Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Die Rothschilds
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 389 - 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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38} Arthur Silbergleit: Die Rothschilds. 390 innere Begründung. Denn wie sehr sie sich auch durch geistige und seelische Anlagen, Lebensgewolinheitcn und persönliche Neigungen von einander unterschieden, sie verschmolzen zu einer untrennbaren Willenseinheit, wenn es galt, einen gemeinsamen wirtschaftlichen Feldzug nach einem immer sorgfältig ausgearbeiteten Ki'iegsplan zu unternehmen. Und als Sieger belohnte sie ebenso der wie d a s Verdienst. Denn sie waren keineswegs mir Gelderraffer und nur selbstsüchtige Naturen, sondern sie gaben von ihrer Fülle auch den Darbenden und Armen, so dass stets eine Heerschar von Bettlern zu ihren Palästen strömte. Deshalb scheint oft die Abendsonne das alte Haus mit dem roten Schild in der Judengasse zu Frankfurt am Main zu segnen, und der Himmel, dank seiner unermessliclien Sternen-, Mond- und Sonnenschätze der Milliardär aller Milliardäre, aus seinen Wolkensäcken zuweilen legendenhafte Reichtümer von Gold und Silber auf dieses steinerne Stätte zu streuen, dass ihre Fenster, vom Glänze trunken, selig in sich hineinlächeln, als beglückte sie das Bewusstsein, dass alle Bewohner dieses Heims sich hier einst ebenso irdischer wie überirdischer Gunst erfreuten. Baron James Rothschild. DIE LEHRERIN. ine Skizze nach dem Leben. Von A. Warszawski (Warschau). In dem grossen Klassenzimmer der Armenschule sass das Fräulein vor einem Haufen brauner, fleckiger und abgegriffener Hefte und starrte eine geraume Weile traumverloren in die Lichtflut, welche die Morgensonne des schönen Julitages durch die weitgeöffneten Fenster hereinströmen liess. Das Fräulein hatte zum erstenmal in den fünf Jahren ihrer Lehrtätigkeit ein schlechtes Gewissen, denn sie hatte die zwanzig Schulhefte noch nicht korrigiert. Die letzten Wochen waren von den Vorbereitungen zu ihrer bevorstehenden Hochzeit und der Nordlandsreise angefüllt und nur mit dem grössten Aufwand ihrer Energie hatte sie es fertig gebracht, keine einzige Stunde zu verfehlen. Die letzte Nacht war zum grössten Teil mit Briefschreiben verflossen. Aber der wichtigste Brief, der Brief an ihn, war noch unerledigt, den hatte sie sich auf zuletzt aufgespart; und sie war nicht dazu gekommen. Es war zu spät geworden. Nur zwei Stunden hatte sie geschlafen, als sie zum allmorgendlichen Spazierritt geweckt wurde, aber auf halbem Wege erinnerte sie sich der noch nicht korrigierten Hefte, befahl dem Reitknecht, die Zügel umzuwerfen und sprengte zur Schule. Die Sonne war soeben erst aufgegangen, die Tramway verkehrte noch nicht. Bei der Portierfrau legte sie das Reitkleid ab und vertauschte es mit dem Hauskleid der Portierstochter. Sie liess sich ihr Schulzimmer öffnen und wollte an die Arbeit gehen. Es war erst sechs Uhr morgens und die Kinder sollten heute ausnahmsweise erst um neun Uhr kommen. Zeit genug, um zwanzig Hefte zu korrigieren. Eine wehmütige Rührung beschlich die Lehrerin.. Heute sollte sie ihren Kindern den letzten Unterricht erteilen und Abschied von ihnen nehmen. Diese zwanzig elf- bis zwölfjährigen Mädchen waren ihr von den fünfzig geblieben, die sie vor fünf Jahren aus dem Kindergarten übernommen, um sie bis in die oberste Klasse zu führen. Die einen waren gestorben, die anderen verzogen oder zu anderen Lehrerinnen übergegangen. Allemal ging es ihr wie ein Stich durchs Herz, wenn eines ,,ihrer Kinder" wegblieb. Und nun sollte sie alle verlieren. Sie unterrichtete freilich auch noch in anderen Klassen und hatte überdies eine Abteilung des Kindergartens unter sich, aber die zwanzig Mädchen ihrer eigenen Klasse waren ihr besonders ans Herz gewachsen und da sie jetzt von ihnen scheiden sollte, tat es ihr weh. Aber sie musste scheiden. Sie fuhr sich mit den schlanken Fingern über die schweren glänzendschwarzen Haare, die wie eine Krone über der elfenbeinernen Stirn lagen, und ihre graublauen grossen Augen wurden feucht. . . . Lange hatte sie sich gesträubt, und der Verlobte hatte endlich eingewilligt, dass sie nach der Hochzeit in der Schule verbleiben dürfte. „So lange es geht," hatte er gesagt und sie dabei in die Arme geschlossen und nach ihrem Munde gesucht. Eine heisse Blutwelle schoss ihr bei dieser Erinnerung ins Gesicht, sie bog mit einer lässigen Bewegung den Kopf zurück und schloss die Augen und ihre Hände sanken herab. „So lange es geht." Aber jetzt war er zum Botschafter in Paris ausersehen, und sollte nach den Ferien den Posten