Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Adolf Baginsky
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 563 - 564 (sequence 2)
- Language
- German
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56 >» Dr. Theodor Zlocisti-Berlin: Adolf Baginsky. 564 denen die wirtschaftlichen Interessen beiseite stehen. Er verlangte Kinderkrippen, Asyle und Spielplätze; Waldschulen schon vor dreissig Jahren, lange ehe der jung verstorbene Wolf Be:*J.er sie durchsetzte. Ihm 'verdanken wir die Erweckung des Sinnes für die ärztliche Schulaufsicht. In , seinem Handbuch der Schulhygiene wie als Vorsitzender des Vereins für Schulgesundheitspflege ist er einer ganzen Generation von Lehrern und Aerzten Wegweiser in einem Gebiete geworden, das er erst urbar gemacht hat. Eine trotzige Kämpfernatur, für die das Wort nicht ein Spielzeug, sondern eine Waffe ist, wird ihm als richtig Erkanntes sofort wichtig; Notwendigkeit. Wissenschaft ist nicht Wissen um das Leben. Sondern Leben selbst und Lebenserneuerung. So klingt selbst die Mitteilung nüchterner Forschungsergebnisse leidenschaftlich, scharf, im wuchtigen Pathos. Es musste so sein, dass sein Temperament ihm auch die Stelle in den Kämpfen um die jüdische Gemeinde gab. Aus Ratibor stammend, hatte er altjüdisches Leben in seiner Tiefe, Schönheit und Grösse empfangen. In Berlin sah er es erstarrt, „die Beute der Geldwechsler und Parnossim". Neuerungssucht bis zur Selbstentwürdigung, Formalismus, geschäftsmässige Geschäftigkeit. Selbst gegen die Einführung des Religionsunterrichtes für jüdische Schulen machte Makower, ein Vorsteher 'der Gemeinde, mobil. Sie musste erst -ertrotzt werden — durch die Regierung! Die „Fünfun^siebzigerkommission", die die Interessen der konservativ gerichteten Elemente vertrat, setzte 1895 Bagipsky als Repräsentanten durch. Er hat der Versammlung zwölf Jahre angehört. Kein Parteimann im Sinne^ der Gebundenheit, wohl auch ohne eindringliche Kenntnis des Judentums und klare Einsichten in die letzten Tendenzen der verschiedenen Gruppen, hatte er einen sichern Instinkt für die Bewertung der einzelnen Anträge. Die Erhaltung und Sicherung des Judentums war ihm höchstes Ziel. In den Neuerungen fürchtete er die Kräfte der Zerstörung und des Abfalls, Die grösste Gefahr aber sah er in jenen Bestrebungen zur Einführung des Sonntagsgottesdienstes. Seine Reden aus jener unruhigen Zeit waren von grimmer Leidenschaftlichkeit, dialektisch geschliffen, rücksichtslos. Ohne auch nur den Versuch zu machen, in die Psychologie Gustav Levinsteins einzudringen, der, selbst ein wahrhaft frommer Reformjude, vom Sonntagsgottesdienste die Erweckimg und Erfüllung jüdischer Religiosität erwartete, bekämpfte er diese Forderung, weil sie in die von den Quellen jüdischer Lehre durch die Verhältnisse und durch eine planmässig-unjüdische Erziehung abgedrängte Generation Verwirrung tragen müsste. Allen Gegengründen taub, dass auch am Sonntag zu beten Gebot ist, sah er nur die gefährliche Assimilation. Die Sonntagsheiligung erschien ihm als die Preisgabe des Sabbats und zugleich — des Judentums. Eine winselnde Kriecherei vor dem Christentum, das auf dem Konzil zu Nicäa die Sonntagsfeier eingesetzt hatte, eigens, um die schärfste Trennungsmarke gegen die Juden zu setzen. Wenn es seitdem still geworden ist von dieser „Rettung der Juden", so ist es ein Verdienst auch von Baginskys überzeugungsstarker Beredsamkeit, die einer mit grossem Eifer, grossen Mitteln und (wie in derlei Werken immer) mit grossem Namen arbeitenden Agitation in die Parade fuhr. Ohne dass Baginsky in den einzelnen Verwaltungsgebieten der Gemeinde Bleibendes schuf, hat er die Geister revolutioniert und Leben in die leerlaufende Maschine gebracht und an seinem Teil mitgewirkt, dass die einzelnen Parteien ihre Dogmatik mit neuen Inhalten erfüllten, ihre Ziele aus ernster Beschäftigung klarer und schärfer hinstellen mussten, und schliesslich bei aller prinzipiellen Differenz in der Erfüllung jeden religiösen Bedürfnisses,' in der Durchführung des Religionsunterrichtes, in der Pflege auch der hebräischen Sprache, in sozialer Hilfsarbeit gemeinsame Aufgaben erkannten. Dass auch die Arbeit für die sittliche und wirtschaftliche Regeneration der Juden Palästinas aus historischen Gründen und aus Gründen unserer Würde,1 eine Anstrengung der Gesamtjudenheit sein müsse, hat Baginsky oft und entschieden betont, besonders seitdem er im Jahre 1910 das Land unserer Väter mit eigenen Augen gesehen. Es wäre ein neues Blatt an seinem Ruhmeskranze, wenn sein Eifer die Schaffung des Krankenhauses in Tiberias durchsetzte, das eine hygienische und soziale Tat wäre; und eine ethische, weil es den seelenfängerischen Liebesdienst clor Mission beseitigen würde. Ein Mann von eiserner Energie, von einer Tatkraft, die nur die höchsten Ziele spannen kann, ein Organisator der sozialen Verpflichtung, ein Forscher von rastlosem Fleisse, ein Lehrer vom gründlichen Schlag, ein Meister des pointierten, schneidigen und doch begeisternden Wortes, ein unbeugsamer, offener, gerader Charakter —: er ist nicht ordentlicher Professor geworden. Mag es für manchen Pm^atdozenten tröstliche Einbildung sein, dass nur seine jüdische Abstammung ihn um die höchsten Weihen des Ordinariates gebracht hat, Baginsky ist das klassische Beispiel schimpflicher Zurücksetzung der Juden in Deutschland. An diesem Manne hat sich die Universitätsverwaltung versündigt. Wir wünschen dem Jubilar, dass sein jugendlicher Geist durch viele Jahre frisch und freudig bleibe: er wird durch Werke der Liebe, der Forscherarbeit und der Belehrung — Rache nehmen. EIN VOLKSTUEMLICHER RELIGIONSPHILOSOPH. (Bachja ibn Pakuda). Von Dr. S i in o n B c r n f e 1 d. Von der frühesten Zeit an hat sich das Judentum auch darin in einen bewussten Gegensatz zu den heidnischen Religionen gestellt, dass es keine Religion der Mysterien sein wollte, sondern eine sittliche Lehre der Erkenntnis, die jedermann in sich aufnehmen, und in der jedermann ohne priesterliche Vermittlung leben konnte. Es war dies das Ideal, das dem Propheten Jeremias vorschwebte. Die Gotteserkenntnis wird in allen Kreisen des Volkes verbreitet sein. Alle, klein wie gross, werden Gott erkennen (Jeremia 31, 34). Das bedeutet aber nicht, wie Werner Sombart in seinem bekannten Buche behauptet hat, dass das Judentum die Religion des Rationalismus sei, die Verstandsklügelei und Berechnung, die keine Vertiefung in der Gotteserkenntnis kenne. Es genügt, auf Salomo ibn Gabiroi, Bachja ibn Pakuda, den