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Ost und West · 1913-02-01 · Heft 2 (Februar 1913) · p. Seite 171 - 172

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 2 (Februar 1913)
Article
Die Juden in den Balkanländern
Date
1913-02-01
Page
Seite 171 - 172 (sequence 2)
Language
German
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171 Hie Jiiilcn in den .li;ilk:inl;in<lrrn. 172 Behörden dem Zustand clor Anarchie und der Unsicherheit, in dem wir leben, ein Ende machten. Unsere Gemeinde hat schon wiederholt den Vertretern des Königs von Griechenland ihre Beschwerden vorgetragen und hat jetzt von neuem eine Audienz heim Prinzen Nikolaus, dem Generalgouvorneur, nachgesucht. Auch die materielle Lage von Saloniki ist sehr unsicher. Diese gutsituierte Stadt, die durch die überwiegende jüdische Bevölkerung zu grossem wirtschaftlichen Wohlstand gelangt war, die so viele Handelshäuser von grosser .Bedeutung, so viel blühende Erzieliungsinstitute und so viele durch die Grossmut seiner Einwohner glänzend gestellten Wohlfahrtseini'ichtungcn besass, hat durch den Krieg eine schwere Krisis durchgemacht, die auch die solidesten Grundlagen erschüttert hat. Das Gesohäftsleben ist seit Monaten vollständig gelähmt. Die grossen Opfer, die die wenigen Wohlhabenden sich auferlegt haben — denn es sind verhältnismässig wenige innerhalb der 13 000 Familien, die nur vom Ertrag ihrer Arbeit leben — sind sehr bald unzureichend gewesen zur Unterstützung der vielen Tausende, die nur von der .Hand in den Mund leben und denen jetzt jeder Erwerb unmöglich geworden ist, sowie der anderen Familien, deren Ernährer in den Krieg gezogen sind. Zu diesen Unglücklichen, denen als einzige Hilfe die Solidarität ihrer Brüder zur Verfügung steht, gesellen sich tagtäglich Tausende von Flüchtlingen aus kleineren Ortschaften, die von allen Hilfsmitteln entblösst sind. Sie wussten, dass die wegen ihrer Güte und Mildtätigkeit bekannte Gemeinde in Saloniki Mitleid mit ihrem Elend zeigen und ihnen Brot und •Obdach verscharren würde. Die Gemeinde von Saloniki hat ganze Scharen von Flüchtigen aus anderen Städten Mazedoniens aufgenommen; sie hat sie in den Allianceschulen. in den Krankenhäusern und Synagogen untergebracht und für ihre ersten Bedürfnisse gesorgt. Die Sendungen der Alliance und anderer jüdischen Gesellschaften haben ihr dabei geholfen. Dank dieser gemeinsamen warmherzigen Betätigung, die fortgesetzt in Uebung bleibt, hat viel Elend in weitem Umfang gelindert werden können. Sie niuss aber noch so lange fortgesetzt werden, wie die Ursachen der Not noch nicht aufgehört haben und deren Ende ist leider noch gar nicht abzusehen. Auch in K o n s t a n t i n o p e 1 sind die Lasten der Gemeinde, die ohnehin unter dem Stillstand des Geschäfts und der allgemeinen Verarmung der Bevölkerung zu leiden hat, durch die fortgesetzte Ankunft von Flüchtlingen sehr gestiegen. Diese kommen meist aus Silivrien, Adrianopel, Tschorlu, Burgas und Kodosto; ihre Zahl betrug" Mitte Dezember bereits dreitausend. Ein Hilfskomite hat sie in verschiedenen Stadtteilen untergebracht und hat zu diesem Zweck Wohnräume mieten müssen. Man hat die Flüchtlinge bekleiden und ihnen Bettzeug liefern müssen, denn sie hatten auf ihrer eiligen Flucht nichts mitgenommen, und hat sie mit den täglichen Subsistenzmitteln versorgt. Das Hilfskomite hatte ferner die grössten Vorsichtsmassregeln zu treffen, um die Ansteckungsgefahr durch Cholera und Typhus zu beseitigen, die zur Zeit in der Umgegend von Konstantinopel geherrscht haben. Die