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Ost und West · 1913-09-01 · Heft 9 (September 1913) · p. Seite 731 - 732

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 9 (September 1913)
Article
Die Juden in Russland
Date
1913-09-01
Page
Seite 731 - 732 (sequence 1)
Language
German
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731 732 ^NVMITTEILU N G EN '"ffy des Central-Comitesder ® Alliance Jsrd61ite Universelle na m D^yT^t" biotir» Bureau des C n il......| ||M | , g Ii nl h Bureau: Charlorrenburg.Grolrnan DIE JUDEN IN RUSSLAND. T Bei den Diskussionen über das Budget wurde in der Duma die Lage der russischen Israeliten wiederholt von den Mitgliedern dieser gesetzgebenden Körperschaft zur Sprache gebracht. Als die Debatten über das Finanzbudget im Gange waren, hol) der Abgeordnete Schingarew hervor, dass die systematische Unterdrückung der Juden traurige Folgen für die wirtschaftlichen Interessen des Landes gezeitigt hätten. ..Ich besitze," sagte er unter anderem, „eine ganze Reihe von Berichten der Vorstände von Handelskammern, die der Politik vollständig fern stehen. Alle weisen den Herrn Ministerpräsidenten auf den Sehaden hin, der der Industrie durch die zahlreichen Ausweisungen von Juden erwachsen ist. Diese Ausweisungen bedrohen die Organisation des Landes und verringern den Kredit. Aus Kiew und aus Kursk sind uns von Seiten des Syndikats der Kaufleute und der Börsenkomitees Berichte über die schlechte Behandlung der ausgewiesenen Juden zugegangen, die man bei strengstem Frost zu Gewaltmärschen gezwungen hat. Andererseits schädigen die Einrichtung der Regist erblicher für die jüdischen Handelsreisenden und das daraus entstehende Verbot, über eine bestimmte Frist hinaus in den Städten zu weilen, die nationale Industrie zum Vorteil des Auslandes." Der Redner ereiferte sich alsdann über die neuerliche Kampagne zur Befestigung des Aberglaubens an das Märchen des Ritualmordes, die eine lebhafte, von den leitenden Kreisen nicht ungern gesehene Bewegung zur Folge haben wird. Der israelitische Abgeordnete Friedmann bewies seinerseits, dass die Juden in Russland niemals grausamer behandelt worden sind, als eben jetzt. Zu keiner Zeit hätten die Ortsbehörden ihnen grössere Feindseligkeit entgegengebracht. Zur Unterstützung dieser Behauptung führte er den seltsamen Bescheid des Handelsministers an, den dieser bei Gelegehneit eines Ausweisungsvorschlags dem Generalgouverneur von Turkestan gab: „Ich unterschreibe im voraus alle vorgeschlagenen Einschränkungsmassregeln der Judenrechte." Als das Budget des Ministeriums des Innern zur Beratung stand, hielt der konstitutionell-demokratische Abgeordnete Miliukoff eine bedeutsame Rede. „Im Jahre 1905," so führte er ungefähr aus, „als die Verfassung eingeführt worden war, dachte man daran, die Abschaffung aller gegen die Juden bestehenden Einschränkungen vorzuschlagen. Am 22. Mai 1907 veröffentlichte Stolypin sein Rundschreiben, das das Aufenthaltsrecht der Juden erweiterte. Aber seit dem Jahre 1909 hat die Regierung unter dem Druck des Adels eine systematische Judenhetze organisiert. Es werden Leute ausgewiesen, die 30—40 Jahre an demselben Ort gelebt hatten, nicht einmal achtzigjährige Greise werden geschont. Während eines einzigen Monats sind im Jahre 1910 gegen tausend Personen aus Kiew ausgewiesen worden. In Tula sind vier alte Frauen von 60—80 Jahren der Ausweisung entgangen, indem sie Veteranen von Nikolaus I. heirateten, weil diesen das Wohnrecht zusteht. In Wologda sind städtische Beamte in Gegenwart A*on Polizisten von Haus zu Haus gezogen und haben sich erkundigt, ob dort Juden wohnten; wenn sie einen fanden, wurde er ausgewiesen, selbst wenn er das Aufenthaltsrecht besass. Je weiter die Entfernung vom Zentrum, desto reicher blühte die Willkür. In Taschkent, in Tomsk und Irkutsk wurden im strengsten AVinter, bei ungeheurer Kälte, Ausweisungen vorgenommen. Der von seinem bisherigen Wohnort ausgewiesene Jude wanderte von einem Ort zum andern und wurde überallhin von den Verwaltungsbehörden verfolgt. In Kharbin wurde er nicht aufgenommen; man sagte ihm, ,das wäre noch die Fortsetzung von Sibirien'. Aus allen Teilen Russlands wurden Juden ausgewiesen; kein Stand, keine besonderen Verhältnisse wurden geschont. Man trennte Kinder von ihren Eltern: man vertrieb Handwerker, Kranke aus Kurorten und aus ihren Landhäusern, Schüler von Sommerausflügen, Musiker, die zu einem Wettbewerb irgendwohin gekommen waren, ja sogar Advokaten. In folgender Art wurde mehrfach zu Werke gegangen: im Gouvernement Smolensk schoss man in den Wäldern auf die Israeliten; in Irkutsk verhaftete man sie am Bahnhof, und in Jalta am Hafen; im Gebiet von Suraje zwang man die Juden aus ihren Häusern, indem man ihnen im vollen Winter die Türen und Fenster aushob. In St. Petersburg wies man Kinder aus, die an den Masern erkrankt waren. Da die Prostitution das Aufenthaltsrecht in St. Petersburg gibt, lassen sich viele junge Mädchen, die zum Besuch der Universität in die Hauptstadt kommen, das ominöse gelbe Billett geben, und die Polizei wacht streng darüber, dass sie ihrem offiziellen Beruf entsprechend leben. Andernfalls werden sie ausgewiesen. Diese Reden haben wohl bei der Tagesordnung mitgewirkt, die der Regierung ein Misstrauensvotum aussprach: mit 164 gegen 117 Stimmen hat die Duma festgestellt, „dass die regierenden Behörden durch ihre" Anwendung der bestehenden Gesetze jfdie Bürgerschaft spalten und Russlands Macht schwächen." Trotz dieser Stellungnahme von seilen der autorisierten Volksvertreter hat die Lage der russischen Israeliten noch keinerlei Aendernng erfahren. Zu Beginn dieses Sommers sind an die Verwaltungsbeamten Rundschreiben erlassen worden, die sie an

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