Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 247 - 248

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Die Juden Italiens
Date
1913-03-01
Page
Seite 247 - 248 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584037-2604349--14328-2604428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

247 Prof. Dr. Enniino Lüuvinson. Ruin: Die Juden Itiilicns. 248 Pflicht, den Wenigbemittelten eine jüdische Erziehung zuteil werden zu lassen, am sie vor der Absorbierung durch den Katholizismus oder Protestantismus zu schützen. Ganz besonders mag dieser Grund für die Erhaltung der konfessionellen Schule massgebend sein. Man kann sich ausserhalb Italiens kaum einen Begriff davon machen, was für eine rege Missionstätigkeit Katholiken und Protestanten ihrerseits in Italien leisten, wie grosse Summen dafür aus dem Auslande, besonders aus Amerika, kommen! Könnte oder wollte man also die konfessionellen jüdischen Schulen nicht aufrecht erhalten, so würden die Kinder, namentlich der unbemittelten Klassen, der katholischen oder protestantischen Propaganda in die Arme getrieben werden. In den Schulen, welche von der Stadt, der Provinz oder dem Staate unterhalten werden, findet allerdings offen keine religiöse Propaganda statt. Doch ist die öffentliche Sehnle keineswegs ein Laieninstitut: Meist ist in den Schulräumen das Kruzifix angebracht, und den Unterricht durchzieht ein katholischer Geist, was nicht zu verwundern, da fast die Gesamtbevölkerimg dieser Kirche angehört, welche auch nach der Verfassung die des Staates ist. Die Stadt- und Landgemeinden, wele h e wirk I ic he Laienschulen besitzen, bilden eine seltene Ausnahme. Hierzu kommt, dass aus mannigfachen Gründen die Privatschule der öffentlichen vielfach vorgezogen wird, \ nicht nur seitens der wenig bemittelten Klassen. Infolge dessen ist die Anzahl junger Leute beiderlei Geschlechts, auch aus den höheren Ständen, welche alljährlich durch den Besuch katholischer oder protestantischer Privatschulen dem Juden tum verloren geht, keine unbedeutende. Besonders A-erlockend ist'für viele Familien der Anreiz, dass ihre K inder beim Besuch solcher Anstalten die eine oder andere fremde Sprache spielend leicht erlernen sollen. Leider reichen die gegenwärtig bestehenden jüdischen Unterrichtsanstalten nicht aus, um diese gefährliche Strömung erfolgreich bekämpfen zu können. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten bestanden in Italien nicht weniger als fünf jüdische Erziehungsanstalten, mit Internaten verbunden. Davon kamen je zwei auf Venedig, je eins Ernesto Nathan (kiirzJifli zum tlritten Mal Jium in seinem Ai-Iwitszinu auf Padua, Pisa und Livorno. Bezeichnend für die zunehmende sogenannte Assimilation, in Wirklichkeit aber für die Absorbierung des jüdischen Elements durch christlich konfessionelle Institute ist es, dass alle die genannten bis auf die weibliche Erziehungsanstalt Jacob""Cästelfranco in Padua, welche unter Aufsicht der dortigen jüdischen Gemeinde steht, eingegangen sind. Und was will ein einziges Institut für ganz Italien bedeuten. Auch sind bisher alle Versuche, ein israelitisches Waisenhaus und einen Konvikt für das gesamte Königreich zu schaffen, d. h. Anstalten, die den Israeliten aller Landesteile glcichmässig zugänglich wären, gescheitert. Derartige Versuche fanden besonders dämm keinen Anklang, weil jüdischen Zöglingen die staatlichen Anstalten offenstehen. Sollte aber einst in diese — und das könnte in einer nicht allzu fernen Zukunft durch eine neue parlamentarisch e Konstel lation infolge der Ausdehnung des Stimmrechts auf die Analphabeten der Fall sein — ein klerikaler Geist einziehen und die Aufnahme solcher Zöglinge erschwert werden, dann dürfte sich auch auf jüdischer Seite das Bedürfnis nach Sonderanstalten herausstellen. 1 sraelitischc Elernentarschulen, welche in Turin, Livorno und anderwärts bestehen, werden natürlich wie jede andere Lehranstalt vom Staate beaufsichtigt, was entschieden einen Antrieb bildet, das Unterrichtssystem den modernen Verhältnissen anzupassen. Deshalb findet man in ihnen Turnunterricht und für die Mädchen Handarbeitsstunde. Dadurch, dass der Unterricht ausser allen sonst von den Volksschulprogrammen vorgesehenen Gegenständen auch der Religion und hebräischen Sprache gewidmet ist, gilt er natürlich für verhältnismässig anstrengend. Zum Ausgleich verabreicht man den Kleinen, wo es die finanziellen Mittel irgendwie gestatten, freies Frühstück. Aussei' diesen konfessionellen Elementarschulen sind in den meisten Gemeinden Talmud - Thoraschulen Arorlianden; sie werden wenig und meist nur von den Kindern der Unbemittelten besucht, während die besser gestellten Israeliten, wenn überhaupt, den Rcligions- und hebräischen Unterricht Bürgermeister Roms gewählt), tur auf dem Kiipitol.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.