Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Kein "Pogrom" in Süd-Wales
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1059 - 1060 (sequence 3)
- Language
- German
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1059 Carl Stettauer: Kein „'Pogrom" in Süd-Wales. 1060 wachen, um Sabotage im grossen zu verhindern. Beunruhigt durch den Umfang der Unruhen wurden besondere Polizeikräfte angeworben, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. Diese Polizeikräfte wurden aus den Reihen der friedlichen, schwer arbeitenden Bevölkerung genommen. Der Handel lag danieder, die Nahrungsmittel stiegen im Preis, bedeutende industrielle Etablissements mussten ihre Tore schliessen. Zahllose Arbeiter, die nicht an den Streik dachten, waren trotzdem gezwungen, zu feiern, weil die Streikenden die Weiterarbeit verhinderten. Das alles verursachte einen Geist von Gesetzlosigkeit in vielen Gegenden des Landes, der in ruhigen Zeiten auch selbst diejenigen erschreckt hätte, die sich jetzt selber gesetzloser Handlungen schuldig machten. In Süd-Wales waren die Unruhen besonders heftig, denn es ist eine Gegend lebhafter, industrieller Aktivität, auch in gewöhnlichen Zeiten. Dazu kommt, dass die Einwohner von Wales, wie allbekannt, ein leicht erregbares Völkchen sind. Nirgends breitete sich das Streikfieber so rapid aus, wie in den Tälern von Cambrien. Das erklärt, warum die Unruhen in Süd-Wales einen besonders heftigen Charakter annahmen und die Ausschreitungen dort die in anderen Teilen des Landes weit in den Schatten stellten. Bei Unruhen solcher Art sucht man vergeblich nach einem berechtigten Grund. Schon die lahme Entschuldigung, die vorgebracht wurde, um die Angriffe auf die Juden zu erklären, beweist, dass sie mehr eine Folge der allgemeinen Erregung, die die Geister ergriffen hatte, als der Ausfluss einer ernsthaften feindseligen Stimmung gegen die Juden war. Es kann ohne Uebertreibung gesagt werden, dass die Angriffe auf die Juden nur ein Teil der allgemeinen Unruhestiftungen waren. Verschiedene Zeitungskorrespondenten der grossen Londoner Tagesblätter, die in aller Eile nach dem Schauplatz der Unruhen abgereist waren, sind der gleichen Meinung. Ein angesehener Korrespondent schrieb zum Beispiel damals folgendes: „Was die meisten Leute, die Augenzeugen der Arbeiterunruhen in Süd-Wales während der letzten Periode gewesen sind, überrascht, ist, dass der Mob anfing, gegen die Juden vorzugehen. Niemand scheint erklären zu können, warum diese friedlichen, allen Gesetzlosigkeiten abgeneigten jüdischen Händler in den Minendistrikten, in denen die Unruhen sich ereigneten, für die Angriffe besonders aufs Korn genommen worden sind, und warum gerade ihre Läden geplündert wurden. So viel in Erfahrung zu bringen war, bestand bis vor wenigen Tagen niemals eine offene Feindschaft gegen die Juden. Es ist rätselhaft, warum die jüdischen Kaufleute die Hauptwenn auch nicht die einzigen Opfer der Gewalttätigkeiten des Mobs gewesen sind. Vielleicht, so hörte ich, wollten am Anfang nur ein paar Hooligans sich an einem bestimmten jüdischen Händler vergreifen. Sie bekamen aber bald willige Mithelfer, durch die dann das vereinzelte Vorgehen einiger Rüpel zu einem Kreuzzug des Janhagels gegen die gesamte jüdische Bevölkerung sich auswuchs." Das ist ein hervorragendes Zeugnis einer Persönlichkeit, die an Ort und Stelle Untersuchungen angestellt hat. Dieses Zeugnis deckt sich mit den Anschauungen einer ganzen Reihe von anderen Persönlichkeiten, die sonst keinen Grund finden können für den abscheulichen Vorgang, der selbst unter der Bevölkerung von Wales Erstaunen und scharfe Missbilligung hervorrief. Warum die rüpelhaften Helden von Wales sich gerade die jüdische Bevölkerung für ihre Uebeltaten ausgesucht haben, das ist ebenso rätselhaft wie die Tatsache, dass verhältnissmässig gut situierte Leute sich nicht entblödeten, an den Plünderungen jüdischer Läden teilzunehmen. Männer und Frauen, die in gewöhnlichen Zeiten jeden Ladenraub und jede Dieberei aufs tiefste verabscheuen würden, brachten es über sich, zu rauben, was ihnen unter die Hände kam, und sie taten es offen und ohne Scham. Die ganzen Unruhen muten an wie eine Art Hochsommerverrücktheit. Da Streiken an der Tagesordnung war, so war es eine goldene Gelegenheit für die Agitatoren, Aufruhr und Unordnung hervorzurufen. Aber diese waren nicht nur gegen die Juden allein gerichtet, wenn sie auch am meisten darunter gelitten haben. Verschiedene Anklagen wurden gegen die Juden laut. Man beschuldigte sie, dass sie in grossem Umfang^Häuser erworben haben und die Miete ungebührlich gesteigert hätten, dass sie den Preis der notwendigsten Lebensmittel künstlich verteuerten. Eingehende Untersuchungen nach dieser Richtung sowohl zur Zeit der Unruhen als auch nachher ergaben die Grundlosigkeit solcher Anklagen. Gegen den einen oder anderen konnte vielleicht ein Vorwurf ähnlicher Art in vereinzelten Fällen erhoben werden, aber die Anklage als Ganzes war ohne jede Unterlage. Und so war es nur natürlich, dass die Unruhen sehr rasch beendigt wurden. Was die Bevölkerung von Wales in diesen drei Tagen der sinnlosen Unruhen verschuldete, das hat sie schnell bereut. Bereut es noch jetzt und wird an dieser Reue noch lange zu tragen haben. Die Behörden taten schnell ihre Schuldigkeit und, unterstützt durch die öffentliche Meinung und den gesunden Sinn der besseren Elemente, konnten sie die Ruhe in kurzer Zeit herstellen. Die Pogrome in Russland würden unmöglich gewesen sein, wenn dort die Macht des Gesetzes ebenso schnell gegen die Hooligans, die für die Uebeltaten zur Rechenschaft hätten gezogen werden müssen, zur Geltung gekommen wären. Sie würden dann ebenso schnell niedergeschlagen worden sein wie sie auftauchten und die Juden aller Welt hätten nicht die grausigen Folgen dieser blutigen Pogrome so schwer zu betrauern gehabt. In England griffen die Behörden ohne Zaudern zum Schutz der jüdischen Bürger ein. Es wurden sofort Arretierungen in Masse vorgenommen, und die Schuldigen erhielten Strafen, die nicht nur den verbrecherischen Teilnehmern einen heil-