Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Die Juden Italiens
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Prof. Dr. Eniuuio Loevinson, Horn: Die Juden Italiens. 244 in Aegypten, Portugal, Rumänien) mit ehemaligen Zöglingen des Florentiner Seminars besetzt ist. Neben diesem, das erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts floriert, besteht seit langem ein anderes Rabbinerseminar in Livorno, welches seinerzeit durch den Gegensatz, in den es unter Elia Benamozegh, einem Vertreter der Mystik, zu dem damaligen Seminar in Padua unter Samuel David Lnzzatto und Lelio Deila Torre getreten war, viel von sich reden machte. Mehrere der heutigen Rabbiner Italiens sind aus der Schule von Livorno hervorgegangen. Gegenwärtig steht sie unter der gelehrten Leitung des Dr. Samuel Colombo. Dieser hat sich aber, da die gleichzeitige Unterhaltung von zwei Instituten höheren Grades die Kräfte der italienischen Judenschaft übersteigt, in hochherzigem Verzicht bereit erklärt, sich fortan auf die Vorbereitung von Zöglingen zur unteren Rabbinatskarricre zu beschränken. Beide Seminare sollen fortan ein einziges Institut bilden, und der Unterricht soll unter Aufsicht der Rabbiner beider Städte sowie des Oberrabbiners von. Rom stehen. Diejenigen Organisationen, deren Tätigkeit nie ruht, sind naturgemäss die Wohltätigkeitsanstalten. Die Anforderungen, welche an sie tagtäglich gestellt werden, sind keine geringen. Um nur auf die . Verhältnisse in der grössten jüdischen Gemeinde Italiens hinzuweisen, sei folgendes bemerkt: Unter den etwa 10 000 Juden Roms befinden sich ungefähr 800 Familien, also etwa 3000 Personen, in dürftiger Vermögenslage: von diesen S00 ist die Hälfte tatsächlich hilfsbedürftig und über 150 als absolut arm zu bezeichnen, während eine nicht geringe Zahl der "Wohlhabenden der Gemeinde entweder gar keine oder nur wenig Abgaben entrichtet. Trotzdem ist die Anzahl der Wohltätigkeitsanstalten der Juden Italiens eine beträchtliche und auch ihre Leistungen sind als recht bedeutende zu bezeichnen, namentlich, wenn man bedenkt, class gegenwärtig bloss etwa 45 000 Juden in Italien leben. Ja, die Leistungen der jüdischen Wohltätigkeitsanstalten wären noch bedeutender und tiefgreifender, wenn sie sich zu einem einheitlichen Zusammenarbeiten nach moder-. nen Gesichtspunkten einporschwin- Abgeordneter Ernesto Artom genkönnten, (seiue Sondergebiete sind: Auswärtige Politik und körperliche Ausbildung der Jugend). anstatt, Wie es jetzt leider der Fall ist, ihre wertvollen Kräfte zu zersplittern. Zu den am besten organisierten Wohlfahrtseinrichtungen lassen sich wohl diejenigen von Turin und Florenz rechnen. An ersterem Orte ist jedes Institut mit dem Recht einer juristischen Person ausgestattet und ausschliesslich für Israeliten bestimmt: ein neuerdings bedeutend erweitertes und verbessertes Krankenhaus, welches auch Altersschwache und Sieche aufnimmt, ein Waisenhaus mit einer Erziehungsanstalt, ein Frauenverein zum Beistand von Wöchnerinnen und Kindern, eine Elementarschule für Knaben und Mädchen, verbunden, mit einem Kindergarten, eine Mittelschule und eine Brüderschaft für Leichenbestattung. In Florenz bestehen ausser dem Krankenhaus ein Kinclerscliutzverein, welcher verwaiste oder von ihren Eltern verlassene Kinder in jüdischen Familien unterbringt, ein Kinderasyl mit Kindergarten, sowie ein Unterstützungsverein, der Unbemittelten die Zahlung der Wohnungsmiete erleichtert. Ferner schickt man von Florenz, von Mailand und von anderen Gemeinden jeden Sommer arme Kinder in die Seeheilstätten. In Florenz, Mantua und anderen Orten funktionieren jüdische Volksküchen. Und Kinderasyle hat man selbst in kleinen Gemeinden wie z. 13. Cuneo. In Venedig unterstützt die Stiftung Loria junge Leute, welche sich dem Seemannsberufe und Handwerkerstande widmen. Erfreulicherweise ist die Anzahl der Bewerber alljährlich im Steigen. Die Wohlfahrtspflege seitens der jüdischen Gemeinden ist eine rein freiwillige, mehr ein Herzensbedürfnis, als eine leidige Pflicht; denn Staat, Provinz und Stadtgemeinde kennen bei Kinder-, Armen- und Krankenfürsorge keinen Unterschied .der Religion. So unterstützt z. B. die Provinz Rom die jüdischen Kinderasyle. Ja, einer der schönsten Beweise für das gute Einvernehmen, welches, im grossen und ganzen zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen in Italien herrscht, ist der, class nicht allzu selten katholische Bürger oder - - . auch Adlige j ü d i s c h e n Wohltätigkeitsanstalten Geldunterstützun-; gen zuteil ' werden lassen. So z. B. schenkte vor einigen Jahren ein Katholik dem jüdischen Kinder- Abgeordneter Leone Wollemborg . . Finanzminister 1901—1903 äSyl III Rom (Begründer der Landwirtschaftlich. Dahrlehnskassen)«