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Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 777 - 778

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Die Fruchtbarkeit der Juden
Date
1913-10-01
Page
Seite 777 - 778 (sequence 3)
Language
German
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777 Dr. H. Hoppe, Königsberg i. Pr.: Die Fruchtbarkeit der Juden. 778 gleicher Weise nur in geringerem Grade); und obgleich von 1822/1840 nach. Hoff mann bzw. Neumann (Segall, Zschr. Dem. 1912, 82) die preussische Judenheit durch Zuwanderung einen Gewinn von 9567 bzw. 10 500 Personen erfuhr, so hat doch in der nächsten Periode 1841/66 keine Zunahme, sondern eine kleine Abnahme der Geburtenrate stattgefunden. Allerdings war in dieser Periode der Abwanderungsverlust der Juden ziemlich stark. Aber was das wesentlichste ist, auch nach 1895, wo nach Segall (ib. 86) die Auswanderung aufhörte und bis 1910 eine Zuwanderung ausländischer Juden von 16_000 stattgefunden hat, hat die Geburtenrate keineswegs zugenommen, sondern sie ist stetig und nicht unbeträchtlich (s. Tab. 1) weiter gesunken, von 1901 bis 1909 allein um 3,12 p. m. oder um über 15%. Nun will ich zugeben, dass die Abwanderung einen vermindernden Einfluss auf die Geburtenrate ausüben kann, zumal wenn, wie Segall behauptet, die Auswandernden meist männlichen Geschlechts waren und im zeugungsfähigen Alter standen (Berufliche Verhältnisse, 6). Aber selbst wenn diese Behauptung richtig wäre, für die S e g a 11 nicht den geringsten Beweis bringt, so ist doch nicht zu vergessen, dass die Geburtenrate das Verhältnis der Geburten zur anwesenden Bevölkerung ist und dass mit der Auswanderung nicht nur die Zahl der Geburten, sondern auch die Zahl der Bevölkerung abnimmt. Dazu kommt noch, dass in Wirklichkeit nicht nur junge Männer, sondern auch viele Frauen, junge Mädchen und Kinder sowie Personen jenseits der zeugungskräftigen Jahre auswandern. Von den im Haupteinwanderungslande Amerika eingewanderten Juden waren i. J. 1905/06 72 729 erwachsene Männer, 53 841 erwachsene Frauen und 30 394 Kinder (Zschr. Dem. 1907, 32), Frauen und Kinder überwogen also an Zahl die Männer; dem Alter nach waren 28,36% unter 14, 66, 27% 14—45, 5,37% über 45 Jahre alt. 1903/04 (ib. 1905, I, 32), 1904/05 (ib. 1906,16), 1907/08 (Ruppin, 88) waren die Verhältnisse mit gewissen Schwankungen ähnliche. Von den 1910/11 in Amerika eingewanderten 91 223 Juden waren 48 935 männlichen Geschlechts, und 63 674 69% zwischen 14 und 44 Jahren (Zschr. Dem. 1912, 163). Von den 17 000 Juden, die 1880/85 aus Preussen auswanderten, werden also etwa 1000 über 45 Jahre, 4500 unter 14 Jahren, 11 500 Erwachsene zwischen 14 und 45 Jahren, darunter etwa 5000 Frauen, 6500 Männer gewesen sein. Man wird ferner annehmen können, dass die Männer im allgemeinen nicht vor dem 25. Lebensjahre heirateten. Es würden also von ihnen die von 14—25 Jahren fortfallen, wenigstens für die fragliche Periode 1881/85 und zur Hälfte auch noch für die nächste Periode 1886/90, die andere Hälfte wird aber zum grossen Teil wett gemacht durch die über das Alter von 45 Jahren hinausrückenden Männer, die dann kaum noch Kinder in die Welt setzen. Man wird also von den 6500 Männern gut 2000 abziehen können, die für die Zeugung von Kindern in der angegebenen Zeit nicht in Betracht kommen. Es würden dann nur 4500 zeugungskräftige Männer übrig bleiben. Bedenkt man, dass diesen noch eine erkleckliche Zahl eingewanderter jüdischer Männer im zeugungsfähigen Alter