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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 331 - 332

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Professor William Wolf
Date
1913-04-01
Page
Seite 331 - 332 (sequence 2)
Language
German
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331 A. Friedmann: Professor William Wolf. -332 Synagoge und später wurde er zum Dirigenten der Linden - Strassen-Synagoge berufen. Nach dem Ableben Lewandowskis erhielt er dessen Stelle an der Lehrer-Bildungsanstalt als Lehrer der Musik und musikalischen Liturgie. Seine Tätigkeit in der Anstalt und in der Synagoge veranlasste ihn, auch die wissenschaftliche Seite der Synagogenmusik zu erforschen und das Resultat seiner Forschungen in mehreren Vorträgen bekannt zu geben. So hielt Wolf vor einigen Jahren in der „Internationalen Musikgesellschaft" einen Vortrag über das Thema „Grandzüge einer Geschichte der Synagogenmusik nebst Hypothesen über älteste Musiksysteme". Wolf suchte zu beweisen, dass sämtliche älteren Schichten der Synagogalgesänge aus Babylonien stammen, wo während des 70jährigen Exils der Synagogenkultus begann und wo das religiöse Leben der Juden in den folgenden Jahrhunderten einen höheren Aufschwung als in der Heimat Palästina selbst genommen habe. Das Kulturreich Babylon müsse in seiner priesterlichen und weltlichen Musik alte Tonsysteme besessen haben, deren sich dann die jüdische Musik bedient habe. Eine gewisse Gruppe dieser Systeme führte Wolf auf die Perser zurück, die durch Cyrus die Herren Babyloniens wurden, und da die gleichen Systeme sich in Indien vorfinden, so vermutete er einen gemeinsamen Ursprung bei den arischen Völkern Zentralasiens. Als Keim dieser arischen Systeme nimmt Wolf eine uralte dreitönige Singweise an, wie sie uns in der Rezitation des Rigweda entgegentritt; diese habe sich allmählich zu einem vier-, dann fünftönigen und schliesslich zu zwei achttönigen Systemen erweitert, deren eines, das speziell als „jüdische Tonart" bekannt ist: e, f, gis, a, h, e, d, e. Wolf belegte seine Ausführungen durch Proben aus der Synagogalmusik und analoge Beispiele indischer und arabischer Melodien, ebenso zeigte er das Vorkommen des uralten Zweiquartensystems und der pentatonischöh Leitern im Synagogalgesange in Beispielen.*) Leber die Entwickelungszüge der mittelalterlichen und der neuen Synagogalniclodien äusserte sich Wolf wie folgt: „Wenn wir die grosse Menge der in Deutschland gangbaren traditionellen Melodien überblicken, so treten vor allem zwei extrem gegensätzliche Gruppen hervor. Die eine derselben zeigt ein ziemlich oder völlig modernes Gepräge. Die Melodien dieser Klasse haben rhythmische Symmetrie, geordneten Satzbau, stehen meistens in der Dur-Tonart und halten mehr oder weniger eine bestimmte Taktart fest. Sie geben sich dadurch als nicht sehr alte, vielmehr im Geist der neueren (in Deutschland, Italien und Frankreich entwickelten) Kunstmusik erfundene Tonweisen zu erkennen. Die in ihnen ausgedrückten Stimmungen sind die einfacher Andacht oder auch eines fröhlichen Gefühls, welches meist einen kindlich harmlosen, ganz weltlichen Charakter an sich trägt — ein Umstand, der weiter unten seine Erklärung finden soll. Das gesangreiche Stück der Pessach-Melodie oder die andachtsvolle WTeise des al horischaunim oder die anmutige Melodie des Neilah-Kaddisch bilden Beispiele dieser Gattung. Die Melodien der andern Gruppe dagegen sind von einer gänzlich verschiedenen und zwar durchaus fremdartigen Natur. Keine bestimmte Tonart, überhaupt kein taktmässig geordneter, sondern ein ungebunden mannigfaltiger Rhythmus, meistens die entschiedene Molltonart, zugleich mit melodischen Wendungen, die unsere Musik nicht kennt, und die entweder auf alte Zeiten oder auf die Nationalmusik osteuropäischer (slawischer und madjarischer) oder selbst *) Siehe Mit teil, der Internat. Musikgesellschaft Jahrg. 