Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Die "Ausländerfrage" an den deutschen Universitäten
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 159 - 160 (sequence 2)
- Language
- German
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159 KnYli Cohn: l>ir ..AusliiiKl.TlVaov";in den (Iciitsdiru l"nirrrsitälcn. 160 keine ist, verlassen muss, ist bekannt und soll darum nur weil man dann die vorliegende Frage verständnisvoller würdigen wird, wenigstens kurz ins Gedächtnis zurückgerufen werden. Den Juden steht in Russland bekanntlich nur ein kleiner „Ansiedlungsrayon" offen, in dem sie unter den ungünstigsten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen leben. Nur gewisse Privilegien, z. B. der Besitz akademischer Würden, befreien die Juden von diesen und anderen Beschränkungen. Für die ohnedies von Natur bildungsfreudige jüdische Jugend ist dies natürlich ein besonderer Ansporn, das Studium zu ergreifen. Aber diesen Weg zur Freiheit hat der russische Staat ihr mit seiner ganzen Perfidie eingeengt. Schon in die Gymnasien werden Juden im allgemeinen nur in beschränkter Zahl aufgenommen, und rigoros wird au den Universitäten die sogenannte Prozentnorm" durchgeführt. Die Zahl der Juden, die zum Studium zugelassen werden, bewegt sich an den einzelnen Universitäten zwischen 3 und 10%; was darüber ist, muss sich, um in Russland zu studieren', taufen lassen. Es kommt vor, dass ein begüterter russischer Jude, um seinem Sohn den Platz an der Universität zu schaffen, eine ganze Anzahl Russen auf seine Kosten studieren lässt! — Im übrigen will die russische Regierung sogar eine Beschränkung der Zulassung getaufter Juden zum Studium durchführen, weil es oft genug vorgekommen ist, dass Juden zum Beginn ihres Studiums zur orthodoxen Kirche übertraten und nach der Beendigung zum Judentum zurückkehrten. Die jüdische Jugend, die sich, ihrem Volke und ihrem Glauben treu bleiben will, ist also gezwungen, im Auslande zu studieren; und das sind die Leute, gegen die sich die ausländer f e i n cl 1 i c Ii e B c w e g u ng richtet. Genügt nicht schon die Kenntnis dieser Tatsachen, um unsere Stellung zu der Frage zu bestimmen? Mag die Bewegung in ihren Motiven wenigstens nicht durchweg antisemitisch sein — in ihrer Wirkung ist sie es sicher. Den Schaden haben nur unsere russischen Brüder; und darum ist es Pflicht jedes wirklich jüdisch empfindenden Juden, sich ihr entgegenzustemmen. Aber sind denn die Vorteile, die die fremden Juden an den deutschen Universitäten gemessen, wirklich so ausserordentlich? Das ist von vornherein unwahrscheinlich; denn zu den Lieblingen der deutschen Regierungen hat diese heimatlose, verlassene Schar nie gehört. — Richtig ist, dass die ausländischen Studenten zu der Tätigkeit in den Kliniken zugelassen werden, ohne dass sie das Physikum abgelegt haben. Aber damit ist für sie wenig gewonnen. Denn es besteht ja für sie nicht die Möglichkeit, das Staatsexamen liier zu machen und sich in Deutschland als Aerzte niederzulassen. Weshalb ihnen also das Physikum, ein Vor examen, auferlegen, wenn sie zu dem H a u p t examen nicht zugelassen werden? Ihr Vorteil ist mithin nur scheinbar, und es wäre nichts als eine widersinnige Erschwerung ihres Fortkommens, wenn man sie zum Physikum zwänge. Das Doktorexamen, das jeder Ausländer nach dem Studium an einer deutschen Universität ablegen kann, gibt ihnen in Deutschland keine Rechte; es verschafft ihnen nur die wertvolle Möglichkeit, sich in Russland ohne weiteres Studium einem Nachexamen zu unterziehen, das ihnen das Recht zum Praktizieren in Russland und damit die ersehnte Befreiung gibt. — In diesem Zusammenhange mag erwähnt werden, dass für die russischen Juden als Studium überhaupt fast nur das medizinische in Betracht kommt; das juristische, für das dieselben Verwaltungsbestimmungen gelten, hat für sie keinen Wert, da die Listen der Anwaltschaft in Russland auf Jahre hinaus für Juden geschlossen sind. Dass sie zu Richterstellen nicht zugelassen werden, ist selbstverständlich. — Also auch diese Ausländ erfrage ist nichts als ein Stück der unendlichen Judenfrage, die, nur in ihren Formen wechselnd, in ihrem Wesen überall dieselbe ist: der geistige und materielle Kampf des jüdischen Volkes um seine Existenz. In diesem Kampfe hier sind unsere Brüder aus Russland auf unsere Unterstützung an gewies e n; denn ihr ,,Vaterland" hilft ihnen gewiss nicht. Es wäre Verrat an den Unseren, wollten wir uns nicht für ihre Rechte und für ihren Vorteil mit allen Kräften einsetzen. Dies ist eine schöne Gelegenheit, zu beweisen, dass jüdisches Solidaritätsbewusstsein keine Landesgrenzen und keine egoistischen Erwägungen kennt — ein Gedanke, der ja zuerst von der ,,A 11 i a n c e I s r a e 1 i t e Universelle" ausgesprochen worden ist und sie gross gemacht hat. — Auch von praktischen Schritten zur Betätigung dieser Solidarität kann schon berichtet werden. Der die Vereine Jüdischer Studenten" umfassende „Bund Jüdischer Corporationen" (B. I. C.) hat, in richtiger Würdigung der Situation, auf seinem Kartelltage in Bonn jetzt beschlossen,