Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1103 - 1104 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1103 Sch. Gorelik: Die liebe Provinz.. 1104 und mich bitten, ich möge mit ihm zu den Mühlen spazieren gehen. Er sei so trüb gestimmt, das Herz sei ihm so schwer und er hätte niemanden, vor dem er es erleichtern könnte. Er wird dann aber die ganze lange Zeit über schweigen, und erst vor dem Abschied sagen: ..Wissen Sie, was ich denke?""' „Was?" ,,Dass das Leben ein grosses Geheimnis ist . . ." Ich sehe ihm nach, wie er sich langsam, langsam entfernt, nach Hause geht, in sein einsames Zimmer. Er wird wohl diese Nacht nicht gut schlafen,. Still das Feld. Still die Gasse. Die Flügel der Windmühle ruhen. Der grosse, kluge Mond schaut von oben herab, — eine kalte Sonne. Und ich werde vor einem Hause stehen bleiben, aus dem eine schwermütige Romanze klingt, wie sie nur noch da, in der kleinen Stadt gesungen wird. Bezaubert von der zarten Frauenstimme werde ich lange stehen bleiben und verstehend dem hoffnungslosen Kummer lauschen, der dem traurigen Lied entquillt. Von einem kahlen Baum singt es, einem tief gebeugten, dessen schwere Zweige heisse Tränen weinen. Es tröstet ihn. Der Sommer werde wiederkommen und er wieder dastehen in grüner Pracht. Das Menschenherz aber werde der Sommer nicht heilen können. Das müsse gebrochen bleiben. Und ich kenne die Sängerin .... Ich fühle mich wohl in meiner kleinen Stadt, in allen Jahreszeiten. Da lerne ich die Weisheit des Zuhauscsitzens, da lese ich gute Bücher mit mehr Liebe und Aufmerksamkeit. Ich bin mit jedermann bekannt und kleine Kinder rufen mich beim Namen. Ich hör' mir alle Geschichten an, kenne alle Ereignisse, und wenn ich eine Woche lang keine Zeitungen gelesen habe, merke ich nicht, dass mir was fehlt. Ich bin der Provinz so innig dankbar für ihre Stille, dafür, dass sie mich so lange und in Einsamkeit sinnen lässt, — in ihrer freien, befreienden Einsamkeit, — nicht in jener schweren, die man im fünften Stock eines Grossstadthauses in seinem engen Zimmerchen um sich fühlt. Ich langweile mich niemals. Immer ist einer da. mit dem man reden kann, wenn man Lust dazu hat. Und überkommt mich doch einmal etwas wie Sehnsucht nach „Europa", nach der „grossen Welt" da draussen, dann gehe ich nach dem Bahnhof und erwarte den Kurierzug aus Kiew..... In der Saison, im Sommer, bringen uns die Züge mehrmals am Tage unsere paar Studenten und Studentinnen heim. Aus Charkow und aus Kiew, aus Moskau und aus Petersburg. Die Provinz wird lebendig. Die langen, bis spät sich hinziehenden 'Spaziergänge beginnen, — im Stadtgarten, am Flusse, •neben der Stadtschul'. Lufthungrig ist die jüdische Jugend aus der grossen Stadt zurückgekommen. Die Mütter sind vergnügt und wünschen, dass ihre erwachsenen Kinder, die Ausgehungerten, Abgemagerten, recht viel Milch trinken. Man lacht und läuft barfuss über den Sand. Man badet. Sommer-Poesie einer kleinen Provinzstadt, Sommerabend - Poesie, wenn der Staub sieh gelegt hat und die Leute vor den Türen sitzen und Guitarre-Töne klingen. Sommerliches Flüstern in den dunklen Alleon, das Herz ist offen und verspricht ewige, ewige Liebe. Dann kommt eine Schauspieler-Truppe . . . Man ruft sich über die Gasse zu: „Sie gehen wohl heute ins Theater?" Und man geht in grossen Gesellschaften und freut sich und fühlt sich so wohl in der Holzbude. So vergeht die Zeit in Baden, in Rudern, in Spazieren ausserhalb der Stadt, in Singen und Geschichtenerzählern Und wenn man vom Theater geht, wird man mit dem Erzählen nicht fertig. „Gehen wir doch aufs Feld hinaus!" „Wie, für die ganze Nacht?" „Und warum denn eigentlich nicht?" Und draussen im Feld stellt man sich hin, bespricht das Erlebte, disputiert. Oder plötzlich versteckt sich einer hinter einen Baum und schreckt die andern. Diese lachen, schreien. Ja, so vergeht die Zeit . . . Bis es Herbst wird .. . Zwei Mädchen begegnen einander auf der Strasse: „Weisst du, Mine schreibt mir, dass sie anfangs nächster Woche nach Moskau fährt. W7ann fährst du?" In: einigen Häusern packt man schon die Körbe und Kisten. Man läuft oft zum Schneider, ist wirklich stark beschäftigt. Und mit dein ersten welken Blatt, das vom Baume fiel, fährt eine Droschke die erste Studentin zum Bahnhof. Und nun ziehen trübe, schwere Tage heran, für die, die nicht fahren kann. Schon mehrere Jahre rüstet sie dazu, und muss doch immer wieder bleiben. Später, nach dem ersten Frost, wird sie ja daran vergessen haben. Aber jetzt fühlt sie es so schwer. Sie wird alle Freundinnen zum Bahnhof begleiten, wird sie bitten, dass sie ihr schreiben, wird lachen und sie werden sich küssen. Aber wenn sie die letzte begleiten wird, wird sie sich nicht mehr zurückhalten können und wird bitterlich weinen. Sie wird traurig, den Kopf ein wenig gesenkt, heimgehen, und vor dem Hause den hebräischen Lehrer treffen, den man für dumm hält: „Ich bringe Ihnen das versprochene Buch", wird er sagen. Und sie wird leise antworten: „Treten Sie doch ein bisschen ein! Ein so trauriger Abend!" Herbst in der Provinz. Regentage und lange, finstere Nächte. Die Stadtverwaltung hat die vier Gaslaternen anzünden lassen. . . . LITERARISCHE RUNDSCHAU. „ _ Unter den deutschen Kunst- und Theaterkritikern jüdi- Nur darf niclit das Judentum aufs Tapet kommen. Denn, sehen Stammes gibt es ein sehr interessantes Kerlchen, das kaum tritt dieser Fall ein, wird es sofort — trotz oder wegen mich zuweilen ordentlich empört, für gewöhnlich aber nur seiner sozialdemokratischen Parteigesinnung? — einfach belustigt. Es schreibt und urteilt•sonst gar nicht so uneben. rabiat. Weiss der Himmel, wo der Mensch seinen infer-