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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1107 - 1108

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Hans von Kahlenberg [Rezension]
Date
1911-12-01
Page
Seite 1107 - 1108 (sequence 3)
Language
German
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1107 Literarische Rundschau. 1108 Falle legen gerade die jüdischen Nebenpersonen des Romanes Zeugnis dafür ab. Ausserdem möchte ich aber bemerken, dass gerade angesichts eines Buches -wie „Ahasvera" die ganze Frage ziemlich belanglos ist. Denn eigentlich handelt sich's da um das Epos eines ganzen Volkes, und um Personen, die sozusagen Destillate, Kulminationen des Wesens dieses Volkes sind. Und die muss auch der fremdeste Dichter erfassen, insofern er nur die Aufgabe gelöst hat, in das Wesen der Gesamtheit selbst einzudringen. Im Gegensatze zu Hans von Kahlenberg lag Max Brod, als er seine „Jüdinnen"'2) schrieb, aller bewusste oder unbewusste Ausblick auf den seltsamen Spaziergang Israels durch die Folge der Zeiten sicherlich ferne. Er wollte nichts als jüdische Menschen, wie er sie kennt, und ihr Zusammenleben künstlerisch betrachten. Diese Aufgabe löste er in wirklich vollendeter Weise. Es ist fast nicht zu verstehen: Eine ziemlich dürftige Geschichte, — das erotische Ferienabenteuer eines siebzehnjährigen Gymnasialschülers, das sich ohne alle Sturmeffekte in unschuldigen Freuden, Erwartungen, Enttäuschungen, Entladungen erschöpft — und doch wird der Leser in Spannung erhalten, bewegt und beschäftigt. Wohl dank der scharfen und doch anmutigen Art von Zeichnung, der wirkungsvollen Gruppierung und der fesselnden Erzählungsweise. Und es sind wirklich Juden, die uns da Brod vorführt: Westjuden mit verblasster Tradition und ohne das, was man jüdisches Leben nennt; aber in ihren Eigenschaften, Tugenden sowohl als Lastern, kräftig jüdisch betont. Man muss auch nicht gerade aus Böhmen sein, ja man kann sogar aus den „grösseren Verhältnissen" Berlins oder Wiens kommen, um sie zu erkennen. Handelt es sich doch bei der Bildung dieser Typen im Grunde weniger um die grosse Stadt selbst, als um die verschiedenen rationaliserenden, Tiefe in Breite wandelnden Tendenzen unserer Zeit, von welchen die grosso Stadt nur den stärksten Effekt darstellt. „Jüdinnen" heisst der Roman wohl nach den zwei weiblichen Hauptgestalten, von welchen die eine, Irene, wie ein schönes Bild wirkt, das stark fleckig geworden ist, — so stark, dass Linien zerstört, Harmonien unterbrochen sind. Man fühlt, sie wäre schön, gütig und echt, — Avenn nicht die Flecken, wenn nicht etwas Fremdes über ihre Physiognomie dahingefahren wäre. Da ist die andere, Olga, die „Landpomeranze", das gerade Gegenteil: Ein Naturkind, einheitlich, durchaus echt, sowohl leiblich als seelisch frisch und kräftig, mütterlich gut, still und warm. Im übrigen ist aber die Hauptperson des Buches ein Mann, besser ein Jüngling, nein, nicht einmal das, ein fast zum Jüngling gereif ter Knabe, Hugo Rosenthal: So ein kleiner verliebter Junge, der in dem Vorspiel seines erotischen Lebens soviel komisches Gernegrosstum, bezaubernde Phantasie, naiven Idealismus, ruhige Klugheit und herzige Torheit an den Tag legt, dass man förmlich erquickt von ihm und versöhnt von den anderen scheidet. Mit Anerkennung aber von dem Dichter, der diese ganze, fast möchte man sagen, Idylle mit so einwandfreien, ganz und gar nicht aufdringlich realistischen Mitteln vor uns hinstellte. Ich weiss nicht, ob sich die Unzufriedenheit der Feinde jüdischer Stoffe nur auf Milieu- und Gegenwartsdichtungen bezieht, oder auch auf jüdisch-geschichtliche oder gar biblische Handlungen. Jedenfalls hat Georg K a i s e r in seiner 