Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Preußen
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 203 - 204 (sequence 2)
- Language
- German
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203 Felix Halle: Die Emanzipation der Juden in Preussen. 204 wechselte nun Ursache und Wirkung: obgleich sie gezwungen imstät waren, stellte man die Juden auf eine Rechtsstufe mit den Zigeunern, mit jenen unglücklichen Geschöpfen, denen ein seelisches Manko die Sesshaftigkeit erschwert, oft auch unmöglich macht. Das abergläubische Volk, das seine eigenen. Töchter als Hexen verbrannte, glaubte von den Juden,' dass sie Brunnen vergifteten, Hostien schändeten, Kinder aus rituellen Gründen mordeten und andere Schandtaten verübten. Waren Adel und Stände bei den Juden besonders hart verschuldet, so waren derartige Anschuldigungen eine erwünschte Gelegenheit, um die lästigen Gläubiger abzuschütteln. Diese Verhältnisse blieben nicht ohne Einfluss auf den Charakter der Juden; der Selbsterhaltungstrieb lehrte sie, der brutalen Gewalt L,ist und Verschlagenheit entgegenzusetzen. Das harte Fremdenrecht, dem sie unterlagen, liess die Juden wie die Angehörigen einer feindlichen Nation als Staat im Staate leben. Eine Aenderung trat erst ein, als die christlichen Völker, in sich durch konfessionelle Verschiedenheit gespalten, nach jahrhundertelangen blutigen Religionskriegen die Schädlichkeit jeder Intoleranz zu erkennen begannen. Auch der Nationalbegriff weitete sich. Man sah, dass eine Nation Angehörige verschiedener Konfessionen haben könne, man erkannte, dass die gleiche Abstammung nicht das entscheidende Merkmal der Nation sei, sondern man entdeckte, dass es der übereinstimmende Kulturwille, die gemeinsame Opferbereitschaft für gleiche Ideale sind, die eine Nation ausmachen. Man lernte auch mehr den einzelnen Menschen schätzen. Als aber die Juden, die man bis dahin rechtlich gleich den Sachen oder gleich dem Vieh behandelt hatte, merkten, dass vorurteilslose Christen in ihnen den Menschen suchten und sich für ihre Aufnahme in den nationalen Staatsverband wie auch für ihre rechtliche Gleichstellung bemühten, da begannen auch die geistig Regsten und sozial Höchststehenden unter den Juden die christliche Umwelt mit anderen Augen zu betrachten. Sie erkannten bald die kulturelle Ueberlegenheit der Aussemveit. Die Mehrzahl der west- und mitteleuropäischen Juden suchte sich, nunmehr ihrer christlichen Umgebung möglichst anzupassen und schloss sich mit Eifer der Bewegung an, die auf ihre Befreiung aus dem Ghetto und auf ihre Aufnahme in die Nation ihrer Au fenthaltsländer abzielten. Die Emanzipation der Juden aus dem Ghetto, aus den Kolonien der jüdischen Nation und ihre Aufnahme als gleichberechtigte Staatsbürger in die Volksgemeinschaft ist mit zwei Ausnahmen {Russland und Rumänien) in allen Kulturstaaten erfolgt. Diese Tatsache können die Antisemiten, die Anhänger der von der Allgemeinheit überwundenen Unduldsamkeit, nicht aus der Welt schaffen. Sie beliehen sich daher mit der Darstellung, die Emanzipation sei nicht ein notwendiges Glied in der rechtsgeschichtlichen Entwicklung aller Kulturnationen, sondern sie sei die verfehlte Massnahme volksfremder Regierungen. Ja, gelegentlich der so grosses Aufsehen erregenden Kunstwartdebatte hat der fanatische Judengegner Philipp Stau ff die Emanzipation der Juden in Preussen als das Werk eines Mannes, des „unseligen" Hardenberg bezeichnet, und er durfte das Andenken eines deutschen Staatsmannes von der Bedeutung eines Hardenberg in einer so angesehenen Zeitschrift dadurch beschimpfen, dass er die persönliche Verschuldung Hardenbergs bei jüdischen Gläubigern als Motiv für die Haltung des Kanzlers hinstellte. Ein Gesinnungsgenosse Stauffs, der sich unter dem Pseudonym Daniel Frymann verbirgt, führt in seinem 1912 in Leipzig erschienenen, von der antisemitischen Presse aufs eifrigste empfohlenen Buche — „Wenn ich der Kaiser war" — die Emanzipation der Juden auf die falschen Humanitätsbegritfe der früheren Generationen zurück und fordert die völlige Aufhebung der Gleichberechtigung. Wenn ich die Frymannsche Schrift, trotz ihrer politischen Bedeutungslosigkeit erwähne, so geschieht es, weil dieses Buch, das ausser dem Judenproblem noch andere wichtige Fragen behandelt und deswegen auch in nichtantisemitischen Organen zustimmende Besprechungen gefunden hat, eine weite Verbreitung erlangt hat und durchaus geeignet ist, in vielen, namentlich in jugendlichen Köpfen, völlig falsche Vorstellungen über die Judenemanzipation in Preussen zu erwecken. Es ist daher ein günstiges Zusammentreffen, dass im selben Jahre ein Werk erschienen ist, das die Motive der preussischen Staatsmänner bezüglich der Judenemanzipation an Hand der Akten bis in die Einzelheiten feststellt und klarlegt. Zur hundertsten Wiederkehr des Jahrestages der preussischen Judenemanzipation hat Herr Dr. Ismar Freund in einer grösseren Abhandlung den Werdegang der bürgerlichen Gleichberechtigung der preussischen Juden unter besonderer Berücksichtigung des Gesetzes vom 11. März 1S12 nach urkundlichen Quellen zur Darstellung gebracht und gleichzeitig die benutzten Urkunden in einem besonderen Bande herausgegeben.*) Die meisten dieser Urkunden wurden zum ersten Male der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht, weswegen das Werk bei allen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, lebhaftes Interesse erregen wird. Die Herausgabe der Arbeit erfolgt im Auftrage eines Komitees, das sich aus den Vertretern der grössten jüdischen Gemeinden Preussens und der führenden jüdischen Verbände gebildet hatte, um den für die preussische Judenheit bedeutsamen Gedenktag in würdiger Weise zu begehen. Insofern ist das Buch ein Jubiläumswerk. Aber nur insofern. Es ist keine Gelegenheitsschrift, die ad hoc hergestellt wurde, es war vielmehr als ein Ausschnitt aus dem historischen Teile eines Staatskirchenrechtes der preussischen Juden in sich materiell wesentlich abgeschlossen, als dem Herausgeber der Auftrag wurde, das wissenschaftliche Säkularwerk für den 11. März 1912 zu schreiben. Es will aber auch insofern keine Jubelschrift sein, als ihm jede Tendenz abgeht ausser der einen, die Wahrheit zu erforschen und die Dinge so darzustellen, wie sie sich aus den Quellen ergeben. Solche Objok- *) Dr. Ismar Freund, die Emanzipation der Juden in Preussen unter besonderer Berücksichtigung des Gesetzes vom 11. März 1S12. Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte der Juden in Preussen. Berlin 1912. "Verlag von M. Poppelauer.