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Ost und West · 1913-07-01 · Heft 7 (Juli 1913) · p. Seite 561 - 562

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 7 (Juli 1913)
Article
Adolf Baginsky
Date
1913-07-01
Page
Seite 561 - 562 (sequence 1)
Language
German
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562 ADOLF BAOINSKY. Von Dr. Theodor Z 1 o c i s t i - Berl Am 22. Mai wurde Adolf Baginsky siebzig Jahr. Seine Freunde und "Berufsgenossen haben den Tagfeierlich begangen. Seine Schüler haben den 60. Band des von ihm mit Monti herausgegebenen Archivs für Kinderheilkunde als Festschrift erscheinen lassen und eine Bibliographie seiner Arbeiten angefügt, die das Zeugnis eines schöpferischen Fleisses ist, der auch in den Jahren eines ansonstens beschaulichen Alters kein Ermüden kennt. Die Stadt Berlin, der seine Tatkraft seit dem Jahre 1872 diente, hat in einer besonderen Abordnung Dank gezollt. Und es war gewiss das schönste Geschenk, dass das von ihm in unerhörten Anstrengungen geschaffene Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaiis durch den Anbau neuer Pavillons und moderner Wirtschaftsräume jetzt die Vollendung erreicht. Diese Anstalt ist die Krönung seines Lebenswerkes. Für sie hat er jahrelang geworben, gekämpft und den Spott getragen :1er das Schicksal der Unzeitgemässen und der Ahner kommender \ Notwendigkeiten ist. 3 Er Hess sich die Mühen nicht verdriessen, bis zunächst aus privaten Stiftungen und Sammlungen die Eröffnung des Kind er krankenhauses möglich wurde. Rufer und Dränger A\ar Baginsky, Namen und einnehmende Gesten lieh Rudolf Virchow; das Protektorat übernahm die Kaiserin Friedrich. Erst später ging die Anstalt in die Verwaltung der Stadt Berlin über. In seinen Einrichtungen ist das Krankenhaus vorbildlich geworden. A on hier aus nahm die Serumtherapie der Diphtherie ihren Siegeslauf. "Wissenschaftliche Arbeitsstätte und zugleich Fürsorgestelle hat es reichen Segen gebracht. Ein knorriger Mensch mit einem Kinderherzen leitet es, und ein Mann, der zugleich ein nüchterner und empirischer Forscher ist und ein begeisterter und anfeuernder Ideenvorkämpfer. Männer vom Schlage Baginskys sind ganz aus ihrer jüdischen Besonderheit zu erk'ären. Er hat gewiss das Recht, den Gratulanten zu sagen: „Was Gott dem Menschen gegeben hat an Geisteskraft und Wissenschaft, dafür kann er nichts; aber was er aus sich selbst macht, dafür kann er. Das ehrliche Aufrechtstehen im Leben, sich nicht beugen vor den Grossen, nicht beugen vor den Kleinen, das war mein Prinzip mein ganzes Leben lang. Und wenn ich mich heute vor den Spiegel stelle, so kann ich frei und offen von mir sagen: hier steht ein selbständiger Mann." Aber diese individuelle Hartnäckigkeit, die erhobenen Hauptes hohen Zielen zustrebt, ist jüdische Zähigkeit. Und ihre tiefste Quelle ist soziales Empfinden. Ein Stück seiner Weltanschauung, die wie jede urwüchsige Weltanschauung nur das Bewusstwerden vererb - t e n Trieb- und Gefühllebens ist, stellt sich in einigen Sätzen seines Vortrages heraus über „Die hygienischen Grundzüge der mosaischen Gesetzgebung": „Jede völkerbegründende und völkererhaltende Gesetzgebung gibt sich von vornherein als eine auf das physische Dasein und mit den Grundlagen desselben rechnende zu erkennen; jede derselben ist von Hans aus in dem gleichen Masse hygienisch, wie sozial und ethisch." Und an anderer Stelle: „Massigkeit und Reinheit im physischen Leben und Ethik und Moral sind die Ausflüsse desselben Intellekts, des Verständnisses der gesamten menschlichen Naturanlage." Die Wissenschaf t vom Kinde hat es vor Baginsky gegeben. Aber aus ihr die sozial-ethischen Ford erungen h erzuleiten und die Hygiene des Kindes als ein Gebiet öffentlicher Moral erkannt zu haben und sie in das Pflichtbewusstsein der Menschheit zu drängen, ist in h er vorragend e m Masse Baginskys Verdienst. Ist jüdisch! Oder sollte es wirklich ein „Zufall" sein, dass die Schöpfer moderne:' Säuglings- und Kinderfürsorge — Hugo Neumann, Baginsky, Henri de Rothschild, Nathan Strauss — " Männer jüdischen Blutes sind?! Aus sozialen (Empfindungen, in Jahrtausenden gezüchtet durch die Lehre, durch die Uebung und ein-qualvolles Erleben, steigen Erkenntnisse heraus, die sich mit revolutionärer Wucht in sozialen Forderungen entladen. Zwischen den politischen Revolutionären und den Aufpeitsdiern sozialen Pflichtgefühls gibt es keine substanzielle Differenz. Zu diesen schöpferischen Umwälzern gehört Baginsky. Er hat die Not in der „Kost- und Haltekinderpflege" zuerst empfunden und Abhilfe verlangt. Schon in den siebziger Jahren hat er zürn Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit gerufen, der jetzt fast ein Sportbetrieb vornehmer Damen ist. Er hat die Städte ermahnt, Milchanstalten zur Gewinnung einwandfreier Säuglingsnahrung zu ei'richlen, bei Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Adolf Baginsky.

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