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Ost und West · 1913-07-01 · Heft 7 (Juli 1913) · p. Seite 551 - 552

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 7 (Juli 1913)
Article
Die Juden Italiens
Date
1913-07-01
Page
Seite 551 - 552 (sequence 2)
Language
German
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55L Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom: Die Juden Italiens. 552 vinzialrats, z. B. in Ferrara Elio Melli. Auch za anderen, teilweise sogar allerhöchsten Ehrenämtern in der Verwaltung gelangen häufig Juden durch das Vertrauen ihrer Mitbürger. So erregte vor sechs Jahren die Wahl Ernesto Nathans zum Bürgermeister der Hauptstadt mehr Aufsehen im Auslande als in Italien selbst. Uebrigens ist Nathan seitdem bereits zweimal in seiner Würde durch den Wahlkörper neu bestätigt worden. Was die Erwerbung wissenschaftlicher sowie technischer Kenntnisse seitens der Israeliten anbelangt, so stehen ihnen keine Schwierigkeiten entgegen. Auch wenn es sich um ihre Beförderung zu den höchsten Graden der wissenschaftlichen Laufbahn handelt, stellt man kein Ansinnen an sie, das geeignet wäre, sie mit den Ueberlieferungen ihrer Familie irgendwie in Widerspruch zu bringen. Gegenwärtig werden an den Universitäten des Königreichs etwa sechzig Professuren — ordentliche und ausserordentliche zusammengerechnet — von Juden eingenommen. Hierbei soll nicht verschwiegen werden, dass ein Teil dieser sechzig Gelehrten als Freigeister jeden Zusammenhang mit dem Judentum ablehnt; andererseits aber muss betont werden, dass auch nicht ein einziger unter ihnen dem Abschwören seines Glaubens oder der Taufe seiner Kinder den Lehrstuhl verdankt. Sobald einer der israelitischen Professoren von seinen Kollegen zum Rektor erwählt wird, erregt dies nirgends Aufsehen. U. a. ist diese Ehre dem vor zwei Jahren dahingeschiedenen Dozenten für gerichtliche Medizin in Siena, Beniamino Sadun, ferner dem Handelsrechtslehrer David Supino in Pisa, sowie dem Zivilrechtler Vittorio Polacco in Padua zuteil geworden. Im Jahre 1910 war in Bologna, wo die Juden bis 1859 nicht einmal das Bürgerrecht erwerben durften, eine verhältnismässig sehr grosse Zahl im Lehrberufe tätig; fünf als ordentliche Professoren, drei als Dozenten mit Lehrauftrag an der Universität, ebenfalls drei, darunter der Direktor, als Lehrer an der Oberrealschule, ebensoviel an Mittelschulen und sechs am Lehrerinnenseminar. Das in Mitteleuropa als selbstverständlich geltende Bedenken, Juden in den staatlichen Anstalten an der Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen mitwirken zu lassen, kennt man in Italien nicht. Gegenwärtig sind dem Unterrichtsministerium über vierzig Gelehrte männlichen und weiblichen Geschlechts, welche den Namen Levi, und acht, welche den Namen Coen führen, unterstellt. Häufig ist Italien auf internationalen Kongressen und Konferenzen von Regierungskommissaren vorwiegend durch jüdische Gelehrte vertreten, die sich vielfach, abgesehen von ihren Fachkenntnissen, durch Beherrschung mehrerer Sprachen auszeichnen; so z. B. im vergangenen Jahre auf dem internationalen Mathematikerkongress in Cambridge durch die Professoren Vito Volterra, Guido Castelnuovo und Federigo Enriques, auf der Haager Konferenz für Vereinheitlichung des Wechselrechts durch Prof. Angelo Sraffa aus Parma. Die Leitung einer der wichtigsten Sternwarten Italiens, nämlich Neapels, wurde letzthin Azeglio Bemporad übertragen. Der von der preussischen Bureaukratie ausgetüftelte, der Verfassimg Hohn sprechende Unterschied zwischen Wissenschaften, in denen Juden allenfalls geduldet werden können, und solchen, in denen ihr Wirken ,,an leitender Stelle" Anstoss erregen würde, ist auf der Apenninenhalbinsel unbekannt. Zu den letzteren, den „feudalen", gehört in Preussen die Geologie. Für Italien sei dagegen ausser auf Prof. Arturo Issel in Genua, dessen Weltruf bei seinen Fachkollegen schon Jahrzehnte alt ist, noch auf den jungen Professor Ernesto Manasse in Siena hingewiesen: ihm wurde jüngst von der Kgl. Akademie zu Rom ein Preis von 10 000 Franken für ein geologisches Werk über die Felsenbildungen der Kolonie Erythräa zugesprochen. Denjenigen jüdischen Gelehrten, die Hervorragendes auf dem Gebiete der italienischen Sprache und Literatur leisten, wird ihre Tätigkeit nicht darum vergällt, weil sie eine andere als die Staatsreligion bekennen: im Vorraum der Aula Magna der Kgl. Akademie zu Mailand, die den Rang einer Universität besitzt, befindet sich eine Bronzebüste des grossen Sprachforschers Graziadio Ascoli. Er hat daselbst von 1861 bis zu seinem Hinscheiden, 1907, gewirkt und alle Ehrungen genossen, die nur einem Gelehrten zuteil werden können. Auch dem Vater der italienischen Literaturgeschichte, Alessandro D'Ancona, der jetzt achtundsiebzigj ährig, von der akademischen Lehrtätigkeit zurückgezogen, in Florenz ganz seinen geliebten Studien lebt, ist keine Ehrung vorenthalten worden; ja, er ist sogar Mitglied des Senats! Pronzentual viel weniger als auf den genannten Gebieten, aber immerhin noch stark genug im Verhältnis zu ihrer geringen Bevölkerungsziffer, bringen sich die Israeliten in den freien Künsten zur Geltung. Mag auch der Komponist Franchetti auf seinen jüdischen Ursprung nichts weniger als stolz sein: man kennt denselben doch ganz allgemein, und er hat ihm noch nicht geschadet, wenigstens nicht in seinem Vaterlande. Der grösste Presseverein, die ,,Associazione della Stampa<f in Rom, wird von einem geborenen Israeliten, dem Deputierten Salvatore Barzilai, geleitet, ebenso wie der angesehenste Schriftstellerverein, die ,,Societä Italiana degli Autori", von dem Dramaturgen Sabatino Lopez, dessen Vorgänger ebenfalls ein Israelit und bekannter Verfasser von Theaterstücken, Marco Praga, war. Die Anzahl jüdischer Mitarbeiter an der Tagespresse hat in den letzten Jahrzehnten eher abals zugenommen. Das erklärt sich wohl daraus, dass den Israeliten alle Berufe, auch weniger aufreibende, offenstehen: viele Elemente, die früher zum Journalismus ihre Zuflucht nehmen mussten, sind heute als Lehrer oder Universitätsprofessoren tätig. In den bildenden Künsten hat sich mancher einen Namen zu machen vermocht, da ihm kein Rassenvorurteil seitens der Regierung die Aufträge beschränkt. Ein Beispiel hierfür liefert der hervorragende Bildhauer Vito Pardo: viele Kriegsdenkmäler sind sein WTerk. Auch an Malern und Malerinnen jüdischer Abstammung fehlt es nicht. Was das öffentliche Leben anbelangt, so wird die Anteilnahme der Israeliten an diesem dadurch sehr erleichtert, dass sie auf der Vorstufe, dazu,

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