2) Max Brod. Jüdinnen. Roman. Axel Juncker. Verlag. Berlin-Charlotten buri. biblischen Komödie „Die jüdische Witwe"3) alles angewendet, um seinen allfälligen Fehler in der Stoffwahl wieder gut zu machen. Sein Stück ist nämlich weder biblisch noch Komödie. Und weder ist seine Jüdin eine Witwe, noch seine Witwe eine Jüdin. Das Ganze ist eine einzige grosse Bizarrerie, in der einzelne unleugbar dramatische Anläufe immer wieder bald ins Kriechen geraten. Die Geschichte von Judith und Holofernes ist da nicht etwa nur karrikiert, sondern in eine Folge von widerlichen Tüfteleien, Geckereien und ScliAvindeleien, durchsetzt von infantilen und senilen Brunstszenen, aufgelöst. Und vergeblich fragt man sich, Avarum es dem Verfasser gefiel, uns alle diese schein- und Averkheiligen, eitlen Gesellen gerade als Juden des biblischen Zeitalters vorzuführen, und Avarum sie gerade ein von ihm für diesen ZAveck frei erfundenes ,,Gschnas"-Bibel-Idiom meckern müssen V Soll das etAva gar dichterischer Niederschlag von gewissen modernen Ideen über Juden und Judentum sein? Oder haben sich die Juden Avieder einmal gefallen lassen müssen, dass man auf ihrem Rücken irgend etwas doziert? Oder ist einfach der Schalk mit demDichter durchgegangen? Jedenfalls täte dieser gut daran, seine Berufung — und davon scheint trotz alledem etAvas in ihm zu stecken, — ein Avenig ernster zu nehmen. Auch Hans Kyser stieg in das jüdische Altertum hinab, um sich dort dramatische Stoffe zu holen. Und auch er schuf sich in seinem „Titus und die Jüdin" A) dieGeschichte für seine ZAvecke um. Aber es Avaren eben künstlerische ZAvecke. Die Jüdin ist nicht etAva Prinzessin Berenice, — sie kommt z\A7ar auch vor, aber als Verschmähte — sondern eine unbekannte Frau, die WitAve eines Mannes, den Titus unter taufenden andern ans Kreuz hat schlagen lassen. Beim ersten Anblick liebt er sie, und liebt sie anders, als man damals zu lieben pflegte. Von ihrer fremden, schAveren, treuen, liebenden Geistigkeit — Symbolisierung? — strömt etwas auf ihn über. Er hat anfangs durch angedrohte Greuel ihre Gegenliebe erpressen wollen, dann, von ihrer Grösse erschüttert, sie freigegeben. Erst, als er erfährt, dass die rachegierige Menge sie gesteinigt hat, Aveil sie nicht seinen Kop f. sondern Brot\ron ihm brachte, erAvachen Avieder die Dämonen inihm: „Bluthunde los! Kein Stein bleibt auf demandern!" . . Trotzdem der Dichter seine Hauptkraft auf die Ent- Avicklung dieser seltsamen Liebe verwendet, tritt doch auch der geschichtliche und vielleicht auch der Stammeshintergrund gross und deutlich herAror. Es ist ein stellenweise überAvältigendes Gemälde, das er, namentlich von der Völkersehlachtbank Rom, entwirft. Und es ist sein Verdienst, A\reil er so gut zu gruppieren und mit der Sprache so stark zu malen Aveiss..... Schliesslich bleibt es also dabei, dass das deutsche Volk keine Ursache hat, mit der Judenliteratur in deutscher Sprache unzufrieden zu sein. Und die deutschen Juden geAviss auch nicht. Und doch möchte ich bezüglich ihrer einen kleinen Vorbehalt machen. Mir ist, als ob die sonst so erfreuliche Entwicklung doch nach einer Richtung hin auch eine bedauerliche Folge gezeitigt hätte: Dass nämlich die Fühlung mit der Literatur der Ostjuden Avieder viel geringer geworden ist, als sie schon Avar. Vielleicht irre ich übrigens in der Ursache. Jedenfalls Aväre es zu Avünschen, dass die deutschen Juden auf diesen geistigen Strom unmittelbaren Judentums nicht verzichten. pa. 3) Georg Kaiser. Die j üdi sehe Witwe. Bibli.che Komödie. S. Fischer. Verlag. Berlin. 4) Hans Kyser. Titus und die Jüdin. Eine Tragödie in drei Akten. S. Fischer. Verlag. Berlin 1911.

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