Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- David Heinrich Müller
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 3)
- Language
- German
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165 I»sivitl Heinrich Müller. 166 reichsdeutschen protestantischen Kollegen, die Hof rat, Dekan der philosophischen Fakultät, Miteinem Juden nur zu gern das Recht absprechen glied der Akademie und Vorsitzender von deren möchten, in biblischen Fragen mitzureden, erregten, Nordarabischen Kommission. Als er, schon schwer fochten ihn nicht im geringsten an. Mitten in der krank, in den Ruhestand trat, erteilte ihm Bearbeitung des Nachlasses seines Schülers Glaser der Kaiser Franz Josef den erblichen Adel, ist er abberufen worden. Während der Antisemitis- Es ist dies seit Menschengedenken der zweite mus in Oesterreich am tollsten wütete, erklomm Fall, dass an einem Juden das Verdienst und Müller die höchsten Ehrenstufen, die einem nicht der Verdienst auf diese Weise geehrt Manne der Wissenschaft offen stehen. Er ward worden ist. LITERARISCHE RUNDSCHAU. D r. Bernhard Tem pler: D er Unste r blich keitsglaube und die B i b e 1. Sozialpolitische Studie. Leipzig und Wien. M.. Breitenstein. Durch einen Zufall fiel mir diese kleine Broschüre in die Hand und der kuriose Titel machte mich gegen den Inhalt recht misstrauisch. Was in aller Welt mochte der Unsterblichkeitsglaube mit Sozialpolitik zu tun haben? Ich habe das kleine Schriftchen mit grosser Befriedigung und Dankbarkeit für den Verfasser aus der Hand gelegt, denn es wird darin ein wichtiges religionsgeschichtliches Problem auf eine scharfsinnige Weise und wie man getrost behaupten darf, e n d gültig gelöst. Die Tatsache, dass in der Bibel der Unsterblichkeitsglaube kaum angedeutet. Lohn und Strafe im Jenseits in den Verheissungen und der Gerechtigkeitslehre fast gar keine Bolle spielen, hat allen Erklärern und Forschern viel Kopfzerbrechens verursacht. Ln alten Zeiten deutete man ganz naiv die recht diesseitigen und irdischen Aussprüche der Propheten, der TJiora und der Psalmen um, indem man sie ohne weiteres auf das Jenseits bezog. Die späteren Zeiten stellten die beunruhigende Frage, wie es komme, dass eine so wichtige Glaubenslehre in den heiligen Grundschriften keine Erwähnung finde? In der neuesten Zeit wurde dies zu einem bequemen Mittel, die Ethik und die Weltanschauung der Bibel und des jüdischen Volkes herabzusetzen. Schopenhauer z. B. nennt „die eigentliche Judenreligion", wie sie in der Bibel uns entgegentritt, .,die roheste aller Religionen, weil sie die einzige ist, die durchaus keine Unsterblichkeitslehre noch irgend eine Spur davon" habe. Die protestantischen Bibclkritikcr und Theologen sagen mehr oder weniger dasselbe, nur in einem ungleich höflicheren Ton. Dabei vergessen die Herren nur zu gern, dass sie selber der jüdischen Religion eine ehemalige Stufe des Animismus zuschreiben, also selber voraussetzen, dass Israel doch wenigstens vormals den Glauben an die Fortdauer der Seele gekannt haben müsse. Ueberdies leugnet ja auch der radikalste Bibclkritikcr nicht, dass das alte Israel ehemals unter starkem Einfluss Aegyptens stand, wo der Seelenkult wohl am mächtigsten ausgebildet war. Das Problem ist, wie man sieht, sehr verworren. Die jüdischen Apologetiker machten geltend, dass die Bibel den Seelenglauben deswegen nicht hervorstrich, um nicht dem in Aegypten und anderwärts an ihn sich knüpfenden Aberglauben, der zum Götzendienst führte, Nahrung zu bieten. Der Verfasser der vorliegenden Broschüre fasst die Frage von einer andern Seite an und erklärt das Rätsel a u f G r u n d e i n e s G e s e t z e s der s o z i a 1 e n E n twickl u n g. E r stellt als o d a s g a n z e P r o b 1 e m a u f e i n e n andern Boden. In Aegypten, wo die grosso Masse des Volkes auf Grund der geheiligten Ordnung aus Hörigen und Sklaven bestand, die von den ,,vornehmen" Klassen bis aufs Blut ausgebeutet wurden, bildete sich der Jenseitsglaube heraus, an dem das Volk Trost fand für das Elend hienieden, die Herrsehenden aber ein bequemes Mittel, die Beherrschten durch Furcht und Hoffnung auszubeuten und jede Regung nach Freiheit niederzuhalten. In Judäa dagegen, wo von Gesetzes wegen die radikalste Verfassung herrschte, die jede Verletzung der absoluten Gerechtigkeit als einen schweren Frevel gegen die Religion, die Ausbeutung der Armen und Schwachen durch die Mächtigen als die schlimmste Sünde, als eine Auflehnung gegen Gott brandmarkte, im Lande und im Volke der Bibel, deren Schöpfer sich vor einer sozialen Ordnung» wie sie etwa in Aegypten herrschte, mit Grauen und Ekel abgewendet hätten — da hatte der Jenseitsglaube keinen Raum, sich in aller Macht zu entfalten, es fehlte ihm die sozialpsychologische Funktion, die ihn zur Entwicklung und zum vollen CJedeihen gebracht hätte. Das wurde bekanntlich auch bei den Juden anders, als sich später auch für sie, infolge äusserer Ereignisse, die Welt in eine Hölle verwandelte. Bis dahin aber blieb der Seelenglaube gleichsam latent, unter der Schwelle des Bewusstseins, und erlangte keine überragende Bedeutung in der religiösen Oekonomie. Das Christentum hingegen stellte sich in eine prinzipielle Negation zur diesseitigen Welt, wollte, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei und verlegte den Schauplatz seiner ganzen Tätigkeit ins Jenseits. So wirft diese kleine Schrift ein neues Licht auf eine viel und vergebens erörterte Frage. Man könnte zur „Analogie auch die griechischen Mysterien heranziehen, die den Jenseitsglauben besonders kultivierten, als der Adel allen Grund hatte, sich mit Abscheu von dieser schnöden, demokratisch gewordenen Welt abzuwenden. Besonders interessant erscheinen im. Lichte der Ausführungen unseres Verfassers die Bestrebungen, die h e u t z u t a g e gemacht werden, um durch den Hinweis auf ein besseres Jenseits den Ruf nach sozialer Gerechtigkeit hienieden zubeschwichtigen. Hat ja erst vor kurzem ein frommer und sehr gelehrter Professor sogar die Todesstrafe zu rechtfertigen gesucht, indem er betonte, dass, wenn wir hienieden auch einem das Lebenslicht ausblasen, bevor er seine Bestimmung auf Erden vollendet hat nach Gottes Rat, so wird er ja mit Gottes Hilfe drüben Avieder aufleben! Was wohl die Propheten Israels, oder Rabbi Akiba und Rabbi Tarphon zu solcher Argumentation gesagt haben würden! . . . Die kleine Broschüre ist meh.- Avert, als mancher dicke gelehrte Band Apologie. n—.