Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Die Organisation der jüdischen Studenten
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 2)
- Language
- German
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155 l>r. Ludwig 1 lollänilci-: l>ie Org;uiis;itii>n der jiiilisclicu Studeiitni. 15(5 wusst in uns weiterwirken, und vor allem jene hässliche Krankheit, den jüdischen Antisemitismus, zeugen. Das Ghetto hat der Seele des heutigen Judentums schwer heilbare Schäden geschlagen: die heute so weit verbreitete S c Ii w a r z s c Ji c r c i auf der einen, und die G 1 e i c h g ü ltigkcib in alle n F rage ji des Juden tu jus auf der andern Seile. Kurz: die Ausbildung der extremen Einpfindungsrichtungen innerhalb der grossen Masse des Judentums ist als Folge der Vergangenheit zu bezeichnen. Gemeint sind unter Schwarzseherei die grossen Zweifel, welche namentlich in der letzten Zeit in vielen Kreisen Eingang gefunden haben: Wie steht es mit der Zukunft des Judentums? Wie steht es mit dein Verhältnis zum Lande, in dem wir geboren sind? Sind wir ein jüdisches Volk, das durch treue Erfüllung von staatsbürgerlichen Pflichten innerhalb der deutschen Grenzen alle Rechte der Alteingesessenen erworben hat, oder sind wir D o u t s c h e schlechtweg, nur getrennt von der Masse der Mitbürger durch andere Auffassung vom letzten Wesen der Ewigkeitsfragen? Wollte der K. C. den Menschen bilden, so musstc der Grundbau seiner Erfordernisse an Inhalt und Umfang eines positiven Bekenntnisses gering sein, denn nur das Zusammenarbeiten verschieden Denkender lehrt Anschauungen kritisch erkennen und züchtet so Gesinnung und Charakter, Durch Einsicht in das Wesen der Dinge will der K. G. zu geistiger innerer Festigkeit führen. Darum muss es ihm willkommen sein, wenn alle Richtungen innerhalb des Judentums in seinen Reihen arbeiten. Was kann und muss einen jeden am .Judentum fesseln? Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden. Hei dem einen ist es das religiöse Band, bei dem andern sind es geschichtliche Erkenntnisse, Stammesgefühl, iXalionalgcl'ükl, Pietät oder Dinge, die man in logische Kategoricen nicht einreihen kann. Ein vorhandenes Zusammengehörigkeitsgefühl logisch verankern zu wollen, ist in fast allen Fällen ein missliches und meist misslungones Vorhaben. Wer könnte in den alltäglichen Verhältnissen z. B. in der Ehe, bei jedem einzelnen die Fäden der Entstehung und Begründung des Zusammengehörigkeitsgefühles blosslcgen? Gemeingut der Menschheitserkenntnis ist: Die Tatsache des Zusammenhanges mit den grossen Erscheinungen innerhalb und ausserhalb der Person muss vorhanden sein, um den Menschen zum wahren Menschen zu machen. So muss im K. C. ein jeder zum .Judentum Beziehung haben. Denn er soll lernen, sich mit Stolz als Jude zu fühlen. .Aber der Wege vieler führen nach Rom. Man höhnt vielfach jene, die sich nur als Trutzjuden bezeichnen und auch neben andern im K. C. eine Stelle gefunden haben. .Moderne Schlagwörter: ,,Judentum auf Kündigung", „Judentum von Antisemiten Gnaden'*' ruft man diesen gern zu. Falsch: der stolzeste Trutzjude ist der stolzeste Mensch. Gefestigt in seinem Charakter wird er nach Wegfall der Symptome sich der Grundursachen erinnern müssen, die zur Krankheit führten, nämlich der Ewigkeit des Komplexes, den man gemeinhin das Judentum nennt. Und in dem Augenblicke, wo der letzte Antisemit verschwunden ist, wo man nicht mehr von Schutz und Trutz spricht, wird der .Adel der stolzen Persönlichkeit des Trutzjuden scharf hervortreten und ihm. das Judentum tief innerlich erfassen lassen. Darin liegt der logische Irrtum bei der Bildung des Begriffes „des Judentums auf Kündigung": der Trutz schwindet mit dein Judenhass, die zum Trutze disponierenden Charaktereigenschaften des Stolzes und der Ehre werden aber dann das Judentum erhalten. Womit übrigens dem blossen Trufzjudentniii durchaus nicht das Wort geredet, sondern nur angeführt werden soll, dass auch diese Kategorie innerhall) des Judentums nicht in die Passiven der Bilanz an jüdischen Werten zu rechnen ist. Und nun die Stellung des K. C. zum. deutschen Vaterlande. Sic musstc vorurteilslos beurteilt in uns klar sein. Wir alle sind umgehen von deutscher Kultur, erzogen auf deutschen Schulen, gebildet im deutschen Geiste, und der K. C. erkennt es und stellt es mit Freude fest. Damm sind wir im K. C. schlechtweg Deutsche! Wir sehen die Dinge so: lesen wir in der neueren Geschichte des Judentums,, oder in den grossen AYevken der jüdischen Geister, so war als Ende aller Strebungen doch die Entpolitisiert! ng des Judentums., dagegen die Bewahrung der in unserer Vergangenheit vorhandenen und sich fortentwickelten Ewigkeitswerte gedacht. Alan hat in früheren Jahren den K. C. häufig eine jüdische Burschenschaft genannt. Insofern ganz mit Recht, als er nach Art der Burschenschaft die Imgriffe Freiheit, Ehre, Vaterland zur Devise nehmend, die Freiheit und die Ehre des jüdischen Menschen im Vaterland herbeiführen will und dadurch auch echte Vaterlandsliebe verbürgt. Das hindert nicht, dass auch der Zionist im K. C. Platz hat. Denn auch der Zionist kann nach den Worten des „Basler Programms" ein Deutscher schlechtwegsein. Warum sollte sich aus unserer Erziehungsmethode bei dem einen oder andern nicht auch eine zionistische Konsequenz ergeben? 'Eines jedoch glaube ich: Jüdisch-politisch er Chauvinismus wird in Iv. C. - Kreisen unbedingt ausgeschlossen sein. Schon aus dem Grunde, weil der K. C. aus dem Gefühl des Optimismus heraus gegründet worden ist. Endlich die Zukunft des Judentums! Wie stellt sich der K. C. dazu? Seine Gegner lächeln und meinen, den schwächsten Punkt berührt zu haben. Durch diesen Druck werde der Glaskörper zerschellt. Mit nichten! .Denn die Frage nach der Zukunft des Judentums hat sieb allmählich von einer wissenschaftlich wertvollen Erörterung in das Gchiet gefährlichsten, politischen Schlagwörterkrams umgewandelt. AVer die Frage Itcantworten will, wird, so er mit dem nötigen geschichtliehen, vö I ker psycho logisch cn und religio« swissenschaftlichcn .Apparat ausgerüstet ist und von vornherein erkennt, dass alle Prophezeiungen von Uehel sind, zu dein Resultat kommen müssen, dass allein die Eigenschaften des in sich gefestigten Charakters bei dem einzelnen Juden wie bei der jüdischen Gesamtheit den Bestand des Judentums in sich