Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Dow Ber Meisels
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 541 - 542 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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541 N. M. Gelber: Dow Ber MeiseL Danilewiczowska-Gasse) das polnische Lied ,,Boze cos Polske" und ein speziell verfasstes polnisches Gebet (Modlitwa na Nowy Rok 5622), in welchem zu Gott um Stärkung der Verbrüderung zwischen Juden und Polen gefleht wird.22) Meiseis verweilte einige Monate in seiner Verbannung und konnte erst November 1862 auf Bewilligung des neuernannten Statthalters, des Grossfürsten Konstantin, zurückkehren. Mit Jubel wurde er von den Polen begrüsst. Trotz seiner früheren Verbannung nahm er an den geheimen Vorbereitungen zum Aufstande teil. Von der Regierung mit Misstrauen behandelt, trachtete er geheim für den Aufstand zu arbeiten. Mit der geheimen Nationalregierung, die sich inzwischen in Warschau gebildet hatte, stand er in nahen Beziehungen. Von Warschau aus suchte Meiseis die jüdischen Gemeinden für den Aufstand zu gewinnen oder wenigstens so weit zu beeinflussen, dass sie den Polen keine Hindernisse in den Weg legen. Die Nationalregierung suchte nun ihrerseits die Juden freundlich zu stimmen, indem sie in allen Städtchen neben den Hauptleuten Juden zu deren Stellvertreter ernannten, um dadurch in direkte Fühlung mit der jüdischen Bevölkerung zu treten. Doch die Teilnahme der Juden am Aufstande selbst war, mit Ausnahme von Warschau, sehr gering. Zwar hatte die Nationalregierung in Wort und Schrift' die Juden zur Teilnahme anzuregen gesucht, aber das half wenig. Noch schwieriger lagen die Verhältnisse in Galizien; hier konnte man trotz des „Komitees für brüderliche Hilfe zwischen Polen und Juden" nur einen Teil der jüdischen Intelligenz für den Aufstand gewinnen, die übrige jüdische Bevölkerung aber verhielt sich apathisch.23) Meiseis hatte im geheimen alles aufgeboten, um die Juden zur direkten Teilnahme anzuregen, aber ohne Erfolg. Die Juden verhielten sich passiv und erwarteten den Ausgang des Aufstandes,24) teilnehmen wrollten und konnten sie nicht, da sie keine Garantie für ihre Besserstellung hatten. Der Aufstand wurde von Russland unterdrückt, unter Verzweiflung gaben die Polen den Kampf auf. Meiseis hatte bis zum letzten Augenblicke der Nationalsache treu gedient und selbst nach dem Aufstande blieb er der Idee der Annäherung der Juden an die Polen treu. Von der Regierung streng bewacht, konnte er für seine Anschauungen nicht mehr wirken. Nach der Unterdrückung des"*Aufstandes wurde Meiseis abermals verbannt. Ueber Lemberg, wo er von den Polen unter vielen Ehrenbezeugungen empfangen wurde,25) ging er zu seinem Schwager nach K a 11 o - w i t z , wo er nur kurze Zeit verblieb, da ihm seitens der Regierung die Rückkehr nach Warschau gestattet wurde. Er widmete sich theologischen Studien und verfasste vor seinem Tode einen Kommentar zu Maimonides .niTCön 1BD unter dem Titel DHTO 1W3 26) In stiller Gelehrtenarbeit, fern vom Getriebe der Welt, verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Im Jahre 1870 starb er, betrauert von Polen und) Juden. Die russische Regierung erwies ihm noch ihren letzten Dienst, eingedenk seines polnischen Patriotismus, indem sie verbot, über ihn Nekrologe zu veröffentlichen.27) ") Dieses Gebet ist in Berg's ]. c. IV. Bd., S. 115, Beilage 20, abgedruckt. ") Fr. Rawita-Gawronski: Rok 1863 na Rusi, Lemberg 1902,1, S. 347 ,4) Hamagid hgb. von D. Gordon, Jg. 1863, No. 12 (im Leitartikel). ") Korrespondenz in Archives isratflites, Jg. 1864, S. 134. M) Finn: „Knesscth Israel", S. 185. 27) Allgemeine Zeitung des Judentums, Jg. 1870, S. 192. FRIEDRICH BEER. ARBEIT. (Bekrönungsfigur des Brunnens von Mülhausen i. Eis.) Meiseis gehört ohne Zweifel zu den interessantesten Persönlichkeiten dieser Epoche. Ein ganz merkwürdiger „Träumer des Ghetto". Ein orthodoxer Jude mit modernen, allzu modernen politischen Bestrebungen. Er vvar stets von edlen, keineswegs militaristischen Motiven geleitet. Er glaubte aufrichtig an die Möglichkeit einer Verbrüderung der Juden mit den Polen. Ein romantischer Schimmer bedeckt diese Persönlichkeit, die im Zusammengehen der Juden mit den Polen das einzige Glück für seine Brüder sehen wollte, doch die Geschichte hat das Gegenteil bewiesen.