Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Preußen
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 8)
- Language
- German
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305 Felix Hülle: Die Emanzipation der Juden in Preussen. SOG Freilich darf die Sombartschc Auffassung, dass die Juden diese Frage mit der „hübschen" Redensart „Wichtigkeit" abtun sollten, nicht ernsthaft genommen werden. Wer den gesellschaftlichen Aufbau des Preussischen Staates kennt, der weiss, dass es von grösstem Nachteil für die soziale Stellung einer Gemeinschaft ist, wenn ihre Mitglieder allgemein von dem Offiziers¬ und Verwaltungsbeamtenstancle ausgeschlossen werden. Diese Zurücksetzung wirkt auch auf die Anstellungsfähigkeit im höheren Gemeinde- und im Privatverwaltungsdienst der Banken wie der kaufmännischen und industriellen Unternehmungen zurück, die sich hei der A'ergebung der gesuchtesten Posten vielfach nach den Grundsätzen des Staates richten. Nicht um die Befriedigung der Eitelkeit oder des Ehrgeizes eines einzelnen handelt es sich bei der Offiziers- und Beamtenfrage, sondern um eine Frage des Rechts und der öffentlichen Moral. Erst mit dem. Augenblick, da*die aktive Offiziers!auf bahn und damit jedes Staatsamt den dazu befähigten Juden ohne Glaubenswcchscl offenstellt, ist die Gleichberechtigung als vollendet anzusehen. Möge der Geschichtsschreiber, der das Säkularwerk von 1969 schreibt, nicht nur die rechtliche, sondern die tatsächliche soziale Emanzipation der Juden in Preussen und Deutschland als abgeschlossen bezeichnen können. hVKGLXA MUNPLAK. PAEIS. Polnische Jüdin. NOEMI UND DER RITTER. Yen Thoklii Skorm. Dort, wo die Stadt sich an den kahlen Burgberg schmiegt, im letzten Haus der düsteren Judcngasse wohnt Simeon Habakuk, der Tü'illimmaehei'. REGINA MUNDLAK. PAEIS. Melamed (Lehrer). Ein Tifillimmacher wird nicht reich. Denn warum auch — die Gebetriemen, die der kleine Moeske oder Salomle stolz als Barmizwah in Empfang nimmt, halten schon aus, bis unter dem Trauhimmel der Schwieger ihm neue, schönere spendet. Und ist er dann auch ein frommer Mann, der keinen Tag vergisst, gen Sinai gewendet, des Herren Gebote um Kopf und Arm zu wickeln: es dauert doch Jahre, ehe die Riemen sich abnutzen, die Simeon Habakuk aus allzu kernigem Rindleder schneidet. Simeon Habakuk ist überhaupt ein unpraktischer Mann. Gar keinen Geschäftsgeist hat er, sagen die Leute. Während er an seinem dürftigen Holztisch in seinem braunen, langen Judenrock sitzt, das Leder zu bereiten, die viereckigen Gebotkapseln übereinander zu kleben, sieht sein Geist sich in farbigen goldschimmernden Gewändern durch hohe, teppichgelegte Hallen schreiten; wandeln seine Gedanken fern unter Spaniens Sonne, aus dem an jenem grausamen Schicksalstage Aron 1492 verti'ieben, die Grosseltern in diese fränkische Bergstadt geflüchtet. Sein feines, blasses Gesicht, das der schmale schwarze Bart kreisrund umrahmt, beugt sich versonnen über eine freudlose Arbeit; die dunklen Augen aber träumen noch von Taten und Ringen der Vorfahren, indessen das tückische Gifttier „Ghetto" dem Enkel längst Kraft und Mut aus den Adern gesaugt. Das einzige, was das Leben von Träumen ihm