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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1063 - 1064

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Erwiderung
Date
1911-12-01
Page
Seite 1063 - 1064 (sequence 2)
Language
German
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Kein* j,Pogrom" in Süd-Wal es. Erwiderung. 1064 gewissen Vorkommnissen gegenüber eine ganze Welt mit .demselben Worte reagiert, so muss dasdoch immerhin etwas zu bedeuten haben. . 'Nun ist freilich andererseits alle Definition im Grunde Konventionssache. Man kann die Rahmen der Begriffe weiter und enger spannen, wenn man die andern nur wissen lässt, wie weit die Spannung gehen soll. Man kann es also in unserem Falle mit der Allgemeinheit halten, in der die Vorstellung des Pogrom" wach wird, wenn sie hört, dass zusammengerottete Banden, vermehrt um „ruhige Bürger", plötzlich die Häuser und Läden der Juden aus allen anderen Häusern und Läden einer Stadt heraussuchen, Gewalttaten gegen die Juden verüben, jüdisches Gut zerstören und plündern, die Juden zu ohnmächtiger Abwehr, zur Flucht und in Verstecke zwingen und sie das Gefühl einer entsetzlichen Verlassenheit in einer Welt grimmiger, erbarmungsloser, höhnender, unberechenbarer Feinde lehren. Aber man kann natürlich auch dem Herrn Einsender der Berichtigung folgen, der sich nicht von seelischen Reaktionen — vielleicht sind es sogar seine eigenen auch, — nicht von dem massenpsychologischen Gesamtcharakter der Vorfälle, sondern einzig und allein von der kontrollierenden Beobachtung und Erwägung leiten lässt, ob die Dinge auch bis zu Morden, Schändungen und anderen Greueln gediehen sind. Es ist uns im Grunde auch gar nicht am Worte Pogrom" gelegen. Wir könnten es ruhig widerrufen, ohne dass sich nach unserer Meinung in der Sache auch nur das geringste ändern würde. Gewiss gibt es einen Gradunterschied zwischen Bessarabien und Süd-Wales, aber gerade er bringt uns die ganze Trostlosigkeit des Falles erst recht zu Bewusstsein. Das ist ja das Traurige, dass man schon messen und vergleichen kann, dass es kommensurable Erscheinungen sind, vor denen wir, im Innersten getroffen, stehen. Oder hätte denn England Russland bis ins kleinste Detail kopieren müssen, damit wir die Gleichartigkeit des Geschehens erkennen? Ist es nicht genug, dass es auch nur schon die ersten Meilensteine auf Russlands Wege erreichte? Hat es damit nicht eigentlich schon Russland überboten? Das ist es ja gerade: Weil wir wissen, was wir von England zu halten haben, weil wir es nicht auf eine Stufe mit Russland stellen, weil wir in ihm den entwickeltesten Ordnungs- und Rechtsstaat der europäischen Zivilisation erblicken, — gerade deshalb erscheinen uns die Vorkommnisse in Süd-Wales doppelt ernst. Gerade darum können wir uns aber auch nicht damit beruhigen, dass keine schlimmen Bluttaten geschahen und gerade darum dürfen wir uns auch nicht damit begnügen, die Vorgänge in Süd-Wales aus der allgemeinen Aufgeregtheit der Zeit, verbunden mit der besonderen Erregbarkeit der dortigen Menschen, sowie als „Hochsommerverrücktheit" zu erklären. Wir müssen uns vielmehr daran erinnern, dass der geehrte Herr Einsender selbst (ebenso wie sein Gewährsmann, der angesehene Korrespondent eines englischen Blattes), trotz dieser Erklärungen, es doch wieder für „rätselhaft" findet, „warum die rüpelhaften Helden von Wallis sich gerade die jüdische Bevölkerung für ihre Uebeltaten ausgesucht haben." Und wir müssen schliesslich zu der Ueberzeugung gelangen, dass — von der Verschiedenheit des Anlasses und des Umfanges der begangenen Verbrechen und von der verschiedenen Veranlagung der Verbrecher abgesehen, — die Lösung des Rätsels denn doch die gleiche für die Hooligane von Kischinew und für die Plünderer von Tredegar sein muss. Diese Lösung selbst aber tritt uns aus einer drastischen Stelle der Berichtigung geradezu lebendig entgegen. „Männer und Frauen", heisst es dort, „die in gewöhnlichen Zeiten jeden Ladenraub und jede Dieberei aufs tiefste verabscheuen werden, brachten es über sich, zu rauben, was ihnen unter die Hände kam, und sie taten es offen und ohne Scham." Beobachten wir die Redewendung: „brachten es über sich" und fügen wir den Worten „in gewöhnlichen Zeiten" noch die Worte „und gegenüber Christen" hinzu, und wir wissen, was wir zu wissen brauchen: Dass man sich eben an Juden leichter und gründlicher vergreift als an anderen. Im übrigen scheint der geehrte Herr Einsender den Ausdruck „Pogrom" weniger aus theoretischer Genauigkeit als in der Ueberzeugung abzulehnen, dass der Gebrauch dieses Wortes die bösesten Folgen nach sich ziehen müsste. „Wenn wir zulassen", ruft er u. a. aus, „dass unter den Antisemiten des Kontinents sich die Meinung verbreitet, Pogrome seien selbst in dem hochzivilisierten England möglich, dann erhalten sie eine Waffe, die den Juden unabsehbaren Schaden bringen kann." Leider können wir uns auch diesbezüglich nicht der Meinung des geehrten Herrn Einsenders anschliessen.

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