Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1913)
- Article
- Die moderne Jüdin
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 445 - 446 (sequence 3)
- Language
- German
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445 Arthur Silbergleit: Die moderne Jüdin. 446 dem Ursprung und der augenblicklichen Stärke dieses stillen Wanderers durch die Jahrhunderte. Und sie folgte jenem Quell, ob er sich nun in das knospende Frühlingsland des Jungmädchentums oder ins sommerlich blütenreiche der Gattinnen und Mütter ergoss, ob er zur stillen, kühlen Insel der Geschwisterzuneigung oder zum kampfumtosten, sonnenschwülen Strande der Liebe zum Manne hinstrebte, ob er in das geheimnisdunkle Reich der Sprache oder in das geheimnisdunklere des Glaubens eindrang. Desgleichen gab sie ihm das Geleit zu dem schmalen, aber trotz seiner gleissenden Bewohner nicht immer blanken Goldfischteich der Gesellschaft, sie ging ihrem Liebling nach zu dem breiten Strom der freien Berufe und Künste sowie des Handels und jeder anderen Tätigkeit, zu den ruhigen Gewässern des Landes und der Provinz, sie wies ihm zuletzt sogar neue Wege und Ziele. Die vom Sagennebel der Geschichte verschleierte Ursprungsstätte jenes Quells anzudeuten sowie die Sonderart seines Gerieseis, Ablaufs, Gefälles und seiner zahllosen Stauungen uns, denen nach dem Worte Heraklits: „Alles iiiesst", scharf zu kennzeichnen, war naturgemäss keineswegs leicht. Denn hauptsächlich zwei Gefahren bedrohten die Verfasserin und das kühne Schiff ihres geistigen Reisemutes: die Scylla voller, freier Herzensergi essung, der wilden Ausschwärmung und Uferlosigkeit eines starken Lob- und Psalmenstromes, in dessen wirbelnden Wogenschwall sie leicht hätte hineingerissen werden können und die Charybdis felsenhaft-unbewegter Geistesstarrheit, scharfkantiger, begrenzender Begrifflichkeit. In der Tat erfreuen die Abwesenheit jedes Ueberschwanges sowie der Verzicht der Verfasserin, den breiten Fluss aller geistigen und seelischen Erscheinungen nicht in das schmale Bett von Formeln zu zwängen, den aufmerksamen Leser, den die leidenschaftslose, allen Parteistandpunkten entrückte Stellungnahme der Verfasserin zu dem Gegenstande ihrer Betrachtung angenehm überrascht. So entstand hier aus zartem Gefühlstastsinn, Beobachtungsschärfe, geschickter Verwertung von geschichtlichen Lepensergebnisseu und Rasselehren sowie durch die bemerkenswerte Einfühlungsmacht der Verfasserin in alle Vergangenheits- und Gegenwartskräfte des Judentums ein Buch, das hauptsächlich durch den Reichtum seiner Zwischenstufigkeiten gekennzeichnet wird. Wenn Kultur eine Sammlung von geistigen und seelischen Schattierungsreizen darstellt, so ist Else Croners Werk: »Die moderne Jüdin", das soeben erschien (Verlag Axel Junker), ein Beitrag hierzu. Das Meer in das hier der Quell jüdischer Eigenart mündet, heisst freilich nicht (das immerhin enge) Israel, sondern das breite Menschentum. Ueber diesem aber singt, wie über den Gewässern aller Länder die Weltseele, die Stimme des Altmeisters Goethe, dessen Hochzeitslied bei der Verschmelzungsfeier des morgen-und abendländischen Wesens auch Else Croners Buch als Vorwort dienen könnte: »Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident! Nord und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände." DIE LEHRERIN. Eine Skizze nach dem Leben. Von A. Warszawski (Warschau). (Schluss.) Nein, Nein! Uebrigens, hatten denn die Juden nicht ihre eigenen Leute? Drüben stand ebenfalls eine Schule mit Kindergarten, und es waren Lehrerinnen da. Eine kannte sie sogar, ein schlankes, stolzes Mädchen, mit nussbraunen Haaren und königlichem Gang. Sie galt als eine der besten Lehrerinnen der Stadt und war sogar Doktor der Philosophie. ... Es ist gut so, jeder bleibe bei den Seinen. Da kann man am besten wirken. ...Er kam immer häufiger, um nach dem ,,Werk'4 zu sehen, zog die Brauen immer höher und immer demütiger blickten seine Augen, zuweilen blitzte in ihnen sogar etwas wie Neid und Eifersucht auf. Aber als er ihr nach drei Jahre sagte: „Ein Volk, welches solche Töchter hat, kann nie zugrunde gehen", machte dieses Wort, welches sie vor einem Jahre noch beglückt hätte, auf sie gar keinen Eindruck. Sie'hatte sich von ihm völlig emanzipiert und fühlte sich ihm gleichgestellt. Und er weihte sie immer mehr in sein intimes Leben ein, beriet mit ihr seine Pläne und legte ihr seine Arbeiten vor. Sie übte einen grossen Einfluss auf ihn. Aber sie hatte jetzt einen festen Halt und führte ein eigenes Leben. „Ich bleibe bei meiner Schule, sieh zu, wie du ohne mich auskommst," sagte sie lachend. Doch war das nur scherzhaft gemeint. Denn sie hätte nicht gewusst, wie sie ohne ihn auskommen könnte. Nun kämpfte sie seit einigen Tagen einen schweren Kampf. Sie würde ihm wohl unbedingt nach Paris folgen müssen, denn wenn er diese glänzende Stellung jetzt aufgäbe, müsste er vielleicht auf Jahre hinaus der Diplomatie entsagen. . . . Das wäre freilich kein Unglück, o; gar kein Unglück, umgekehrt, das wäre ihr geheimster Wunsch; tüchtige und bedeutende Männer kann man im Lande ebenfalls, und vielleicht hoch dringender brauchen. Aber es wäre doch zu hart, ein solches Opfer von ihm zu fordern. Sie hatte dem Direktor auch schon ihre Resignation überreicht. . . . Lange stand das Fräulein sinnend am Fenster. Erst die Portiersfrau weckte