Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Die Juden in den Balkanländern
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 1)
- Language
- German
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109 170 ^MITTEILUNGEN ■nn des Ceniral-Comites der m AlHanceJsra61iteUniverselle r bmt^ H)eufsches Bureau: Charlottenburg, Grolmar»-StrM no rn crniyT Parsau des Central Comites: ParisA5,RuelaBruyer3 DIE JUDEN IN DEN BALKANLAENDERN. (Das Hilfswerk der A. I. U.) Das oben zu Ende gegangene Jahr ist für die Israeliten im Orient ein besonders verhängnisvolles gewesen, hei weitem schlimmer, als es seit langer Zeit gewesen war. Nach dein italienisch-türkischen Krieg, der die kopflose Flucht der tripolitanischen .Inden nach Tunis, Malta und Aegypten zur Folge hatte, in welchen Ländern sie ohne alle Hilfsmittel ein neues Leben beginnen sollten, kam. im August das schreckliche Erdbeben über die europäische Türkei, das in Tschorhi, Gallipoli und Dardanelies viele Stadtteile in Trümmer vorwandelt bat. Luid nun herrscht seit Monaten der fürchterliche Krieg zwischen der Türkei und den Balkanstaaten und übt auf die jüdische Bevölkerung dieser Länder die schrecklichste Rückwirkung aus. Alle jüdischen Einwohner clor kriegführenden Staaten, die kriegstüchtig sind, dienen als Soldaten in ihren, heimatlichen Armeen. Die Familien der eingezogenen Soldaten, die nicht wohlhabend und ihres Ernährers beraubt sind, leben im grössten Elend und fallen der Fürsorge der jüdischen Geineinden anheim. Diese haben, sowohl in Bulgarien wie in Serbien, in. Griechenland und in der Türkei ihre Beistandspflicht getreulich erfüllt. Aber sie sind jetzt nicht mehr imstande, der ihnen zugefallenen schweren Last zu. geniigen, denn ausser für die regelmässigen Unterstützungen der ansässigen Armen haben sie jetzt noch für die zahlreichen Familien der Flüchtlinge zu sorgen, die von den durchziehenden Truppen vollständig zu Grunde gerichtet wurden und nun bei den grösseren Gemeinden Obdach und Hilfe erbitten. Der Krieg und die Belagerung der türkischen Städte durch die siegreichen Verbündeten haben auch noch in anderer Hinsicht traurige VVirkiingen hervorgerufen. Die europäische Presse hat einige Fälle von Gewaltsamkeiten' veröffentlicht, deren Opfer die Juden in verschiedenen belagerten Städten geworden sind. Nach den Mitteilungen, die der Alliance von ihren Vertretern zugegangen sind, geben wir hier einige Einzelheiten über die traurigen \ orkonunnisse und einen Ueberblick über die schweren Prüfungen, die die Juden in der Türkei jetzt zu ertragen haben. In S a 1 o n i k i ist die Besetzung der Stadt durch die Griechen von grossen Ausschreitungen begleitet gewesen. Die griechischen Zeitungen hatten die Nachricht verbreitet, dass griechische Soldaten von Juden vergiftet worden wären. Mehr braucht es nicht, um die Rohheit und die Raubgelüste der Masse und auch — das darf nicht verschwiegen werden — der griechischen Soldaten zu entfesseln. In den verschiedenen von Juden bewohnten Stadtteilen haben sich die scheusslichsten Plünderungsszenen abgespielt und die Einwohner sind tätlich angegriffen worden. Tagelang hat unter den Juden die grösste Panik geherrscht. Die griechischen Behörden dementierten offiziell die von den Zeitungen verbreitete Legende und versprachen die Anordnung aller nötigen Massnahmen zum Schutz der Israeliten. König Georg erklärte einer Abordnung der jüdischen Gemeinde, die er mit grosser Liebenswürdigkeit empfangen hatte, dass die Schuldigen exemplarisch bestraft werden sollten. Aber trotz der Bemühungen von seilen der Behörden ist in Saloniki noch immer nicht vollständige Ordnung hergestellt worden. Ein Korrespondent schreibt darüber der ,,Alliance*' unter dem 25. Dezember 1912: Die schweren Missstände der ersten Zeit haben allerdings aufgehört, alter es vergeht doch kein Tag, an dem nicht irgend eine Untat vorkommt. Die jüdische Bevölkerung lebt in fortwährender Unruhe, wir fühlen uns selbst am hellen Tage nicht sicher. Nach Sonnenuntergang eilt jeder in seine Wohnung zurück; es ist unvorsichtig, sieb in den Strassen aufzuhalten, wo die Landstreicher eine Gelegenheit zu bösem Tun erspähen. Die Polizei übt ihre Tätigkeil nur in den Hauptverkehrsadern der Stadt aus; allzu grosses Vertrauen [»ringen wir der mit unserem Schutz betrauten kretensischen Gendarmerie ohnehin nicht entgegen. Vor einigen Tagen wurde einem unserer Glaubensgenossen ein Säckchen Geld "weggenommen, das er eben von der Bank geholt hatte. Gestern sind hier zwei jüdische Familienväter unter noch nicht ganz aufgeklärten Umständen ermordet worden, jedenfalls ist ein Raul) die Veranlassung dazu gewesen. Vorläufig weiss man darüber nur folgendes: Als diese beiden armen Leute, die gemeinschaftlich ihr Geschäft als Geldwechsler betreiben, gegen 6 Uhr abends nach Hause zurückkehrten, wurden sie von fünf bewaffneten Personen überfallen, die ihnen das Geld rauhen wollten, das sie bei sich trugen. Oer Vorgang spielte sich in einer ganz einsamen Strasse ab. Als die Unglücklichen sich ihrer Angreifer erwehren wollten, schössen diese ihre Revolver auf sie ab und liefen davon. Die Verwundeten wurden ins französische Krankenhaus gebracht, wo sie ihren Verletzungen erlegen sind. Diese Mordtat hat bei der jüdischen. Bevölkerung eine unsagbare Aufregung hervorgerufen. In grösster Angst fragt man sich, ob die Behörden nicht die Macht zu unserer Verteidigung haben. Die Wochen vergehen — und trotz der förmlichen Versprechungen, die man uns gegeben, trotz der wohlwollendsten Sympathien, die die neuen Herren der Stadt uns erwiesen haben, bleibt die Lage fast unverändert, Raub, Diebstähle, bewaffnete Angriffe sind an der Tagesordnung. Es wäre wirklich hohe Zeit, dass die