Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- David Heinrich Müller
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 2)
- Language
- German
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1G3 David ÜHnrk-li .Müller. sich als Privatdozent der semitischen Philologie an der Wiener Universität habilitieren. Es begann für ihn eine Zeit fruchtbarer, ertragreicher Arbeit, die ihn bald als einen der ersten unter seinen Fachgenossen, als scharfsinnigen vergleichenden Grammatiker, Textkritiker, Entzifferer alter Inschriften und Texte, Editor und Kulturhistoriker bekannt machte. Müller beherrschte souverän das ganze weite Gebiet der Semitologie nebst seinen Abzweigungen, und er eroberte immer neue Gebiete seiner Forschung. Er war ein rastloser, nimmermüder, stets wachsamer und kritischer Arbeiter, und er verstand es meisterhaft, seine Schüler zur Arbeit anzueifern und zu begeistern. Er war schon als einer der hervorragendsten Arabisten bekannt, da trat an ihn im Jahre 1893 die Aufgabe heran, an der neugegründeten Wiener jüdischtheologischen Lehranstalt, deren Organisationsplan zum grossen Teil sein Werk war, die Lieblingsstudien seiner Jugend, biblische Exegese und jüdische Religionsphilosophie wieder aufzunehmen. Er tat dies mit den wirksamen und verfeinerten Instrumenten, die die moderne wissenschaftliche Schulung seinem regen Geist geliefert hatte. Die biblische Exegese bereicherte er durch die epochale Entdeckung des Strophenbaues in der hebräischen Poesie, eine Hypothese, die er in zwei grossen Werken und nach ihm einige seiner Schüler in kleinen Monographien ausgebaut haben. Diese Hypothese, die die Form der ganzen sakralen und weltlichen Poesie der Semiten in einem neuen Lichte erscheinen lässt und namentlich für die Textkritik der Bibel von weittragender Bedeutung ist, da sie sie auf ganz neuen Grundlagen aufbaut, ist in jenen Kreisen der Gebildeten, die sie am meisten angeht, noch viel zu wenig bekannt und soll in gesonderter Darstellung ausführlich behandelt werden. Hier kam Müller die innige Vertrautheit mit der hebräischen Sprache zustatten, die er von Kindheit auf erworben hatte, wodurch ihm deren Geheimnisse ganz anders erschlossen wurden, als jenen, die mit Grammatik und Wörterbuch sich erst einen Weg in ihr Inneres bahnen mussten. Seine frühzeitigen talmudischen Studien haben ihm glänzende Dienste geleistet beim Abfassen seines grundlegenden Werkes über den Kodex Hammurabi, der seinerzeit zu dem lärmenden Bibel-Babel-Streit Anlass gegeben. Auch hier griff Müller weit aus und warf ein neues Licht auf die Frage durch die Uebertragung des assyrischen Gesetzbuches in ein musterhaftes Hebräisch, welches die Diktion der juristischen Partien der Bibel mit der Sprache der Mischnah meisterhaft vereinte und so den alten Assyrerkönig in einer vertrauten Sprache zu uns reden liess. Müller eröffnete hier mit genialem Scharfblick weite Horizonte, und liess unvermutete Zusammenhänge zwischen dem semitischen Urrecht und dem römischen ZwöIftafelgesetz über griechisches, syrisches und armenisches Recht ahnen. Auch hier hat er, ein wahrer Pfadfinder, Wege gezeigt, die andere zu gehen haben werden. In den Jahren 1898/99 stand er an der Spitze der von der Wiener Akademie der Wissenschaften ausgerüsteten Expedition nach Südarabien, auf welcher Müller drei bis dahin unbekannte Sprachen, das Mechri, Sokotri und Sechri, gleichsam entdeckte. In drei grossen Bänden ist ein riesiges Material an lebendiger Rede niedergelegt, das aber nicht nur sprachwissenschaftlich, sondern auch kulturhistorisch und folkloristisch von grossem Interesse ist. Im Vereine mit J. von Schlosser und dem verewigten David Kaufmann hat er die „Haggada von Serajewo" herausgegeben; hier wie in den „Rezensionen und Versionen des Eldad Haddani" hat er entlegenere Gebiete der Wissenschaft des Judentums betreten. Er schrieb zeitlebens wie als Jüngling ein schönes, lebensfrisches Hebräisch, und in den ersten Jahrgängen des „Haschachar" finden sich einige prächtige Aufsätze von ihm. Mit P. Smolenski verband ihn zärtliche Freundschaft, und die jüdische Öffentlichkeit darf ihm nie vergessen, was für ein schönes Denkmal er dem edlen, so tragisch früh entschlafenen Dichter und Träumer gesetzt und wie ritterlich er sich seiner Witwe und seiner Waisen angenommen hat. Auch mit David Kaufmann war er eng liiert, und in der Vorrede zu seinem Hammurabi-Buch hat er dem früh verblichenen Freunde warme Worte des Gedenkens nachgerufen. Er selber ging aufrecht und treu seinen Weg, stets der Wissenschaft ergeben und der Wahrheit dienend, er machte keine Konzessionen, verleugnete nicht Ueberzeugung und Herkunft, machte nicht Verbeugungen nach rechts oder nach links, zwang durch seine Ruhe und geistige Ueberlegenheit auch den Gegnern Achtung ab. Ohne Ansehen der Person förderte er die Arbeiten seiner Schüler und bahnte ihnen die Wege, und es war ihm eine Freude,;; wenn sie selbständig dachten und den Lehren ihres Meisters ihre eigene Meinung entgegensetzten. Missgunst und Neid, die namentlich seine bibelwissenschaftlichen Arbeiten bei den