Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Lord Byrons hebräische Gesänge und die Tondichter der romantischen Schule
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 2)
- Language
- German
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323 Dr. Leopold Hirschberg-Bcrlin: Lord Byrons hebräische Gesänge und die Tondichter der romantischen Schule. 324 haben." Erfreulicherweise ist die unglaubliche Beschränktheit, die aus diesen Worten spricht und für die dichterischen Qualitäten Theremins das Allerschlimmste befürchten lässt, von nicht allzu bösem Einflüsse auf die Uebersetzung gewesen. Sie ist leidlich, wenn auch kurze Zeit darauf eine weit poetischere yon Karl Ludwig Kannegiesser folgte. Gewisse Dichtungen — und dazu gehören auch Byrons hebräische Melodien — sind eben nicht zu verderben, weil sie einen Ueberschuss poetischer Schönheiten in sich tragen. Und so dauerte es auch nicht lange, dass ein junger", eben durch seine ersten Balladen (Edward, Erlkönig, Herr Oluf) berühmt gewordner Tonsetzer sich mit heiliger Inbrunst in diese Welt schmerzvollster Elegien versenkte. Es war K a r 1 Loewe, der schon als Fünfundzwanzigjähriger Leid und herbes Weh erfahren musste; nach einjähriger, glücklicher Ehe war sein junges Weib gestorben. Wie der Israelit um die ewig verlorene Heimat, so klagt Loewe über die ewig verlorene Gattin. Im Jahre 1823 begann er mit der Komposition der Gesänge, und so lange zitterte die tiefe Wehmut und Trauer in ihm nach, dass er erst 1826 den letzten Federstrich an seinem Werke tat. Nach ihm hat Keiner mehr sämtliche Gedichte in Musik gesetzt. Die tiefreligiöse Erziehung, die er im väterlichen Hause des (protestantischen) Kantors Andreas Loewe erhielt und worüber Interessenten das Nähere in Maximilian Kunzes ausgezeichneter kleiner Loewe-Biographie (Reclam No. 4668) nachlesen mögen, befähigte ihn besonders zu einem tiefen Eindringen in Byrons Gesänge, die ein Mittelding zwischen weltlichen und geistlichen Dichtungen darstellen. Karl Loewe war die Religion nicht äusserlicher Formelkram, sondern tief innerliches Herzensbedürfnis, und so wurde sie ihm auch Trost und Stütze im Unglück. Aber als wahrer Künstler flüchtete er zugleich in ein zweites heiliges Gebiet, die Kunst; sie musste ihm zum Ausdrucksmittel dessen werden, was in ihm nach Deutung und Gestaltung rang. Gellt man also bei der Würdigung der Loeweschen Tondichtungen von diesem Standpunkt aus — es ist der Gocthesche, der all seine Poesie als „Bruchstück eigner Konfession" betrachtete — so wird auch ohne weiteres klar, dass die A n o r d n u n g und Reihenfolge, in welcher Loewe Byrons Melodien in Töne gab, nur s o und nicht um ein Haar breit anders sich gestalten musste. War schon Byron durchaus als Improvisator und Stimmungsmensch, unbekümmert um irgend welche historische Momente, vorgegangen, so nimmt Loewe das gleiche Recht für sich in Anspruch. Auch hat er den Titel, nicht zum Schaden des W erkes, geistvoll erweitert, indem er die vier Sammlungen „Hebräische Gesänge, Gesichte*) und Balladen" nannte. Und nichts war geeigneter, ihm als Ausdrucksmittel des ersten wütenden Schmerzes zu dienen, jenes Schmerzes, der gleich Hiob noch mit Gott hadert, als „Her od es Klage um Mariamne" (in Byrons Anordnung erst der 19. Gesang). Herodes hat Mariamne getötet; auch er — Loewe — glaubt Schuld zu tragen an dem Tode des geliebten W'eibes, das die Geburt des ersten — ihm geschenkten — Kindes mit dem Leben bezahlen musste. Echt menschlich ist diese Empfindung. Verzweiflung und Sehnsucht sind die Grundpfeiler dieses gewaltigen Werkes, das zu des Meisters genialsten Offenbarungen gezählt werden muss. Ein Seelengemälde ergreifender, ja *) Nicht ..Gedichte". tief erschütternder Art, in welchem cruälende Herzensschreie: mit dumpfer Ergebung: I* di^f i iL.?^ ,]L - J,l<>4 ■>•. wechseln und wobei die Klavierbegleitung zu einem fast selbständigen symphonischen Gebilde geworden zu sein scheint, das nicht nur die Klagen der Verzweiflung, sondern auch die der Trauer sympathetisch begleitet und namentlich bei den Worten: entzückend sanft in höhere Tonlagen schreitet. Auf die höchste Erregung folgt die Reaktion. Was konnte schöner zu ihrem Ausdruck dienen, als die rührende Elegie „An den Wassern zu Babel" (bei Byron No. 21) mit dem bekannten Schluss: „Die Harfe wollen wir hängen Hier unter die Weiden am Strand." Ist es doch, als übermannte Kummer und Gram den Meister derart, dass er sich unfähig fühlt zuweiterm Schaffen! Aber schon dämmert der Trost der Religion wie aus weiter Ferne. Denn nach den ersten Klängen der Einleitung, die wie Wellengemurmel des heiligen Stromes ertönt, zieht, einer langverschütteten Jugenderinnerung vergleichbar, die Weise des uralten Chorals: ,,An Babels Wasserflüssen" vorüber und malmt den Verzagenden, im Schoss der Kirche Ersatz zu suchen für verloren gegangene Freuden des Lebens. So lässt Loewe die Schranken, welche Menschentorheit zwischen den Bekenntnissen aufgerichtet hat, verschwinden. Zum Gottvertrauen hat er sich denn auch in dem dritten Gesänge ,,W7är ich wirklich so falsch?" (Byron No. 18) aufgeschwungen, der allerdings durch die ungeschickte Uebersetzung Theremins weidlich entstellt und kaum zu verstehen ist. Im folgenden (Byron No. 14): „Alles ist eitel, spricht der Prediger" kann er bereits über die Nichtigkeit alles Irdischen nachdenken. Trost hat ihm. die Bibel gebracht; von neuem greift der Meister in die Saiten seiner Harfe und stimmt die sanfte ,,T o t e n k 1 a g e" (Byron No. 8) an: ,,Du in. der Schönheit strahlendem Schein Entschwunden, dich drücke kein lastender Stein! Es sollen auf deines Hügels Grün Des Jahres frühste Rosen blühn, Und sanfte Schatten die Zypressen streun." Seine ganze Seele legt der Tondichter in diese Worte; nur Melodie und wieder Melodie dringt uns in überströmender Fülle entgegen. Er weiss, dass er die Geliebte nicht verlieren kann; und in dem verklärten letzten Gesänge des ersten Heftes („seraphisch"' nennt ihn ein feinsinniger Musiker): Tränen und L ä c h e 1 n" (Byron No. 10) erscheint gleichsam der verklärte Geist in einer Vision. Lächelnd winkt er, die Hände gen Himmel erhoben, dem Verlassenen und zeigt ihm die Pforten des Paradieses, wie es Beatrice dem Dante wies. So sind wir also voll und ganz berechtigt, dieses erste Heft von Loewes hebräischen Gesängen als