Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 775 - 776

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Die Fruchtbarkeit der Juden
Date
1913-10-01
Page
Seite 775 - 776 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584044-2605170--14915-2605237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

775 Dr. H. Hoppe, Königsberg i. Pr.: Die Fruchtbarkeit der Juden. 776 Wesentlicher ist die ebenfalls der jüdischen Tradition entgegenstehende steigende Z u n a h m e d e s J u n g - gesellentums, das besonders durch das Grossstadtleben begünstigt und erleichtert worden ist. Auch hierin übertreffen die Juden, da sie zum überwiegenden Teil Grossstadtbewohner sind und in stärkerem Masse den wohlhabenden Ständen angehören, in denen das Junggesellentum ebenso wie das spätere Heiratsalter besonders verbreitet sind, die übrige Bevölkerung. So waren schon 1880 in Frankfurt a. M. von den männlichen Personen über 15 Jahren bei den Juden 51,69%, von der Gesamt-Bevölkerung .nur 47,20% ledig (Zschr. Dem. 1910, 144). In Berlin waren am 1. Dezember 1900 von den männlichen Juden über 20 Jahre 48,38%, von den männlichen Christen entsprechend nur 39,62% ledig (Ruppin, 74). In Kopenhagen (Ruppin, ib.) waren ledig von den Männern bei den im Alter von Juden Ges.-Bev. 20—25 Jahren........92,4% 89,0% 25—30 „ .........56,3% 47,2% 30— 35 „ ........38,7% 24,5% 35-40 „ ........26,1% 16,5% 40-45 „ ........16,2% 12,6% In M ü n c h e n waren am 1. Dezember 1900 männliche Personen ledig (T v s z k a , Zschr. Dem. 1907, 59): im Alter von Juden Christen 16—30 Jahren.........9,4% 8,5% 31—50 „ .........29,3% 23,2% 51-70 „ .........10,6% 11,0% Von Frauen waren umgekehrt wesentlich weniger Jüdinnen als Christinnen ledig, von 16—30 Jahren z. B. 63,7 gegen 73,8, von 31—50 Jahren 12,9 gegen 24,6%. In Hessen waren 1900 (Ruppin, Zschr. Dem. 1907, 171) von den über 20 Jahre alten männlichen Personen ledig bei den Juden 37,7 gegen 31,3 % in der Gesamtbevölkerung, Frauen 28,2 gegen 24,8%. In Italien endlich waren 1901 unter den über 51 Jahre alten Personen ledig (Zschr. Dem. 1905,1,14) : Juden Ges.-Bev. Männer...........43,8% 39,0% Frauen ...........36,8% 31,8% Beim weiblichen Geschlecht sind die Unterschiede nur gering. Dazu kommt noch, dass die unehelichen Kinder von männlichen Juden, die wohl zum grössten Teil mit Christinnen gezeugt werden, im wesentlichen dem Christentum zufallen, während die unehelichen KindeT von Christen fast ausschliesslich dem Christentum verbleiben. Sicher wird dadurch die Geburtenrate der Juden zugunsten der Christen ungünstig beeinflusst, und zwar in zunehmendem Masse, je mehr das Junggesellentum bei den Juden zunimmt und das Heiratsalter hinaufrückt. S e g a 11 hält es für unberechtigt, wenn man die abnehmende Geburtenzahl „in erster Linie und geradezu ausschliesslich auf eine, freiwillige Herabminderung der Fruchtbarkeit zurückführt" (Deutsch. Reich 1911, 489) und hält dafür den Beweis nicht erbracht. In seiher neuesten, etwa y2 Jahr später erfolgten Publikation: ,,Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland" (Berlin 1912) trägt er der „rationalistischen Denkweise" schon mehr Rechnung und spricht von den schweren Nachteilen, die die Herabminderung der Fortpflanzung für die jüdische Gesamtheit im Gefolge hat, betont aber, dass „die moderne Denkweise keineswegs alle Schichten der modernen Juden erfasst hat," was auch niemand behauptet hat. In