entgegenstehen, — 1890/1895 betrug nach Segall (Zschr. Dem. 1912, 85) die Zahl der jüdischen Einwanderer etwa 2500, 1880/85, wo noch keine solchen Einwanderungsbeschränkungen in Preussen bestanden, als sie dann später in Kraft traten, wird sie sicher nicht geringer gewesen sein —, so wird man wohl mindestens 600 zeugungskräftige Männer rechnen können, so dass nur ein Verlust von höchstens 3900 zeugungskräftigen Männern resultieren würde. Wenn also auch dieser Verlust eine Verminderung der Geburten und der Geburtenrate verursacht haben muss, so kann doch dieser nicht einen so gewaltigen Einfluss ausgeübt haben, wie S e g a 11 annimmt. Dass in der Tat die Auswanderung junger Männer ,,in heiratsfähigem Alter" (S e g a 11, 6) keinen so bedeutenden Einfluss ausgeübt haben kann, beweist der Umstand, dass die Zahl der Eheschliessungen bei den Juden weder absolut noch relativ in irgendwie wesentlicher Weise abgenommen hat. Es betrug die Zahl der Eheschliessungen in Preussen (Zschr. Dem. 1911, 183 u. 184): absolut auf 1000 Personen 1876/80 ....... 2373 7,05 1881/85 ....... 2334 6,78 1886/90 ....... 2410 6,93 1891/95 ....... 2491 7,05 1896/1900 ...... 2567 7,23 1901/05 ....... 2576 7,05 1906 ......... 2739 7,58 1907 ......... 2742 7,41 1908 ......... 2625 7,24 1909 ......... 2584 7,13 Bei den Christen ist die Heiratshäufigkeit allerdings grösser, bei den Evangelischen um über 1 p. m., bei den Katholischen um ca. 0,5 p. m.; auch hat bei den Christen eine starke Steigerung der absoluten Zahl der Elleschliessungen stattgefunden (von 194 000 auf 274 000), sicher vorzugsweise infolge der starken Bevölkerungszunahme. Möglich, dass die geringe Abnahme der Eheschliessungen bei den Juden 1881/85 auf Auswanderung zu beziehen ist. Aber 1908 und 1909 hat eine weit grössere Abnahme stattgefunden. Ferner behauptet S e g a 11 (ib., 6), dass die zugewanderten Juden gerade entgegengesetzte Zusammensetzung zeigen als die ist, die er den Auswanderern zuspricht, nämlich, dass sie vorzugsweise aus Verheirateten bestehen, die, nachdem sie im Auslande jung geheiratet und mehrere Kinder gezeugt haben, nach Deutschland kommen, wo sie nicht mehr viel Kinder produzieren, und dass ausserdem viele Ausländer unverheiratet (Studenten), andere alt sind. Zu dieser Behauptung kommt S e g a 11 durch seine angeblichen Erfahrungen über die Verhältnisse in München, die er ohne Recht verallgemeinert. Für Königsberg z. B. trifft dies durchaus nicht zu.. Hierher kommen und kamen vorzugsweise junge jüdische Leute, als Korrespondenten, junge Kaufleute usw., heiraten hier und vermehren im allgemeinen die Zahl der jüdischen Geburten ganz beträchtlich, da sie zum grossen Teil noch an den alten jüdischen Traditionen festhalten und von neumalthusianischen Grundsätzen noch wenig angekränkelt sind. Aber auch in München stellen die östlichen Juden nach den Angaben des Münchener Rabbinats und des Münchner Beschneiders, der ein Buch sämtlicher Geburten männlicher Juden führt, die Hälfte des jüdischen Nachwuchses, obgleich sie nur den dritten Teil der jüdischen Bevölkerung bilden (T h e i 1haber , 65). Es ist also durchaus nicht bewiesen, dass der Verlust durch die Auswanderung durch die Einwanderung nicht kompensiert worden ist. Alles in allem steht S e g a 11 s Behauptung, dass der jüdischen Auswanderung aus Deutschland die wesentlichste Schuld an dem Geburtenrückgänge der deutschen Juden zufalle, auf sehr schwachen Füssen. (Schluss folgt.)

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