1911, S. 163. orientalischer Völker hinzudeuten scheinen; ferner eine Mischung zwischen einfachem Kantilenen-Stil und reichem Passagen- und Koloraturwesen. Von seiten ihres Charakters betrachtet, zeigen sie einen herzergreifenden Ausdruck tiefen Gefühls von sehr elegischer Natur, oft bis zum herbsten Schmerze gesteigert. Ein Blick auf die Stücke Kol nidre und Awodo wird diese Eigentümlichkeiten sofort hervortreten lassen. Fragen wir dem geschichtlichen Ursprünge beider Melodienklassen nach, so ist, bei dem bisherigen Mangel an speziellen Forschungen, hierüber allerdings nicht vieles und mit Sicherheit nur einiges zu sagen. Die Ergebnisse einer Untersuchung der allgemeinsten Punkte seien hiermit dem Leser vorgelegt. Die andere Gruppe ist wohl ohne Frage in Deutschland entstanden, denn ihre Melodienbildung sowohl, wie die in ihnen sich aussprechenden Stimmungen sind deutscher Art. Auch ihre geographische Verbreitung scheint einen BeAveis zu geben. Sie sind überall in Deutschland heimisch und finden sich zugleich in allen den Ländern vor, in welchen sich im Laufe neuerer oder neuester Zeiten deutsche Juden niedergelassen haben; wogegen in den Gemeinden Russisch-Polens, des eigentlichen Russlands, Rumäniens und anderer östlichen Länder , in welchen deutsche Juden im allgemeinen nicht Avohnen, die Gesänge dieser Klasse unbekannt sind. Das Ländergebiet, in welchem sie in Gebrauch stehen, ist gleichwohl ein ausserordentlich grosses, es umfasst ausser Deutschland den Norden und Westen und teilweise den Süden Europas, soAvie die nordamerikanischen Vereinigten Staaten. Diese grosse fast allgemeine Verbreitung soa\to]ü, Avelche sich nur in einem längeren Zeitraum entAviekeln konnte, als auch der Umstand, dass die ältesten Personen des gegenwärtige n Geschlechtes diese Gesänge schon in ihrer Jugend als bekannte, feststehende kennen gelernt haben, lässt zum Avenigsten auf ein Alter A*on etwa hundert Jahren schliessen; manche deuten auf eine etwas frühere Zeit hin, indem sie an jenen Melodienstil erinnern, Avelcher in der nordeuropäischen Musik in der ersteh Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrschend Avar. — Ein Aveit höheres Alter ist ohne ZAveifel der andern fremdartig erscheinenden Melodiengruppe zuzuschreiben. Es geht in jüdischen Kreisen eine Tradition, dass der Verfasser derselben, ein deutscher Rabbiner, Jakob Lewy (genannt Maharil) sei, der um das Jahr 1400 lebte. Das geschichtlich über jenen Mann Bekannte bestätigt diese Annahme jedoch nicht, vielmehr ist authentisch, dass jener Rabbiner die Anordnung erlassen hat, man solle an den bisherigen eingeführten Melodien keine Veränderung Abnehmen. Es hat also zu seiner Zeit bereits traditionelle Melodien gegeben, und er seinerseits hat nur deren Sanktionierung beAvirkt. Dass unsere heutigen Synagogalmelodieil in der Tat die nämlichen sind, auf deren Aufrechterhaltung Maharil gedrungen, ist nicht zu bezAveifeln, da seine Autorität bei den Juden Mitteleuropas eine ausserordentlich grosse und bis in die neueste Zeit hinein gültige AArar, Avelcher man mithin auch in diesem musikalischen Punkte treulich gefolgt haben Avird; es ist also anzunehmen, dass mindestens die Hauptzüge der damaligen Melodien sich in der gegenwärtigen Aviederfinden. — Aus dem oben Dargelegten folgt, dass man die Entstehungszeit der Gesänge mindestens ein oder einige Menschenalter A^or 1400 zu setzen hat, also spätestens ins 13. oder die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts."*) *) Siehe Vorrede „Auswahl alter hebräischer Synagogal-Melodien von Marksohn u. Wolf."

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