Werke, in denen sich ihre Seele — erlöst von. allem Zwange — selbst erlösen will. Die Farbe wies ihr den Weg in die Natur; und indem sie den bunten Schleier, der auf den Dingen und. den Menschen liegt, festzuhalten suchte, drang sie in das tiefste Geheimnis des Seienden ein. Die Art ihres Schauens gab ihr, fernab von allen Erkenntnissen der Psychophysik, zugleich ihre Stellung zu den malerischen Problemen. Nicht als Moderne und nicht sowohl als die Schülerin von Menard, Devallieres, Princt und "Gottet, vor allen aber von Lucicn Simon, schuf sie in jenem Gliarakter den Impressionismus, in dem Schauen und Schaffen eines sind und die Wahrheit des Objektes aus der ursprünglichen Weihe und Reinheit des Empfangens gewonnen wird. Also, dass das Ding und die Persönlichkeit ineinander!"Hessen, beide nur verschiedene Ausdrucksformen jenes Allgeistes, der sich selbst gleich bleibt im Schaffenden wie im Geschaffenem Dieser Impressionismus der Rosa Manusson ist im Wesen erfasst nur eine ins Malerische übersetzte, aus dem Unbewussten aufsteigende Weltanschauung, wie sie der Vater der Künstlerin in zwei wenig bekannten Dramen gestaltet hat: alljüdische Moral und Philosophie mit einem Panentheismus durchwirkend, der das Individuum aufhebt, um es im All als glitzerndes Kristall in der Sch'chinah wiederzuerkennen. Dieser Impressionismus, der ein anderes ist als eine Technik des Malens, ist als Inhalt genommen zugleich der stärkste Gegensatz zu jener „Literaturmalerei", deren Rationalismus der jüdischen Art besonders bequem ist. Seinen Intellektualismus reizt das Gegenständliche durch die Fülle seiner Kombinationsmöglichkeiten. Wie im Witz, so kann sich im Genrebild seine Freude an der Pointe ausleben.' Wer das Objekt nicht als einen Reflex seiner eigenen Seele wiedererkennt, seine Stimmungen in die Dinge tragend und das Erlebnis nur empfangend, weil es im eignen Ich bereits prüformiert ist: muss künstlerische Motive suchen, muss sich aus einer an sich nicht malerischen Sphäre, erst mittelbar aus literarischen Ueberlegungcn heraus die Gestalten so stellen, wie sie seine Idee am wirksamsten zum Ausdruck bringen. Gewiss kann auch auf solchen Umwegen eine rechtschaffene Gestalter kraft Werke von monumentaler Grösse hervorbringen, die Mitleid und Furcht in dem Reschauer erregen und seine Teilnahme bis zur Selbstvergessenheit steigern. Allein: der intellektuelle Schöpf erwill e überdeckt liier den triebhaften Schaffenszwancr. Rosa Manusson suchte die Natur, weil sich in ihrer Farbigkeit zugleich der Reichtum aller seelischen Möglichkeiten offenbart. Ihre schwelgerische Landschaftsfreude steigt aus den bunten Tinten auf. Blumen singen in wundersamen Symphonien. Und der Mensch ist nur ein farbiger Reflex der Allnatur. Rosa Manussons Kunst wich allen Erscheinungen aus, denen kulturelle Verzärtelung und Zerknetung die ursprünglichen Formen verändert haben. Sie will die psychologische Besonderheit nur dort anfassen, wo Wille und Schicksal noch nicht gesprochen oder wo sie ihr Werk vollendet haben: wo der Mensch noch Natur .oder schon so abgestumpft ist, dass er nur noch Natur sein kann. Im Bildnis von Kindern, vor allem aber in der Darstellung von Greisen und alten Weibern, die nur noch so sein können, wie sie sind, entfal tet sich ihre Meisterschaft. . Wie ein verdorrter Baum steht der ,,Bettler" in der. Landschaft. Die ,,Greisinnen in der-Idiotcnanstalt" sind schon der StaiÜ3, aus dem sie geworden, nur noch Objekte für das Spiel der Sonnenstrahlen. Der „betende Jude" sagt nichts von seiner Sehnsucht und seinem Hoffen. Beten ist ihm wie das Atmen Natur, ein Bedürfen, von dessen Zwang er nichts mehr weiss, fast eine animalische Funktion, wie das „Mahl der Armenhäiislerinncn". •Realismus und Idealismus verlieren ihren Sinn. Wir sind nichts; und. wir sind alles; Schatten und Licht, Staub und Gottheit; Farbenträger oder Seelenträger : eine flüchtige Impression aus der Urfülle der Impressionen der . Natur. So will Rosa Manussons Impressionismus begriffen sein: Gleichgültigkeit und tiefste Ergriffenheit. Wh1 und die Welt sind, weil wir im farbigen Lichte sind. Die Natur ist nüchtern und ist ein Rausch.

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