Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Das Interesse der Juden am V. internationalen Kongress zur Bekämpfung des Mädchenhandels
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 605 - 606 (sequence 3)
- Language
- German
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603 Bertha Pappenheini, Frankfurt a. M.: Das Interesse der Juden am V. Internationalen Kongress usw. 606 Weisung wäre in diesem. Falle noch die humanere Massregel), sondern dass sie polizeilich an die russische oder rumänische Grenze gebracht, dort Freiwild würden. Dass ein solcher Vorschlag je internationales Gesetz oder Uebereinkommen werde, dagegen musste ich als Frau und Jüdin lebhaften Protest erheben; ich musste der Versammlung klarmachen, welche Tragweite und Bedeutung die Question 4 und 5 hatte, die der Antragsteller so weich, so milde, so human zu begründen wusste! Und ich wurde darin von Claude G. Montefiore aufs wärmste unterstützt. Trotzdem gelangte der Antrag zur Abstimmung und zur Annahme, allerdings in der unten angeführten unklaren, verworrenen, unausführbaren Form, so dass er praktisch als wirkungslos zu bezeichnen ist.*) Diese Tatsache, die zwar den Sieg einer gerechten Sache bedeutet, hatte einen eigentümlich nachteiligen Einfluss auf . Mr. Alexander Cootes Gedächtnis. Ich hatte nämlich für die internationale Verständigung und um ein brauchbares Instrument für Propaganda und Aufklärungsarbeit zu schaffen, ein Flugblatt verfasst, das der Kongress den verschiedenen Nationalkomitees je in ihrer Sprache zur Verbreitung empfehlen sollte. Da geschah es denn, dass Mr. Coote vergass, dass ihm das Flugblatt vor dem Kongress in 11 Sprachen vorgelegt worden war, — dass er vergass, dass das Deutsche Nationalkomitee die Annahme des Flugblattes empfohlen hatte; und er vergass, dass Geheimrat Maretzky der Versammlung ordnungsgemäss einen ^bezüglichen Antrag schriftlich vorgelegt hatte. Das Schriftstück fehlte. *) Anmerkung. Question 4. We ask that when a woman is considered to be a subject for repatriation, and before the official decision is taken, the officials charged with the duty should aeeept the Services of a lady, authorized by the National Committee of the country, to visit the woman and ascertain in the most sympathetic manner whether it is possible to help her, and if so in which way it can best be done. Question 5. The visitor should be empowered to take a statement from the woman as to the cause of her original downfall, whether it took 'place in the country of origin or in the country of domicile, with a view, if possible, of obtaining reliable data, as to the actual cause of the trouble, and whether any, and if so, what, remedial measures would help to reinstate her in her former social position. Question 16 „Propaganda und Flugblatt" wurde und war vergessen und kam nicht zur Abstimmung, also auch nicht zur Annahme, was natürlich die tatsächliche Verbreitung und vielsprachliche Benutzung des Flugblattes als internationales Instrument nicht zu verhindern braucht. Das dritte und letzte Moment, in dem auf dem Kongress offiziell jüdische Interessen zur Sprache kamen, war, als Claude G. Montefiore als „Speaker" Veranlassung nahm, seiner religiösen Ueberzeugung Ausdruck zu geben und in vornehmster Form unsere jüdische Aufgabe unter den Völkern hervorzuheben. Es war wohltuend und erhebend, was er sagte und wie er sprach.-- Der nächste Kongress zur Bekämpfung des Mädchenhandels soll in Petersburg stattfinden. Unoffiziell bot der Kongress noch manche Gelegenheit, in diesem kleinen Ausschnitt und Spiegelbild der Welt über unsere Stellung in derselben Studien und Betrachtungen zu machen. Bei allen Nationen war das Vorhandensein eines gewissen latenten Antisemitismus zu verspüren. Das Verhalten einzelner Personen, die den Mut hatten, der unbeliebten Minorität ihre Menschenrechte uneingeschränkt zuzugestehen, wirkte um so erfreulicher, und manches herzliche Wort in einer Privatunterhaltung klang wie eine Entschuldigung für gehässige Gesinnung, die andernorts verhohlen und unverhohlen zutage getreten war. Aber der Kongress bot auch Gelegenheit zum Zusammenrücken und zur Verständigung der wenigen jüdischen Delegierten und Teilnehmer, und wieder ist Mr. Montefiore zu nennen, dessen Gastlichkeit die Möglichkeit freier Aussprache bereitete. In einer besonders zusammenberufenen kleinen Versammlung wurde von mancher Lokal- und Detailarbeit gesprochen. Einig waren wir uns in der Erkenntnis der absoluten Notwendigkeit ernster plan massiger, grosszügiger Bekämpfung des Mädchenhandels von jüdischer Seite. Als Vorsitzende des Deutschen jüdischen Frauenbundes unterbreitete ich der Versammlung fünf Vorschläge für praktisches Vorgehen, das uns nach meiner Meinung allein noch das Recht gibt, an künftigen internationalen und interkonfessionellen Beratungen freimütig teilzunehmen. Es ist eine Geldfrage.