Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Jüdisch-soziale Frauenarbeit in Frankfurt a. M.
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 71 - 72 (sequence 3)
- Language
- German
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71 Stephanie Forchlieimer: Jüdisch-soziale Frauenarbeit in Frankfurt a.JVI. 72 Pflegestellen unterzubringen, war der Anlass zu seiner Gründung, und nun beherbergt das „Kinderhaus" 20 bis 30 Pfleglinge und plant die Errichtung eines eigenen Heimes. So ist die „Weibliche Fürsorge" eine Organisation geworden, durch deren verschiedenartige und doch einem grossen Ziele gewidmeten Bestrebungen der einigende Gedanke geht, jüdische Frauenkraft für den Dienst der sozialen Arbeit zu gewinnen, zu schulen und nutzbar zu machen. An hervorragender Stelle in der Frankfurter jüdischen Frauenarbeit steht die ,, Frauen Vereinigung der Frankfurt Loge", eine Vereinigung zur Förderung sozialer, geistiger und ethischer Bestrebungen. Die bedeutendsten Arbeitsgebiete und Schöpfungen des Vereins, an dessen Spitze Frau Rabbiner Horovitz und Fr. Dr. Seligmann stehen, sind der ,.Hauspflegeverein", die „Kleid er Verteilung an bedürftige Frauen und Kinder" und die „Jugendgruppe", deren Aufgabe in der Heranbildung der weiblichen Jugend zu sozialer Hilfsarbeit besteht. In dem Heranziehen der jungen Mädchen liegt ein hochwichtiger Faktor der sozialen Frauenarbeit, denn es gilt die nächste Generation für Zeit- und Kulturprobleme vorzubereiten und das soziale Gewissen der Jugend zu erwecken. Die „Jugendgruppe" leistet bereits viel Erfreuliches, da eine Anzahl freiwilliger Helferinnen sich in Kinderhorten, Kindergärten, Suppenanstalten, Flickschulen, Klippen und im Mädchenklub betätigen, und auf sonstigen mannisfachen Gebieten im Dienste der Allgemeinheit ihre Kräfte üben. Besondere Erwähnung gebührt einer weiteren Schöpfung der „FrauenVereinigung der Frankfurt Loge", dem „Israelitischen Mädchenheim", das jungen, im Berufe stehenden Mädchen ein bthagliches Heim und eine gute Unterkunft gewährt. Diese Anstalt hat sich zu einer segensreichen Institution entwickelt, denn gegen 40 Mädchen, den verschiedensten Berufskategorien angehörend, geniessen den Schutz einer Häuslichkeit und die Freude eines geselligen Zusammenlebens nach der Arbeit des Tages und finden dort einen Ersatz für das Elternhaus. So hat auch diese grosse Vereinigung in selbstständiger Arbeit und doch in innerer Gemeinsamkeit mit anderen Organisationen rühmliche Beweise tüchtiger Frauenarbeit für ihre Gemeinde erbracht. Doch weit verzweigt ist noch das Gebiet der Fürsorge, auf welchem die Frauen ihren vom Schicksal weniger begünstigten Schwestern tatkräftige Hilfe angedeihen lassen müssen. Den dringendsten Schutz, die nötigste Pflege und Erziehung beanspruchen die ihrer natürlichen Leiter Beraubten, die Waisenkinder. Und da ist es wohl bezeichnend für die Fürsorgetätigkeit in Frankfurt, dass es eine der ältesten deutschen, jüdischen Mädchen- Waisenanstalten besitzt. Der „Israelitische Frauenverein" blickt auf 65 Jahre seiner Tätigkeil zurück und wirkt in dem seit jeher beobachteten Sinne weiter, die seinem Schutze anvertrauten Mädchen für einen Beruf im Leben zu erziehen. Eine unendlich wertvolle Institution in Frankfurt, die geradezu vorbildlich für andere Städte wurde, ist der „Israelitische Mädchenklub", nach dessen Muster erst jüngst eine ähnliche Gründung in Berlin erfolgte. Die