Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 811 - 812

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Juden als Erfinder und Entdecker
Date
1913-10-01
Page
Seite 811 - 812 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584044-2605187--14965-2605255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

811 Dr. Max Grunwald: Juden als Erfinderjjmd Entdecker. 812 nähert, so haben sich nicht minder um die Förderung des Verkehrswesens, das die räumlichen Entfernungen immer rascher aufhebt, jüdische Erfinder erheblich verdient gemacht. Auffallend ist eine Bemerkung in dem einst vielgelesenen Buche Sehne luchot habt erit an der Stelle, wo von dem Magneten die Rede ist, der unter dem Namen „Eben schoebet" schon früh in jüdischen Kreisen bekannt war. Dort heisst es: „Wenn man einen Magneten entzweibricht und das eine Stück von dem andern selbst 1000 Tagereisen weit entfernt, dann dem einen Teil ein Stück Eisen nähert, so macht alle die Bewegungen des einen Magnetbruchstückes auch das andere selbst in weitester Ferne mit." Dies erinnert auffallend an die Telegrapliie ohne Draht. Dass der eigentliche Erfinder des Telephons, Philipp Reis, ein Jude war, behauptet Adolf Kohut in einer Notiz, die bisher ohne Widerspruch geblieben ist, und Graham Bell, der das Telephon für den menschlichen Verkehr brauchbar gemacht hat, soll, wie Ingenieur Josef Popper mir mitteilte, aus einer Edinburger jüdischen Familie stammen. Das T e 1 e g r a phen - und Telephonwesen hat der Badenser Elias Elkan Ries, jetzt in Neuyork, zu seinem Arbeitsfeld erwählt und auf seine Erfindung nicht weniger als 150 Patente erworben. B. Egger, Mitarbeiter an dem ersten Hughesseben Typendrucktelegraphen, kam 1865 nach Wien, konstruierte die Signalglocken auf den Wächterhäusern der österreichischen und russischen Bahnen und in Gemeinschaft mit Marcus die erste Bogenlampe in Oesterreich. Hier stellte er auch als erster Dynamomaschinen und — in diesem Sinne ein österreichischer Rathen au — elektrische Glühlampen her. Er starb 1910 in Wien. Israel Keller in Warschau erfand eine Vorrichtimg vom fahrenden Zuge aus zu tc.'cphonieren. Der Telephonautomat ist ein Werk Siegfried Silberbergs in Neuyork. Das Mikrophon, unter dem Namen , The Berliner" bekannt, sowie das G r a in mophon hat Emil Berliner aus Hannover, jetzt in Washington, zum Vater. Ein elektromagnetisches Telephon und automatische elektrische Signalglocken, die in den Londoner Stadtgefängnissen eingeführt sind, erfand Julius Sax, ein russischer Jude, der für seine Gold- und Chemikalienwagen und andere Leistungen 8 mal prämiiert wurde und die Instrumente für die kgl. Münze in London liefert. In einer der dortigen Synagogen bekleidet er das Amt als Bethausvorsteher. Ganz besondere Würdigungverdient ein anderer russischer Jude, dessen Name jedem geläufig ist, der das östliche Judentum auch nur aus der Vogelperspektive kennt, es ist der Schwiegersohn Ahr. Sterns: C h a j i m S e 1 i g S 1 o n i m s k y, 1S10 in Bialystok geboren, war er der erste, der die Juden des Ostens durch das Medium der hebräischen Sprache mit der modernen Wissenschaft vertraut machte. Er hat natürlich für viele Begriffe einen eigenen hebräischen Wortschatz schaffen müssen. 1842 führte er der Petersburger Akademie der Wissenschaft eine von ihm konstruierte Rechenmaschine vor, die ihm den Demidofpreis von 2500 Rubeln eintrug. 1853 erfand er ein chemisches Verfahren, Stahlschiffe mit Blei zu panzern, 1856 im Verein mit dem feinsinnigen Schriftsteller und Erfinder AronBe r n - stein eine Schnelltelegraphie, die Aron der preussischen Postverwaltung angekauft und von dem bekannten Lord Kelvin 185S vervollkommnet wurde. 1862 begründete er die hebräische Wochenschrift Hazefira, die mit ihm nach mancherlei Wanderungen 1S75 nach Warschau zurückkehrte, wo Slonirnsky 1S04, also im Alter von 94 Jahren, seine Tage beschlossen hat. j (Fortsetzung folgt.) KOL-NIDRE. (Siehe nachstehende Noten). Dieser Bearbeitung der ewigen Melodie ist das Kol-nidre der Wilnaer Juden nach einer Aufzeichnung von G.E. Golomb zugrunde gelegt worden. Golornb, ein Wilnaer Schriftsteller, war einer der ersten, der jüdische Lieder und synagogale, populäre Weisen fixierte, um sie dem musizierenden Publikum zugänglich zu machen. — Mit welcher Feierlichkeit, Innigkeit und mystischer Versenkung dieses wahrhaft dem Himmel entstammende, mit dem-Begriff „jüdische Musik" fast identisch gewordene Stück vorgetragen wird, kann nur der wissen, der es in jenen frommen Gegenden einmal vernommen; vor allem in Wilna, dem „zweiten Jerusalem", wie der littauische Jude seine Hauptstadt gern zu bezeichnen pflegt. Dass die Melodie viel bewegter ist als in den deutschen „kunstgerechten" Fassungen, kommt namentlich daher, weil man in Russland die Worte zumeist ans Ende einer Phrase setzt, während die eigentliche Melodie, wie in vielen andern hervortretenden Fällen, auf „ai, ai" gesungen wird. Auch der Umstand, dass der Kantor das Kol-nidre dreimal vorträgt und jedesmal, nach der Vorschrift, „die Stimme mehr erhebt als das vorangehende Mal", hat natürlicherweise nicht wenig zu leisen Varianten der einzelnen Abschnitte beigetragen; endlich wohl auch die Tatsache, dass diese wunderbare Weise weniger eine Ausdeutung des Textes ist, als eine unvergleichliche Symbolisierung des hocherhabenen, Kraft, Schauder und Beruhigung einflössenden Tages. A. N.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.