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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1105 - 1106

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Hans von Kahlenberg [Rezension]
Date
1911-12-01
Page
Seite 1105 - 1106 (sequence 2)
Language
German
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1105 Literarische Rundschau. 1106 nalischen Hass gegen das Jüdische aufgeschnappt hat. Vielleicht direktement bei dem seligen Weininger, mit dem er Umgang gepflogen haben könnte. Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass er aus seinen eigenen „Tiefen" schöpft, aus den Tiefen einer verklungenen Zeitmode, die seine treue Seele nicht aufgeben will. Warum ich das aber erzahle? Weil mir gelegentlich meiner letzten Lektüre eine Kritik von ihm über irgend ein Georg Hirschfeldsches Theaterstück einfiel, die zu dem Wütendsten gehört, was ich je von iliin las. Und weil dieser Wutanfall nicht etwa den Qualitäten des Stückes galt, sondern der Stoff wähl des Dichters: Was nur diese Dichter j etzt haben, dass sie sich gar soviel Judenstoffe aussuchen! Wie denn das deutsche Volk dazukomme, immer nur von Berlin W. unterhalten zu werden? Und so in dieser Sorte weiter. Ich fürchte, dass dieser gute Mann (und seinesgleichen) Trost nicht zugänglich ist, sonst möchte ich ihn wenigstens bezüglich des Schicksals des deutschen Volkes beruhigen. Ich kann ihm die Versicherung geben, dass es noch ganz gesund ist, noch lange zu leben gedenkt und sich die Berlin W.¬ Dramen und Romane nicht entfernt so zu Herzen nimmt Avie er. Ich kann ihn Aveiter versichern, dass es den Schund innerhalb dieser Produktion ebenso verdaut, wie allen anderen Schund, der ihm reichlich geboten wird. Ich möchte aber auch noch hinzufügen, dass es besagtem deutschen Volke wahrlich nicht schaden kann, wenn es durch gute Bücher in das Getriebe und die Eigenheiten seiner heimischen Juden schauen lernt. Und ick will schliesslich der Ueberzeugung Ausdruck geben, dass es für diese Gelegenheit noch dankbar ist. Soweit aber der ärgerliche Tadel des erwähnten Kritikers und ihm verwandter Seelen die Dichter selbst trifft, stellt er wohl den Gipfel schmökischer Verranntheit vor. Denn seit wann kommt es bei Beurteilung einer Dichtung auf die Stoffwahl des Dichters an und nicht vielmehr darauf, dass er den gewählten Stoff beherrsche? Und was ist für nicht verrannte Schädel selbstverständlicher, als dass sich jüdische Dichter, soweit sie Milieudichtungen schreiben, immer mehr und mehr dem Milieu zuwenden, in dem oder in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sie leben, und dem Volke, dessen Grundstimmungen und Grimclempfindungen in ilmen selbst wiederklingen? Hat denn nicht schon der auch in vielen anderen Beziehungen vorentwickelte Heine hierin einigermassen den Weg gewiesen? Und dann, — ist es denn Einbildung und nicht vielmehr volle Wirklichkeit, dass das Fragezeichen, das da Jude heisst, vor den erstaunten Augen der Welt immer mehr sich aufreckt? Alle Welt spürt Ewigkeitsatem, ahnt neue und seltsame Zusammenhänge, eine Geschichte des Wundersamen. Leben und Wissenschaft zollen ihren Tribut. Und da sollten sich, gerade die Dichter kühl und überlegen ferne halten? Die Dichter jüdischen Stammes insbesondere sollten sich gegen eine Anziehung wehren müssen, der selbst die nichtjüdischen Dichter nicht widerstehen können? Es sollten die Lorbeeren dieser sie ruhig schlafen lassen? Und daran ist doch kein Zweifel, dass es da Lorbeeren gibt, und solche, die sich sie verdienten. Hans von Kahlenberg ist gleich einer, dem man es danken darf, dass er dem Stoff nicht widerstand. Der Dichter ist in Wirklichkeit eine