erster Linie führt S e g a 11 jedoch (a. a. 0., 14 ff.) äussere Gründe für die Herabminderung der Geburten bei den deutschen Juden ins Feld, und zwar die Auswanderung und die Binnenwanderung der Juden. Was die Auswanderung betrifft, so weist Segall darauf hin (a. a. 0., 5), dass nach der Schätzung Theilhabers (Zschr. Dem. 1905, XII, 6 u. 7) von den 3x/2 Millionen Deutschen, die am 1. Januar 1901 im Auslande lebten, mindestens 2%, also zirka 70 000, Juden waren, während die Zahl der in Deutschland lebenden, im Ausland geborenen Juden nur 41113 betrug. Segall stellt diese Zahlen einfach gegenüber, um zu erweisen, dass bis 1900 viel mehr Juden aus Deutschland ausals eingewandert seien. S e g a 11 bedenkt aber nicht, dass die 41133 jüdischen Ausländer, die 1900 in Deutschland ermittelt wurden, nur die fremdbürtigen Juden darstellen, von ihren Kindern also nur diejenigen, die auch schon im Ausland geboren waren, berücksichtigt sind, während die in Deutschland geborenen Kinder dieser Ausländer dabei nicht mitgezählt sind. Die im Auslände ermittelten Deutschen aber umfassen,wenigstens in den meisten Ländern des Auslandes, alle Personen deutscher Nationalität. Ausschliesslich Reichsgebürtige wurden nur in 4 von den 26 Staaten, aus denen Zählungen vorliegen, gezählt, und zwar in der Schweiz (3684), Bulgarien (5), Serbien (1), Siam (2), im ganzen also 3692 Juden, während die in den übrigen 22 Ländern gezählten 2700 Juden die Reich sangehörigen, d. h. die Reichsgebürtigen und deren im Auslande geborenen Kinder umfassen, natürlich soweit sie nicht im Auslande naturalisiert worden sind. (Vierteljahrsh. Stat. Deutsch. Reich 1905, Erg. II. 1, S. 1 u. 14.) Die beiden von Segall gegenübergestellten Zahlen lassen sich also nicht miteiander vergleichen. Die in Deutschland lebenden fremdbürtigen Juden mit ihren in Deutschland geborenen Kindern dürften vielleicht die Zahl der im Ausland lebenden deutschen Juden mit deren Kindern erreichen, zumal die ausländischen Juden noch einen wesentlich grössere Kinderzahl haben als die deutschen Juden. Jedenfalls fehlen Segall die genügenden Anhaltspunkte, um von einer „negativen Wanderungsbilanz" der deutschen Juden sprechen zu können. Einen besonderen Wert für seine Beweisführung legt S e g a 11 auf den starken Abwanderungsverlust der Juden im Jahrfünft 1880/1885, der nach ihm in Preussen fast 17 000 betragen hat, während er von 1872/1880 von Neumann auf nur 9000, von 1840/1886 auf 44000, also in dieser ganzen Zeit jährlich etwas über 1000 betragen hat; nach S e g a 11 dauerte diese Abwanderung von preussischen Juden in schwächerer Weise bis 1895 fort, und Segall schätzt den ganzen Verlust, den die preussischen Juden von 1880 bis 1895 dadurch erlitten haben, auf etwa 30 000, also auf durchschnittlich 2000 jährlich (Zschr. Dem. 1912, 83 u. 84). Auf diesen Verlust will nun S e g a 11 im wesentlichen die starke Abnahme der Geburten in dieser Zeit und darüber hinaus zurückführen. Nun ergibt ja allerdings ein Blick auf die Tabelle, dass die Geburtenrate der preussischen Juden im Jahrfünft 1886/90 ganz bedeutend gegen das vorangegangene Jahrfünft 1881/85, und zwar um 4,19 p. m. zurückbleibt, aber auch 1881/85 weist gegen 1876/80 eine Abnahme um 3,56 p. m. auf, und überhaupt sehen wir seit 1817 eine andauernde, bald schneller bald langsamer fortschreitende Abnahme (bei den Christen übrigens in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.