Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1101 - 1102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1101 Seh. Gorelik: Die liebe Provinz. 1102 Liebe zum ^reizenden Flirt geworden ist, herrscht in der Provinz noch die Romantik. Das junge jüdische Mädchen, das der Geliebte verlässt, erlebt noch eine echte Katastrophe. Ihre Mutter ringt noch die Hände und weint leise in einem Winkelchen über die unglückliche Tochter, die immer stiller und bleicher wird .... In der Provinz singt man noch die alten, ganz alten Romanzen. Da und dort findet ihr sogar noch irgend ein altes Instrument .... Wenn in der Grossstadt eine Idee schon längst ausgeglüht ist, flammt sie in der Provinz noch lichterloh. Und während irgend ein grossstädtischer Robespierrc sein „Es gibt keinen Gott" deklamiert, betet noch die ganze Provinz . . . . Und gerade wegen dieser ihrer Langsamkeit, wegen ihres Zurückbleibens, liebe ich sie so sehr. Gerade deshalb, weil man dort erst in zwei oder drei Jahren das Chantccler-Kleid tragen wird. Die Provinz glaubt, begeistert sich. Kommt einmal einer von uns jüdischen Schriftstellern hin, so wird er mit Fragen bestürmt. Er rührt mich einfach, der junge Mann, der mir nicht glauben will, dass ich mit Perez bekannt bin und schon einige Male mit ihm sprach. „So, so, Sie haben ihn wirklich gesehen?" „Ja, natürlich-, mein Lieber." „Und Bialik kennen Sie auch?'' „Gewiss, auch Bialik." Seine Augen glühen. Er rückt aufmerksam näher, er wartet, ich werd' ihm doch wohl noch mehr sagen. Die liebe, naive Provinz! Sie ist es ja eigentlich, die uns mit Abonnenten, mit leidenschaftlichen Lesern speist, die es manchmal auch zuwege bringt, wegen eines Zeitungsfeuilletons eine Versammlung zu veranstalten. Und der arme Schriftsteller hat das Feuilleton vielleicht gar nicht aus innerem Zwange geschrieben, sondern weil er unbedingt Quartiergeld bezahlen musste.. Ich gehe durch diebreite, staubige Gasse der Provinzstadt und begegne einem Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar und einem sympathischen, intelligenten Gesichtchen. Sie schleppt einen grossen, schweren Korb. Da sind Früchte und andere Esswaren drin, die das Frauen-K omitee der Stadt jeden Sonntag für die „Politischen" einkauft und die sie nach dem Gefängnisse bringt. Ich erinnere mich, dass in der Grossstadt die Mode der „Politischen" längst vorüber [ist und dort die Korbträgerin von einstmals fleissig den „Skating Rink" besucht und ihre Freundin beneidet, diedenMann betrügt. Und wieder freue ich mich darüber, dass die Provinz zurückbleibt. Worten berichten. Ein Mensch, der sich das Leben nimmt, und niemand weiss, warum? Ein schreckliches Geheimnis. Nach dreijährigem Studium war Mirjam aus Kiew als Zahnärztin zurückgekommen. Aber was war aus ihr, der früher so Heiteren und Beweglichen, geworden! Einen Abend zuvor, che das Unglück geschah, war die Mutter zu ihr ins Zimmer getreten: „So geh doch ein bisschen spazieren! Es ist heute so schön draussen. Warum sitzest du denn fortwährend am Fenster, ganze Tage am Fenster?" Und Mirjam hatte mit abgewandtam Gesicht geantwortet: „Gut, Mutter, ich werde ausgehen, ja, ja." Wer sollte da ahnen? Tags drauf wird die ganze Stadt sie zur ewigen Ruhe begleiten. Der junge Rabbiner wird auch dabei sein. Man wird nur ganz leise sprechen, — aus Achtung vor dem grossen Geheimnisse, das alle fühlen. Und wenn der Leichenzug an meinem Hause vorübergehen wird, werde ich auch hinaus gehen und mich ihm anschliessen. Später wird wohl der hebräische Lehrer, den man für dumm hält, auf mich zukommen Dann und wann ereignet sich eine Katastrophe, — eine von jenen, *über die die russischen Zeitungen mit einigen wenigen J UL1E WOLFTHORN. BE11LIN. Sanitätsrat Neumann. (Zum Artikel: „Julie Wolftliorn" von Georg Hermann auf Seite lOS'.MÜOO.)