Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1913)
- Article
- Die Juden in Russland
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 501 - 502 (sequence 5)
- Language
- German
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501 Die Juden in Russland. 5G2 der in wiederholten Schlägen blind auf das Opfer einhaut, wie es zum Beispiel ein Mensch in schwere" Trunkenheit tun könnte. Dies ist eine ebenso annehmbare Hypothese, wie das sadistische Verbrechen und das Verbrechen aus Rachsucht —aber diese Hypothese ist ebenso ungewiss wie die beiden anderen. Wir resümieren unsere Meinung dahin: 1. Der Tod des jungen Justschinski ist die Folge der doppelten Einwirkung der Schädelverletzungen und der mechanischen Erstickung durch Verschluss der Luftwege, ohne dass wir dem einen oder dem andern Faktor ein wesentliches Uebergewicht über den zweiten einräumen können. 2. Der Knabe Justschinski ist in lebendem Zustand geknebelt worden. Die Kopf- und Halswunden sind ihm beigebracht worden, während er noch am Leben war; die Brust- und Rückenverletzungen erst während des Todeskampfs oder nach eingetretenem Tode. 3. Die Verletzungen können mit einer einzigen, stechenden, dreikantigen Waffe ausgeführt worden sein; es ist aber bei der Ungenauigkeit des ersten nach der Sektion festgestellten Befundes schwierig, behaupten zu wollen, dass nicht zwei Waffen gebraucht worden sind. 4. Es ist nichts gegen die Behauptung einzuwenden, dass alle Verletzungen von demselben Täter beigebracht sein können. 5. Die Hypothese eines Ritualmords zu dem Zweck, sich das Blut des Knaben Justschinski zu verschaffen, ist unhaltbar. Man kann an einen sadistischen Mord denken, an einen Mord aus Rachsucht und schliesslich auch an einen Mord, der von einem Menschen in unzurechnungsfähigem Zustand begangen worden ist, der blind und zu wiederholten Malen zuschlägt; alle diese Hypothesen Hessen sich verteidigen, aber man könnte sich für keine von ihnen entscheiden. Paris, den 6. November 1912. gez.: A. L a c a s s a g n e. gez. L. T h o i n o t. DIE ISRAELITEN DER BALKANLAENDER. Der schon über ein halbes Jahr auf der Balkanhalbinsel wütende Krieg übt einen tramigen Einfluss auf die jüdische Bevölkerung der kriegführenden Länder aus. Mit Ausnahme einer geringen Minorität lebt die grosse Masse der Israeliten in Bulgarien wie in der Türkei von der Hand in den Mund, geht ihren kleinen Geschäften nach und übt ihr gewohntes Handwerk aus. Seit dem Beginn der Feindseligkeiten war das Geschäft ganz lahm gelegt, und zehntausencle von Familien sind dem äussersten Elend preisgegeben. Die allgemeine Mobilisierung hat alle Männer in dienstfähigem Alter eingezogen. Die bulgarischen Israeliten allein haben dem Nationalheer ein Kontingent von beinahe 5000 Soldaten gestellt., die fast alle Familienväter oder die Ernährer ihrer Familie waren. Der Anmarsch feindlicher Truppen auf türkische Ortschaften hat unerklärliche Paniken hervorgerufen, die einen ungeheuren Zustrom der Flüchtlinge auf grössere Städte zur Folge hatte, wo sie sich sicherer geborgen glaubten. So hat gleich bei Beginn des Krieges Adrianopel Hunderte von jüdischen Flüchtlingen aus Kirkilisse, Mustapha-Pascha und Tschorlu aufnehmen müssen. Sie konnten natürlich nicht ahnen, dass sie monatelang in den Mauern dieser Stadt eingeschlossen bleiben und die mit einer langen Belagerung verbundenen Entbehrungen würden ertragen müssen. Die gesamte jüdische Bevölkerung einiger Orte hat ihre Heimstätten verlassen: von den 800 Israeliten der Stadt Istip haben 700 den Beistand ihrer Glaubensgenossen von Saloniki in Anspruch genommen und sind diesen monatelang zur Last gehlieben. Die jüdische Gemeinde von Konstantinopel hat nach und nach immer grössere Gruppen von Flüchtlingen aufnehmen müssen, so dass sie schliesslich dreitausend Personen, die gänzlich mittellos angekommen waren, hat beherbergen und ernähren müssen; erst allmählich wird es möglich sein, diese Armen wieder in ihre verschiedenen Wohnorte zurückzub efördern. Der Durchzug der Truppen bot natürlich, wi edas in so bewegten Zeiten nicht zu vermeidenist, Gelegenheit ziu bedauerlichen Ausschreitungen. Nach der bulgarischen Besetzungvon Strumnitza haben einzelne Banden die jüdischen Häuser und Läden ausgeplündert; in Gastoria begannen die Plünderungen nach dem Einzug der Griechen; in Monastir war die Ankunft der Serben das Signal zu Diebstählen und Brandstiftungen.