Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Die Lehrerin
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584039-2604608--14522-2604683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
A. Warszawski. Warschau: Die Lehrerin. 392 antreten. „Das Land bedarf meiner Dienste!" Aber die Kinder bedürfen meiner Dienste! Was geht mich Paris an? Ich hasse die Politik! . . . Jetzt wurde das Fräulein aber von einem stolzen Glücksgefühl erfüllt, dass ihr junger schöner Verlobter schon auf einen so hohen Posten berufen wurde. . . . Und Paris, die Pracht, die Feste, und sie, die junge Botschafterin die Königin der Gesellschaft!... Das Fräulein schritt vom Katheder hinab und trat ans offene Fenster. Vor ihr lag in der Sonne der grosse Spielplatz, der jetzt leer war. Aber sie brauchte nur die Augen zu schliessen, um ihn angefüllt mit Kinderköpfchen zu sehen. Ein ganzes kleines Volk wimmelte da unten, schreiend, singend, promenierend oder spielend. Sie hatte ihre bevorzugten Lieblinge unter ihnen, aber im Grunde "liebte sie sie alle, alle diese zerzausten, ungewaschenen, ausgehungerten, bleichen, mageren und verwahrlosten Kinder des ärmsten Proletarierviertels, in welchem ihre Schule stand. Denn eigentlich war es ihre Schule. Sie hatte den Kindergarten ins Leben gerufen und nachher aus eignen Mitteln die Schule gegründet, in der sie als Lehrerin, als einfache bescheidene Lehrerin wirkte. Wie war das nur gekommen? Sie erinnerte sich des Herganges. Eine übermütige Laune war's. Vor sechs Jahren. Ihr Verlobter war damals noch der „Onkel", ein um fünfzehn Jahre älterer entfernter Verwandter, in den sie seit ihrer frühesten Kindheit verliebt war, und mit dem sie darum auf stetem Kriegsfuss lebte, so dass es bisweilen zu heftigen Streitereien kam. Am meisten ärgerte sie seine geringschätzige, herablassende Behandlung. Er galt als furchtbar gelehrt und begabt und hatte sich der diplomatischen Karriere gewidmet. Alle Künste der Koketterie, die sie in den hocharistokratischen Pensionaten und Salons von Paris, Wien und Rom gelernt, vermochten nicht, ihn zu fesseln. ,,Du bist eine Zierpuppe, hast nur Nerven, aber kein Hirn und kein Herz." Sie kniff die Lippen zusammen und in stummer Wut beschloss sie, es ihm zu zeigen. Ein halbes Jahr darauf hielt sie ihm triumphierend ein Lehrerinnendiplom vor die Nase. Harte, entsagungsvolle Arbeit hatte es gekostet, aber nun musste er wissen, dass sie auch „was Ernstes" konnte. „Ich wette, du hältst es nicht ein halbes Jahr aus in einer richtigen Kinderschule. Im Salon, auf dem Tanzboden, das ist was anderes!" Sie ging zum Direktor. Der sagte: „Sie können gar nichts. Wir haben Sie nicht durchfallen lassen, weil wir sicher waren, dass es nur ein Scherz wäre. Nun wollen Sie gar Ernst machen? Höchstens Kindergärtnerin können Sie werden." Sie gründete einen Kindergarten im ärmsten Proletarierviertel. In wohlhabenderen Gegenden wäre ja jeder Versuch aussichtslos gewesen. Sogleich fingen die Kinder an, in hellen Scharen herbeizuströmen. Aber du lieber Himmel, was waren das für Kinder! Sie muss jetzt lachen, wenn sie des Schreckens und des Ekels gedenkt, den sie in erster Zeit vor diesen Horden kleiner Wildlinge empfand. Sie stanken wie die Pest, starrten vor Schmutz und tropften von Ungeziefer. Sie hatten hohle, gierige Augen, aus denen der Hunger und das Verbrechen lugten. Noch grauenhafter waren die Mütter. Skelettartig abgemagerte Weiber, die sich nie wuschen und sich in verpestete Lumpen hüllten, darunter Verbrecherinnen und Dirnen mit frechen Augen und kreischenden Stimmen. Mehr als einmal war das Fräulein auf dem Punkt, die Flucht zu ergreifen. Aber sie biss die Zähne zusammen: „Eine Prinzessin von Zahorowo Zahorska ergreift nicht die Flucht!" Butterbrote und Milch und warme Suppen, die sie reichlich strömen liess, taten bald ihre Wirkung. Ein Rudel Mägde, ausgerüstet mit Badewannen und bewaffnet mit Seife und Scheuerlappen, die sie aus dem eine halbe Meile entfernten väterlichen Schloss kommen liess, halfen wacker mit, und bald fing das in diesen kleinen, halbvertierten Wesen vergrabene Menschenkind an zu erwachen. Aber immer noch wollte sie mehr als einmal verzagen. Da sah sie vor sich ihn, den heissgeliebten Tyrannen, mit den hochmütigen, spöttischen Augen und der Handbewegung eines Feldherrn. Sie musste förmlichen Unterricht nehmen in dem schauderhaften Rotwälsch ihrer Zöglinge, um sich mit ihnen verständigen zu können; eine so tiefe Kluft trennte sie von diesen ihren Volksgenossen, die doch Fleisch von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute waren. Ein halbes Jahr darauf kam e r und besichtigte ihr „Werk". Er zog die Brauen hoch und schüttelte den schönen Kopf und sprach: „Ja, mein Kind, ich'hab's fünf Jahre lang in den Bergwerken von Sibirien unter schlimmeren Umständen ausgehalten." Nach weiteren sechs Monaten wurde aus dem Kindergarten eine Schule, eine richtige Schule mit einem Leiter und zahlreichem Lehrkörper. Das Fräulein übernahm eine der untersten Klassen. Nun zeigte sich erst, dass sie wirklich gar nichts konnte. Sie musste den älteren Lehrerinnen abgucken, wie man die ABC-Schützen unterrichtet und ganze Nächte beim Studium dicker Bücher verbringen. Aber es ging. Und der Direktor sagte: „Weiss der Teufel, Fräulein, Sie können nichts, und Ihre Klasse ist die beste. Hier haben Sie nichts (dabei zeigte er auf die Stirn) aber Sie haben's da" (er wies auf das Herz). Sie fühlte auch selber, dass eine grosse Veränderung mit ihr vorgegangen war. Während sie die Kinder erzog, wurde sie von den Kindern erzogen. Ihr Eigensinn hatte sich in Willensstärke gewandelt. Ihre Launenhaftigkeit, Unausstehlichkeit, Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit, die der Schrecken der ganzen Dienerschaft des Schlosses gewesen, waren geschwunden, ebenso wie ihre Flatterhaftigkeit, ein Erbteil der Mutter, einer der berühmtesten Buhlerinnen unter dem Hochadel und die Genusssucht, ein Erbteil des Vaters, der ein zügelloser Wüstling gewesen. Sie hatte Selbstzucht, geregelte Arbeit, Pflichterfüllung gelernt. Sie war innerlich gefestigt und geklärt, Ruhe und Friede waren in sie eingezogen und eine früher nie geahnte Güte erfüllte ihre Seele. Sie hatte das dunkle Gefühl, dass sie mit-