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Ost und West · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Article
Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien
Date
1913-08-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 7)
Language
German
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643 E. E.: Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien. 644 Unterstreichung jeder einzelnen Silbe zu sprechen. Der Direktor "dieser Anstalt überzeugt uns mit scharfer Logik, dass beides vermieden werden könne; er überzeugt uns aber auch, dass er seine Theorien erfolgreich in die Praxis umsetzt. Die Zöglinge, und namentlich die jüngeren» lassen bei ihrem Sprechen bereits das auch für den Zuhörer qualvolle Pressen der Worte vermissen, und sie lesen ohne Schwierigkeit bei normaler Rede uns das Gesagte von den Lippen ab. In weiter Ferne winkt ein Ideal: Die unglücklichen Taubstummen ihren vollsinnigen Nebenraenschen möglichst gleichgeartet und gleichwertig zu machen. Und es scheint uns, als ginge unser Institut jetzt mit mächtigen Schritten diesem herrlichen Ziele entgegen. Andere Wohlfahrtsanstalten. Für die Juden musste nicht erst eine Ellen Key erstehen, um das Gewissen für das Kind wachzurufen. Dem „Jahrhundert des Kindes" von heute gingen bei den Juden Jahrtausende des Kindes voraus, und von ihrem berühmten Familiensinn kommt wohl der grösste Teil dem Kinde zugute. Aber die Liebe für das Kind bleibt nicht auf die eigene Familie beschränkt: sie erstreckt sich in reichem Masse auch auf fremde Kinder, denen dieUngunstdes Schicksals den Vater, die Mutter, oft auch beide entrissen und ein ruhiges Heim verwehrt hat. Früher entsprang die Gründung von Waisenhäusern, die Fürsorge für die armen Kinder fast ausschliesslich dem Drange, die Kinder ihrer momentanen Not zu entreissen, und ihnen damit eine Wohltat zu erweisen; heute empfindet man dieselbe Sache nicht so sehr als eine Wohltat, che mau übt, sondern als eine soziale Pflicht, die man erfüllt. Es gilt heute nicht mehr in erster Linie, den Kindern eine momentane bessere Unterkunft zu geben, als sie fürs Leben vorzubereiten. Die Gesellschaft, die sich mit der Waisenpflege in diesem Sinn befasst, schützt sich selbst vor Schädlingen, und die Juden, die diesem jDhilantropischen Zweige ihre Aufmerksamkeit zuwenden, leisten das Beste für den Bestand und die Ehre des Judentums. Vier jüdische Waisenhäuser bestehen in Wien: zwei für Knaben und zwei für Mädchen. Das eine Knabenwaisenhaus wurde von Baron Gustav Springer errichtet und wird auch ausschliesslich von ihm erhalten; das zweite Knabenwaisenhaus, dessen Errichtung ein Huldigungsakt für den Kaiser Franz Josef anlässlich seines 60jährigen Regierungsjubiläums ist, wird vom Waisenverein unter Förderung der Kultusgemeinde erbaut; derselbe Verein erhält ein Mädchenwaisenhaus, welches von der Familie Ritter von Gutmann errichtet wurde; das zweite Mädchenwaisenhaus endlich verdankt sein Entstehen der Millionenstiftung einer edlen, einfachen Frau, welche ihr gesamtes Vermögen diesem Zwecke gewidmet hat, der Frau Charlotte Lea Merores-Itzeles. Um diese Waisenhäuser, welche als Musteranstalten für die geschlossene Kinderfürsorge bezeichnet werden können, gruppieren sich' eine ganze Reihe von Anstalten, die sich der Pflege und Erziehung von Kindern teils im vorschulpflichtigen, teils im nachschulpflichtigen Alter widmen. Der Verein ,, K i n d e r b e w a h r a n s t a 11" erhält zwei Kindergärten: einen im stärksten und einen im ärmsten Wiener Judenbezirk, in der Leopoldstadt und in der Brigittenau; der Verein für das Kaiserin - Elisabeth- Lehrmädchen - Hei m sorgt für Unterkunft und Verpflegung seiner Schutzbefohle nen in einem stattlichen Haus; der Mädchen-Unter - stützungsverein unterhält Schulen der verschie densten Kategorien für arme Mädchen. Der Verein ,. F e - rienheim'• ermöglicht alljährlich einigen hundert Kindern einen Somnierauf enthalt in herrlicher Gegend; eine Tochteranstalt dieses Vereins das „0 e s t e r r e i c h i s c h e Seehospiz" sorgt für kranke Kinder, die des heilbringenden Meerbade.j bedürfen. Ein „K inclerliei m" beherbergt verkrüppelte Kinder, zahlreiche „Kinderhorte" beschäftigen tagsüber Knaben und Mädchen, denen im Elternhause die erforderliche Erziehung und Aufsicht fehlen würde; eine jüdische öffentliche Schule mit dem altmodisch klingenden Namen „Tal m u d Thora-Schule" verfügt über die be :;ten Einrichtungen des modernen Schulbetriebes. Endlich wird, hauptsächlich dank der hochherzigen Stiftung zweier Menschenfreunde — David Ritter von Gutmann und Josef Spitzberger — in kürzester Zeit ein langgehegter Wunsch der jüdischen Bevölkerung Wiens, die Errichtung eines „ K i nderspitales " in Erfüllung gehen. Damit ist die Reihe der Wiener jüdischen Wohltätigkeitsanstalten lange nicht erschöpft. Die blosse Aufzählung unter knappster Würdigung ihrer Tätigkeit würde hier zu weit führen. Vielleicht ergibt sich hierzu ein andermal die Gelegenheit. DIE MUCKERSCHUL Skizze von Marie Riesenfclcl. In meinem Kindheitsgarten standen seltsam leuchtende Blüten, die schlangen sich schimmernd in ein Geflecht und feine Ranken stahlen sich heraus und zogen mit durch meine Jahre. In meinem Kindheitsgarten klangen feine, leise Glocken, und Ton an Ton reihte sich zu einer wundersüssen Melodie, die durch die Zeiten zaghaft leise mitschwang. Und weilt mein Denken heut in der Kindheit, dann duften alle

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