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Ost und West · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 865 - 866

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Vor Rosa Frenkel-Manussons Bildern
Date
1913-11-01
Page
Seite 865 - 866 (sequence 1)
Language
German
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865 8G6 It. YR ENK EL - MANU S S ON. Die Kinderschule. BEHLIN. VOR ROSA FRENKEL- MANUSSONS BILDERN. Von Theodor Zlocisti. Nur-eine Art des Schauens, die sich nicht von der bequemen Ausscnseite befreien kann, wird in dem jüdischen Künstler eine ungewöhnliche Erscheinung dieses Volkes sehen. Dass die Juden wissenschaftliche Gedanken fassen und entwickeln können, nimmt nicht Wunder. Sie waren immer ein Volk des Buches. Und die Pflege einer feineren Geistigkeit war mehr denn ein persönliches Bedürfnis von altorsher. Sie war in der Zeit der Bedrückung eine Notwendigkeit. Wo der Arm schwach blieb aus dem Zwange der ,.freien" Berufe, wo die Entfernung vom Ackerbau die animalischen Kräfte nicht entfalten Hess, musste die Steigerung der intellektuellen Fähigkeiten allein das Gewaffen für den Kampf ums Dasein schaffen. Geist, scharfe Beobachtungsgabe und eine Phantasie, die über die Schwere des Möglichen h in ausf lattern kann bis ins Land der Unmöglichkeiten, waren Erfordernisse des Lebens, Mittel der Selbsterhaltung. Mit dem Nachlassen äusserer Bedrückung konnten diese angezüchteten Eigenschaften und Encrgieen ihre Elastizität verlieren. Sie mussten es nicht. Nur dass sie neue Formen und neue Ziele gewannen. Zwischen dem scharfsinnigen Talmudisten und dem scharfen Juristen von heute ist nur cm rein formal gerichteter Unterschied. Und man wird nichts Verwunderliches darin finden können, dass Enkel jener Männer zarte Lyriker wurden, deren höheres Leben durch die Gärten der Agadali wandelte, deren Unbefricdigtsein an der Kruste der Alltäglichkeit hinaufsehnte in das bunte Schleierland jüdischer Mystik. Aber von dem gestaltenden Künstler jüdischer Abstammung scheint sich keine Brücke zu wölben zur Artung und zum Treiben seiner Ahnen. — ... In einem russischen Städtchen lebte ein Mann, der, wie seine Stammgenossen alle, ein Händler war. Aber er hatte keinen Sinn für Getreide und für Holz und blieb ganz unberührt von jenem Krämergeist, für den der Gegenstand an sich gleichgültig ist und nur einen Wert hat als Objekt des Tauschens und des Gewinnens. Sein Gebiet waren die edlen Gesteine : Diamanten, Rubinen, Saphire, Smaragden. Er hatte seine Lust an ihrem Gefunkel, an jenem glitzernden Feuer, das die Kraft der Gestirne ist: gierig die Strahlen der Sonne aufzufangen und mit dem erborgten Gute zu prunken. Gewiss: er handelte mit Steinen. Aber er hörte nicht auf, ihr Liebhaber zu sein. Er berauschte sich an ihren Farben und fand in ihnen die Führung* zu alten Gemälden; ihr feiner Schliff erzog sein Auge für die Grazie alter Kleinplastik, für die zierlichen Künste, mit denen eine geduldige Zeit und ein träumerischer Geist die Geräte auch des Alltags zu persönlichsten Besitztümern umschuf. Es war eben ein Künstlersinn, der ihn zu diesem Handel befähigte. Und dieser Künstlersinn

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