Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Dow Ber Meisels
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 3)
- Language
- German
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539 N". M. Gelber: Dow Ber Meiseis. 540 FRIEDRICH BEER. „SCHMA JISROEL." (Marmor.) aufforderten, „um im Notfalle das Schlachtfeld zu betreten." Die Konspiration dauerte fort, angefacht durch das repressive Vorgehen Wielopolskis, der bestrebt war, die Revolutionsbewegimg energisch zu unterdrücken. Er hatte, um dies vollführen zu können, sich auf die Juden und die Bauern zu stützen gesucht. Wielopolski wollte aucli Meiseis für seine Politik gewinnen, indem er als Leiter des Ministeriums für Kultur und Unterricht ihn in den von ihm geschaffenen pädagogischen Rat berief. Meiseis aber blieb den revolutionären Bestrebungen treu, wie wir es aus seinem späteren Vorgehen erkennen. Trotz der Vorsichtsmassregel Wielopolskis dauerten in Warschau die Unruhen fort, und nicht minder dauerte auch der Enthusiasmus und das Bestreben, sich mit den Juden zu verbinden. Die Presse feuerte die Bevölkerung an, die Juden auch weiterhin als Brüder zu betrachten. Als die Revolutionären am 12. August 1861 die im J ahre 1569 .geschlossene Union Polens mit Lithauen abermals zum Zwecke einer Manifestation feierlich begehen wollten, forderten Meiseis und die übrigen Prediger in einem Aufrufe die „Polen mosaischer Konfession" auf, sich an dieser Festlichkeit zu beteiligen. ,,In ganz Polen feiern wir die herrlichen Epochen unserer Vergangenheit, an denen es uns nicht fehlt, durch Andachten und Bezeigungen allgemeiner Freude, auch wir Polen-Juden, die das Beispiel einer Verbrüderung geben sollen, müssen an denselben teilnehmen"19) heisst es in dem Aufrufe. Am 12. fanden auch in den Synagogen Andachten statt. Diese Manifestationen wurden: immer unruhiger, und, um dem vorzubeugen, beschloss die Regierung, die Kirchen zu schliessen. Diesem Zwange fügte sich auch Meiseis. und am 17. Oktober (1861) beschlossen die bei ihm versammelten Vorsteher, die Synagogen zu schliessen. Die jüdische Bevölkerung aber schien mit den fortschrittlichen Juden unzufrieden zu sein. Nach den letzten Ereignissen wollten die angesehenen Fortschrittler auch beweisen, dass sie zum Judentume in sehr lockerem Verhältnisse stehen. So hielt Natansolm amRosch-ha-Schanah sein Geschäftslokal offen. Natürlich erbitterte dies die Juden., denn nun sahen sie, wohin die sogenannte Gleichheit führe. Sie überfielen das Geschäft und ruinierten es. Meiseis erliess einen Aufruf, in dem er auf die Gefahr solcher Massregeln hinwies. Doch da versagte sein Einfluss. Bald ereilte Meiseis das bittere Geschick. Ende 1861 wurde er mit Jastrow und anderen Juden wegen der Teilnahme an den revolutionären Umtrieben., nach vollbrachter Hausdurclisuchung, verhaftet. Schon früher wurde er von der Polizei beobachtet und seine Korrespondenz streng untersucht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Wielopolski, der sich in seinen Hoffnungen, Meiseis für sich zu gewinnen, getäuscht sah, dessen Gefangennahme bewerkstelligt hatte. Im Gefängnisse verblieb er einige Monate, nachher aber musste er am 17. Februar Warschau verlassen. Er erhielt Einladungen von den Gemeinden in London und Amsterdam, die ihm die Stelle eines Rabbiner antrugen, doch er wies dieselben ab und begab sich in die Schweiz,20) wo er die Zeit seiner Rückkehr erwarten wollte. Durch seine Ausweisung dachte die Regierung die Juden einzuschüchtern und für sich zu gewinnen. Die jüdischen Volksmassen wurden ja eigentlich in die letzten Ereignisse nur mit hin eingerissen. Jetzt, wo ihnen Wielopolski Gleichberechtigung versprach, schlössen sich selbst viele früheren Polenfreunde ihm an. An Meiseis Stelle setzte die Regierung einen anderen orthodoxen Rabbiner an und erklärte, sie erwarte von den Juden, dass sie sich in die politischen Angelegenheiten nicht hineinmengen werden.21) Aber trotzdem gab es unter den Juden viele, die polenfreundlich blieben. So sang man am 6. September 1862 (zum Neujahr 5622) in der Synagoge (in der 19) Z. L. S. (Przyborowski): Historya dwoch lat 1861—1862 in den Beilagen zum III. Bd. JSTo. 4, S. 491—492. 20) Archives israelites, .Tg. 1862, S. 179. Wie beliebt Meiseis in den polnischen Kreisen war, bekundet folgende Tatsache. Als er von Warschau ausgewiesen wurde, verkauften die Polen, um ihn zu ehren, sein Bildnis zu 3 ltubel. In wenigen Tagen hatte man einen Erlös von 20 000 llubel. Diese Geldsumme wurde Meiseis, den die Polen ,,l\färtyre^," nannten, als Nationalgeschenk überreicht. (Archives israelites; Jg. 1862, S. 179.) 81) Jeschurun hgb. von S. B. Hirsch, Jg. 1862, S. 211.