jungen Mädchen, die im Berufsleben stehen, finden hier nicht nur mannigfache Anregung, Unterricht und geselligen Zusammenschluss; der Klub gibt auch einen Vereinigungspunkt der verschiedensten Elemente, die sich sonst nicht kennen und verstehen lernen würden. Der Grundton ist das warme Gefühl jüdischer Zusammengehörigkeit. In unserem modernen Leben, für Tausende so arm au Lichtblicken, und besonders für die Juden voll innerer und äusserer Kämpfe, ist es doppelt notwendig, dass von gesinnungstreuen Männern und Frauen Stützpunkte für die jüdische Bevölkerung geschaffen werden, die ihr inmitten aller Anfeindungen die Kraft und die Möglichkeit geben, ihrer Tradition treu zu bleiben. Vor allem aber muss die jüdische Frau Glauben und Zuversicht erwecken zur Ausführung dieser sozialen Notwendigkeit. In Frankfurt haben die Frauen ferner noch manche Vereinigung geschaffen, die dem inneren Zusammenschluss und der Erziehung der jüdischen Bevölkerung förderlich ist. Es dient die „Jüdische Frauenvereinigung" ihrer Tendenz nach der „gemeinsamen Pflege, der den jüdischen Frauen aus dem sozialen und geistigen Leben der Gegenwart erwachsenden besonderen Aufgaben im Sinne des gesetzestreuen Judentums". Die „Jüdische Haushaltungsschule" und die „Jüdische Schulküche" dienen dem Unterricht und der Vorbildung jüdischer Volksschülerinnen und junger Mädchen für Küche und Hauswirtschaft. So werden die geistigen und praktischen Interessen Hand in Hand im Sinne der sozialen Hilfstätigkeit gepflegt und gefördert. Die „Ortsgruppe Frankfurt a. M. des jüdischen Frauenbundes" übt ihrerseits in erster Linie eine propagandistische Tätigkeit im Sinne der Aufgaben des „Jüdischen Frauenbundes". Thre Lokalarbeit besteht in der Aufrechterhaltung der Bahnhofsmission und einer Zufluchtsstätte für weibliche Durchreisende. Noch eine Schöpfung, die Frauensinn und Frauenarbeit ihr Entstehen verdankt, soll erwähnt werden, das „Heim des jüdischen Frauenbundes". An der Peripherie der Stadt Frankfurt, am Waldesrande, erhebt sich das Haus, das dem Schutze und der Erziehung gefährdeter weiblicher Jugendlicher dient. Stiefkinder des Schicksals finden hier Aufnahme, die im Leben zugrunde gehen müßten, wenn keine führende Hand sich ihnen entgegenstreckte. Wir sehen aus den vorstehenden Ausführungen, dass all diese gemeinnützigen Einrichtungen nicht nur ihren spezieilen Zwecken dienen, sondern dass sie ein Band sind, welches die Frauen in einigender Arbeit verbindet, und sie an der Höherentwicklung der Gemeinschaft teilnehmen lässt. Und besonders die jüdischen Frauen müssen heute im weitesten sozialen Sinne das uralte Gebot der Nächstenliebe erfüllen, und keine ihrer Schwestern, die in Helle und Sonnigkeit lebet, dürfte sich abschliessen von der Erfüllung ihrer sozialen Pflichten. Trotzdem die jüdisch-soziale Frauenarbeit in Frankfurt a. M. schon manche Erfolge zu verzeichnen hat, so soll dies nur ein Ansporn zu weiterer grösserer Betätigung sein. Der Boden dafür läge in einem lebhafteren innigeren Zusammenarbeiten der Organisationen, die heute von Frauen geführt, und jenen, die seit jeher nur von Männern geleitet sind. Ks werden dann immer mehr jüdische Männer und Frauen dem lauten Rufe der Zeit und ihres Volkes voll Verständnis folgen, und es wird durch vereinte Männer- und Frauenarbeit die jüdische soziale Hilfstätigkeit in Frankfurt a. M. ein Ruhmesblatt in der Geschichte ihrer G-emeinde bilden.