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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1067 - 1068

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Erwiderung
Date
1911-12-01
Page
Seite 1067 - 1068 (sequence 4)
Language
German
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1067 Kein ,.Pogronr' in Süd-Wales. Envkhmng. 1068 zu konzentrieren, statt die eigene innere Art zur Richtschnur unseres Handelns zu machen, vergeudeten wir uns an den jeweiligen Augenblick, warfen wir den Schlüssel zu unserer eigenen Seele fort. Und so steuerten wir glücklich in die antisemitische Epoche hinein, lernten jedoch auch aus dieser nichts. Nun aber könnte es doch endlich schon genug sein des grausamen Spiels. Wenn es mit uns soweit gekommen ist, dass sich in England Dinge ereignen, wie die „Hochsommerverrücktheiten" von Süd-Wales, dann müsste unser Vertrauen zur alten Methode eigentlich schon ein wenig erschüttert sein. Dann sollte man doch schon endlich einsehen, dass es wirklich nicht darauf ankommt, ob den abscheulichen Ereignissen von Süd-Wales der Name ,,Pogrom" oder ein anderer gebührt oder gegeben wird. Sondern darauf, dass wir den Dingen ins Auge sehen und positive Arbeit leisten, um die Dinge, nicht aber ihren blossen Schein, zu bessern. Und nehmen wir an: Wir Juden wenigstens hätten vom ersten Augenblick an vermieden, von „Progrom in England" zu sprechen? Kann man wirklich glauben, dass das die Antisemiten in ihrem Verhalten auch nur im geringsten beeinflusst hätte? Die sind doch nicht so dumm, zu warten, bis ihnen die Juden den Reim zu den Begebenheiten machen. Den besorgen sie sich schon selbst. Wenn es in ihrem Interesse gelegen ist, den Völkern des Kontinents zu zeigen: „Seht, selbst das freisinnige England kommt ohne Pogrome nicht aus" — dann sind sie auf unsere Bestätigung nicht angewiesen. Und wahrlich, die englische und vor allem die russische antisemitische Presse hat gerade anlässlich der Unruhen in Süd- Wales glänzende Proben ihrer Selbständigkeit und Fixigkeit erbracht. Es scheint übrigens dem geehrten Herrn Einsender entgangen zu sein, dass der ganze Ton des von ihm berichtigten Artikels weniger auf England als auf Russland gestimmt war. Die Ausführungen liessen zwar deutlich erkennen, dass wir auch in England (sowie in den Weststaaten überhaupt) noch genug atavistische Disposition für judenfeindliche Ausschreitungen verschiedener Art als gegeben erachten, liessen aber auch keinen Zweifel darüber, dass wir diese Disposition nur noch solange für praktisch gefährlich halten, als Russland im Hintergrund steht und geschäftig schürt. Es war uns nicht darum zu tun, England anzuklagen oder seinen Vorrang vor Russland in Zweifel zu ziehen; wir wollten nur auf die Quelle des Uebels hinweisen und dadurch die Erkenntnis vorbereiten, dass am allerwenigsten diese Quelle nach der alten Methode verstopft werden kann. Diese Aufgabe hatte sich der Artikel gestellt, und wir stehen auch heute zu ihr. Wir achten die Ueberzeugung anderer, können aber an unserer Meinung nichts ändern. REVUE DER t Der deutsche Judentag. Der- „Verband der deutschen Juden" hielt in diesem Monate seine vierte Hauptversammlung1 ab. Doch war sie wohl die erste, die den Namen eines deutschen Judentages verdiente. Und dies, trotzdem Zeit und Inhalt der Versammlung knapp genug bemessen waren. Ein paar Stunden im ganzen, die zudem fast durchaus mit zwar recht beachtenswerten aber theoretischen oder prinzipiellen Vorträgen ausgefüllt waren Der übrigens nicht uninteressante Bericht des Vorsitzenden durch keinerlei Debatte beleuchtet. Nicht die Spur einer Entwicklung von Eigenfruchtbarkeit. Und dennoch! Es war eben etwas anderes da, was man bisher noch niemals in Versammlungen deutscher Juden hatte konstatieren können: Eine deutliche und stark geäußerte Repräsentationstendenz, ein naiver und gesunder Wille zur Gesamtheitsvertretung, ein ebenso stolzes als freudiges Sich fühlen als lebenswichtiges Organ der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. EREIGNISSE. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Schon das äußere Bild der Versammlung war imponierend: Der große Saal des neuen königlichen Opernhauses von Delegierten aus allen Gauen Deutschlands, Gästen und Journalisten, dicht besetzt. Auf der Bühne der Vorstand am langen grünen Tische. Musterhafte Ordnung und Aufmerksamkeit, die auch nicht einen Augenblick nachließen. Kurz eine Offenbarung von persönlicher und Gemeinschaftswürcle, wie wir selbst sie uns nicht mehr zugetraut hätten. Dann ein gewisser Ton im Berichte, m der Resolution und selbst in den Vorträgen, der so merkwürdig frei, sicher, voll und stolz klang. Vielleicht soll man ihn einen Unterton nennen, der rein und kräftig durch etwas angejahrte und verjährte Obertöne durchzudringen wußte: wie die Botschaft eines neuen Werdens durch welkendes Leben. Schließlich und nicht zum geringsten, die Stimmung der Zuhörerschaft: festlich-positiv, glücklicherlöst und stolz bckenneriscli. So muß man z. B. die jubelnde Wut gegen die Täuflinge mitangesehen und mitangehört haben.

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