Alliance Israelite hat auch für dieses notwendige Hilfswerk einen bedeutenden Betrag beigesteuert. Trauriger noch ist die Lage von A drianopel, das seit langen Wochen von der übrigen Welt abgeschnitten und mit dem keine direkte Verbindung herzustellen ist. Man weiss noch nicht, wie die Bevölkerung hinter ihren Mauern die mit seiner Einsch Hessling verbundenen Entbehrungen ertragen hat. Welche Verwüstungen mögen Hunger und Krankheiten, angerichtet haben! Auf alle diese schmerzlichen Fragen gibt es vorläufig noch keine Antwort. Die normale jüdische Bevölkerung von Adrianopel zählt 17 000 Seelen. Man nimmt an, dass ein paar hundert Juden vor der Belagerung die Stadt haben verlassen können, dass aber andererseits Tausende von Israeliten aus zuerst von den Verbündeten genommenen Ortschaften in Adrianopel Zuflucht gesucht haben. Inmitten dieser traurigen Lage kann die Alliance mit Befriedigung feststellen, dass sie vom türkischen Kriegsminister autorisiert worden ist, den Bedürftigen von Adrianopol die nötigen Hilfsmittel durch drahtlose Telegraplue zur Verfügung zu stellen. Sie hat ausserdem die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, dass sofort nach der Oeflhung der Stadt sich Hilfszüge zur Verproviantierung der unglücklichen Bevölkerung bereit halten. Bei Gelegenheit des Einzugs der siegreichen Truppen in anderen Ortschaften sind bedauerliche Ausschreitungen vorgekommen. So sind in dem von Bulgaren besetzten Städtchen Cavallabis an die Zähne bewaffnete Milizsoldaten zu dem Grossrabbiner gekommen und haben behauptet, dass in seinem Hause Waffen verborgen, wären. Sie hielten eine Haussuchung ab , die natürlich ohne Ergebnis verlief. Friedliche Bürger, angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde, wurden verhaftet, tagelang im Gefängnis gehalten und erst gegen ein bedeutendes Lösegeld wieder in Freiheit gesetzt. * * Die Alliance Israelite hat von ihren Vertretern auf dem Balkan unter dem 10. Januar über die Lage der israelitischen Gemeinden in den von dem Krieg heimgesuchten Gegenden folgenden Bericht erhalten: Zu Beginn des Feldzages der bulgarischen -Armee und während ihres weiteren Vormarsches gegen Adrianopel, flüchteten die die türkischen Städte und Dörfer bewohnenden Israeliten zum Teil nach Konstantinopel, zum Teil nach Adrianopel. In normalen Zeiten zählt Adrianopel 16 000—17 000 Israeliten; ein kleiner Teil von diesen hat vor der Belagerung sich nach Konstantinopel gewendet; dieser Abgang aber wird mehr als aufgewogen durch die Zahl der aus Mustafa Pascha, Kirklissc, Lülc-Burgas, Tschorlu und. Demotica ankommenden Flüchtlinge. Man kann die Zahl der in Adrianopel eingeschlossenen Israeliten auf mehr als 20 000 schätzen. Dank dem Entgegenkommen des türkischen Kriegsministers ist es möglich gewesen, den armen Israeliten Adrianopels vermittels drahtloser Telegraphic Fonds anzuweisen. In Konstantinopel befinden sich ungefähr 3 500 Israeliten, die vor der bulgarischen Armee geflohen sind. Nach ihrer Ankunft hat sich unter dem Vorsitz des Grossrabbiners Nahiun ein Komitee gebildet, das darauf bedacht ist, das Elend des Krieges nach Möglichkeit abzuwenden, und dem angesehene Persönlichkeiten ohne Unterschied der Nationalität oder Partei angehören. Die Flüchtlinge sind in verschiedene Stadtviertel verteilt und Gegenstand aufmerksamster Fürsorge geworden. Man ist erfreut, dass trotz der eigenen gegenwärtigen Sorgen die israelitische Bevölkerung der Hauptstadt in der Lage war, den armen Flächt-

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