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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 443 - 444

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die moderne Jüdin
Date
1913-06-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 2)
Language
German
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443 Arthur Silbergleit: Die moderne Jüdin. 444 Erdschicht zu prüfen, doch auch nicht die Gewalt der Zerstörungs- und Zersetzungstriebe im Innern dieses Bodens ausser Acht zu lassen; ebenso war es unumgänglich notwendig, jedes Anhauchs zu gedenken, welcher der Blüte jüdischer Eigenart ihre besonderen Düfte entlockte. Endlich musste die Verfasserin alle Licht- und Lufttönungen berücksichtigen, denen jener Spross seit Jahrhunderten ausgesetzt war, den Sonnenschein lichter Tage, der sein Herz erheiterte und die Finsternis trüber Schicksalsnächte, die ihn trauern Hessen, die seltenen Schmeicheleien sanfter Freudenwinde, die ihn liebkosten und ihm ein langes Leben verhiessen, und die zahllosen jähen Leidensstürme, deren Wüten ihn wiederholt mit dem Tode bedrohte. Die stärkste Aufmerksamkeit aber hatte die Verfasserin der Entwurzelung jener Blüte aus dem Stammboden und den Folgen ihrer Verpflanzung in ein fremdes Erdreich zuzuwenden. Die Zusammenziehung der drei Begriffe, des Jüdischen, des Weiblichen und des Modernen, zu einem einzigen, nämlich dem der modernen Jüdin, erforderte freilich ein ebenso zartes inneres Scheidungswie ein starkes äusseres Bindungsvermögen. Die Merkmale weiblicher Wesensart hier zu erläutern, dürfte im Hinblick auf den bereits gewaltig angeschwollenen Schriften-und Bücherstrom, der sich im trägen Fluss lehrreicher Verse, im behaglichen Plätschern uferloser Erzählungen, im wilden Wirbel hinreissender Dramen und in der Hochflut wissenschaftlicher Abhandlungen seit Jahrhunderten über uns ergoss, gewiss überflüssig sein. Aber die seltsam feinen Wechselbeziehungen, die zwischen denBegriffen: „Jüdisch" und„Modern" bestehen, einmal aufzuzeigen und auf ihre geheime Verwandtschaft hinzuweisen, erscheint mir nicht ganz reiz- und zwecklos, zumal da die Juden meist als Anhänger der Ueberlieferung, der starren Anschauung und des Hergebrachten gelten. Die Vertreter jenes Standpunktes begründen diesen mit dem starken Festhalten Israels an den schon „lange unzeitgemässen Satzungen" Jehovas. Diese Freunde von billigen Verallgemeinerungen sind schon deswegen arg verdächtige Kronzeugen, weil sie eine Wesenserscheinung "auf lediglich einem Gebiete, die in unseren Tagen immer stärker in den Hintergrund tritt, in süsser Denkträgheit mühelos auf alle anderen übertragen, als ob die menschliche Seele an sich — geschweige denn die jüdische — nicht ewig wandelbar wäre und in ihrer Anpassungsfähigkeit an gegebene Verhältnisse und Umstände ihre besonderen und wertbestimmenden Eigenschaften nicht bis zur Selbstverleugnung vergessen lassen könnte. Bereits ein einziger Blick in das bunte Leben unserer Zeit und in das Treiben verschollener Tage überzeugt uns eindringlicher als jede graue Lehre von der stets unbändig starken Neuerungssehnsucht der Juden, die Sombart mit Recht den Sauerteig im Brote der Völker nennt. Gerade diesem gewaltigen Gärungsdrang verdanken Sems Söhne den Aufstieg *zu geistigen und wirtschaftlichen Höhen, verdankt jede kranke und welkende Kultur Genesung, Verjüngung und ein Wiederaufblühen durch neue Lebens- und Tatkräfte sowie durch ein neues Spriessen, verdankt die Welt eine Fülle neuer Daseinsformen, Entwürfe und Gebilde. Es ist durchaus kein Zufall, dass Juden immer die geborenen Freiheitskämpfer waren und sich an fast allen wirtschaftlichen und geistigen Volksumwälzungen beteiligten, und sie, die angeblich ewigen Rechner, erwogen in ihrem seelischen Aufruhr nicht erst bedächtig lange, ob sie als Lohn für ihre Tätigkeit das Zuckerbrot deutscher Fürstengunst oder die Peitsche grimmer Zarenwut empfangen würden, ob ihnen aus der stolzen Höhe der Herrscher von Gottes Gnaden helle Ordens- oder die wehmutdunklen Sterne des sibirischen Himmels zuwinken könnten. Die aufrüttelnde Erkenntnis ihrer vollkommenen Entwurzelung und Heimatlosigkeit sowie die inbrünstige Sehnsucht, auf irgend einem Grund und Boden eine Verankerungsmöglichkeit zu finden, treiben die jüdische Seele von Wissensbezirk zu Wissensbezirk, von Wesen zu Wesen, von Land zu Land, geben ihr die ewige Unruhe, den starken Drang nach dem bisher Unbekannten und hetzen sie wie ihren dunklen und stets friedlosen Ahnherrn Ahasver in spukhaft-toller Jagd durch alle Länder der tatsächlichen sowie der sittlichen, sinnlichen, seelischen und geistigen Welt. Es bedarf wohl erst keiner besonderen Erwähnung, dass der Quell derselben Eigenschaften, der oft zügellos aus dem Herzen der Juden sprudelte und sprang, auch das Wesen der Jüdin durchtränkte. Er erhielt sich, geläutert durch den, Sieb des Frauenhaften, in der Seele des Weibes sogar viel klarer und reiner als in der des Mannes, der schon durch seine stärkere Berührung mit der Aussenwelt sich oft zur bewussten Trübung seines Ichs gezwungen sah. Daher war die Tochter Israels immer die geborene Hüterin des jüdischen Volkserbes und -empfindens, der Treue und Festigkeit des Familienlebens, der Sittenstrenge und Reinheit der Geschlechtsbeziehungen. Gerade weil die Neuzeit diesen geheimnisvollen Quell unserem Bewusstsein immer stärker zu entrücken sucht, ist seine Aufspürung ausserordentlich reizvoll. Man muss schon eine in des Wortes wahrster Bedeutung „ausschlaggebendeZauberrute, empfindsame Fingerspitzen und ein durch zahllose Uebungen geschultes Gehör besitzen, um ihn unter dem Geröll und der harten Steinschicht der Alltäglichkeit sogleich zu entdecken und zu ertasten und seinen geheimen und scheuen Klang zu erlauschen. Else Croner unternahm in ihrem Buch: »Die moderne Jüdin" diesen dankenswerten Versuch. Sie ging unbefangen und bescheiden, ohne sich den Anschein einer wissenschaftlichen Tiefseeforschung zu geben, ohne aber auch in der Seichtheit einer oberflächlichen Plauderei herumzuplätschern, an ihre Aufgabe heran; sie befragte ebenso das Meer der Geschichte wie den lebendigen Fluss der Gegenwärt nach

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