Dichterin. Und das Buch, das ich meine, ist ihr Roman „Ahasvera".1) Es ist die Geschichte einer Mischehe zwischen dem verarmten Hans von Kahlenberg. Ahasvera. Roman. Vita» Deutschem Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. Agrargrafen Rechtem und Adeline Goldstein, der Tochter eines reich gewordenen Juden, zwischen einem blonden Hünen und einer schwarzen, kleinen Jüdin. Er ist dabei nicht einer von den Abgewirtschafteten, die zynisch und mit unterdrücktem Fluch auf den Lippen die rettende Jüdin nehmen. Und sie nicht eine von denjenigen, die sich darnach sehnen, ihre Ueppigkeit in die vornehme Gesellschaft oder gar bei Hofe einzuführen. Nein, er ist ein derb-sanfter Schollenmensch, mit fragloser Sicherheit in seiner Kaste wurzelnd, der auf seine Jugendliebe verzichtet, um das durch den Leichtsinn seines Vaters bedrohte Gut zu erhalten, im übrigen aber sich vornimmt, seine Frau mit Liebe und Achtung zu umgeben. Und sie eine Natur, die sich in ihr Inneres hineinlebt, das voll ist von Traurigkeit oder von Wissen — ihr könnt hier ein Wort für das andere setzen, — eine Seele von verwundsamster und doch tapferster Zartheit, glücklosund doch reich, eine stille, resigniertePflichterfüllerin. Und es wird eine Ehe zweier Einsamer, die ihre verschiedenen Wege gehen. Ihn treibt die Einsamkeit allmählich in die Arme seiner verlassenen Jugendgeliebten und in die geschäftliche Gemeinschaft mit einem grosszügigen jüdischen Nurgeschäftsmann. Er verliert die Einfalt, die Selbst- Sicherheit, die Bodenständig keit. Man merkt es ihm nicht an, dem schwerreichen Industrie-Agrarier, dem hoclikonservativen Politiker. Und doch taumelt er! Sie aber wird immer trauriger, immer wissender, immer mehr in sich selbst verborgen, immer unnahbarer in ihrer schmerzvollen, ihn erdrückenden Heiligkeit. Bis der Tag kommt, da sie auseinander gehen, — beide schon bejahrt, Eltern erwachsener Söhne. Wie alle gute Dichtung ist auch „Ahasvera" Symbolik'. Gewollte oder ungewollte — gleichviel. Schon der Titel bereitet darauf vor. Gräfin Adeline ist eben Ahasvera, die Repräsentantin ihres Stammes, wie ihn Hans von Kahlenberg sub specie aeternitatis sieht. Aber noch ein zweites Symbol ist in dem Buche aufgerichtet: In den beiden Kindern aus der Mischehe, dem junkerhaft gearteten Ulrich und dem jüdischen Ideenmenschen Wolfgang. Es ist wie eine Illustration zu der neueren Theorie von der Entmischung der Rassen. Unheimlich, wie diese Brüder sich ausschliessen. wie sie sich hassen, wie verschieden die Wege sind, die sie gehen! In den krassesten Feudal-Egoismus der eine, zu unerbittlichen Forderungen der andere. Hans von Kahlenberg weiss auch, dass unsere Zeit neue Menschenmöglichkeiten hat. Und darum zeigt sie in Adeline und Wolfgang nicht nur die siegreiche jüdische Art, sondern auch das Wissen von ihr, den Willen zum Leben, den Ehrfurchtsschauer vor der grossen geheimnisvollen Erbmacht, die in ihnen lebt. ,,Und deinen Weg, wohin er führt, gehe ich", sagt die Gräfin zu ihrem jüngeren Sohne. Und der erklärt froh: „Aber der nimmt nie ein Ende, und führt über jedes Ziel wieder hinaus. Kennst du den Weg, den unser Stamm ging? Aliasver ging ihn." Unddarauf sie „Nimm mich mit dir — auf Ahasvers Weg.'' Mit diesen Worten schliesst das Buch und öffnet weite Perspektiven — „über jedes Ziel hinaus" . . . Ob Hans von Kahlenberg auch restlos in die jüdische Seele eingedrungen ist? Ich will aufrichtig gestehen, dass ich bei Nichtjuden immer das Gegenteil voraussetze. Doch gebe ich immerhin zu, dass Menschen mit Ausnahms-Anlagen auch ausnahmsweise tief eindringen können. Und in unserem

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