Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Israeliten in Russland
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 1007 - 1008 (sequence 2)
- Language
- German
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1007 Mitteilungen der Alliance fsraelite Universelle: Die -Israeliten in Jlusiland. 1008 Bevor er diese, nicht nur l'ür die Juden, sondern für den gesamten russischen Handel unheilbringende Gesetzgebung durchführen konnte, orliess oder billigte •der Premierminister verschiedene Massnahmen, die •die jüdischen Kau Heute schädigen musston. Der Besuch der diesjährigen Messe in Nisehni Nowgorod wurde den Juden verboten, trotzdem die christlichen Kaufleute dagegen zu intervenieren versucJiten. Vergebens setzten diese dem Minister auseinander, wie unentbehrlich die Anwesenheit der jüdischen Händler, Agenten und Handwerker für die Abwicklung der bedeutenden Handelsgeschäfte auf diesem Weltmarkt wäre — ein Ministerialdekrct erklärte die Stadt Nikolajefl' zu einem militärischen Hafen und nach dem russischen Gesetz war die unmittelbare Folge dieser Massregel die sofortige Ausweisung aller dort lebenden Juden. Auch in Kiew erhielten tagtäglich den bevorrechteten Ständen angehörende jüdische Kaufleute Ausweisungsbefehle mit der "Weisung, die Stadt sofort zu verlassen. Der Senat hat kürzlich entschieden, ■dass auch Kau Heute erster Gilde und diplomierte Juden künftig keine Immobilien mehr ausserhalb des Ansiedelungsgebiets erwerben dürfen. Auch die in freien Berufen arbeitenden Juden sind in den in Vorbereitung begriffenen Gesetzen nicht verschont geblieben. Man wollte den jüdischen Advokaten verbieten, vor dem Zivilgericht die Prozesse von Christen zu führen und den Beridsvoreinigimgen anzugehören; ja man wollte ihre Zulassung zur Advokatur von einer bestimmten Norm abhängig machen. Danach darf man sich gar nicht wundern, dass der' ,,Verband der Nationalisten" auf seinem letzten Kongress so weit gegangen ist. den vollständigen Ausschluss der J uden aus der Zivil Verwaltung und das vollständige Verbot des Advokatonberufs für Juden zu verlangen. Die zu Recht bestehende Schulgesetzgebung hat eine grosse Anzahl jüdischer junger Leute, die sich höheren Studien zuwenden wollten, zum Verlassen des Vaterlandes gezwungen; sie müssen jetzt an den Universitäten des Auslandes ihre Diplome erwerben. Die Studierenden der Medizin werden davon besonders schwer betroffen. Bisher hat es zur Ausübung des ärztlichen Berufs in Russland genügt, wenn sie ihr im Ausland erworbenes Diplom durch Ablegung eines Staatsexamens, das nichts als eine äussere Form war, in Russland sanktionieren Hessen. Jetzt ist die Rede davon, sie künftig zu diesem Staatsexamen auch nur in dem Zahlenverhältnis zuzulassen, das für die Zulassung zu den russischen Universitäten in Geltung ist. Diese Zulassung jüdischer Studierender zu den Universitäten, höheren Fach-, technischen und Handwerkerschulen wird übrigens mit steigender Strenge und mit bureaukratischen Quegeleien gehandhabt. Von über hundert jüdischen Kandidaten, die sich an der Universität Kiew hatten einschreiben wollen, sind nur drei zugelassen worden. In seinem offiziellen Bericht an den Minister konstatiert der Unterrichtsinspektor des Gouvernements Kiew mit Befriedigung, dass die Zahl der Juden in den ihm unterstehenden staatlichen Unterrichtsanstaltcn sehr gering geworden ist und dass an einigen Gymnasien jüdische Schüler überhaupt nicht mehr aufgenommen werden. Die Direktion der Handelschule in Kiew hat die Weisung" erhalten, für das neue Schuljahr keinen einzigen jüdischen Kandidaten anzunehmen. Aehnliche Instruktionen sind an die Handelsschule in Jekaterinoslaw und andere Institute ergangen — dabei werden die Kosten dieser Schulanstalten zum grössten Teil aus den Zuschüssen der jüdischen Kaufleute bestritten. In verschiedenen Gegenden werden für die Schuljugend Vereine zur militärischen Vorbildung begründet, die den Zweck haben, die körperliche Ausbildung der jungen Leute zu fördern: jüdische Schüler sind davon vollständig ausgeschlossen. Daraufhin beabsichtigen einige jüdische Gemeinden, die Begründung ähnlicher Organisationen für die israelitische Jugend, und sofort wird ihr Plan von der antisemitischen Presse als äusserst gefährlich hingestellt; man sagt ihnen die schwärzesten Pläne nach: sie wollen Waffenübungen für die Revolution vorbereiten. Die Haltung der Regierung macht es erklärlich, dass die reaktionären Organisationen sich stärker fühlen als je, und dass sie mit frischem Eifer ihren Aufhetzungs-Feldzug und ihre Propaganda von neuem beginnen. Wenn sie auch keinen direkten Anteil an den Beratungen der Regierung haben, so scheinen sie doch einen bedeutenden Einfluss darauf auszuüben. Jedenfalls werden sie nicht desavouiert und in ihrem Vorgehen nicht behindert, man arbeitet von beiden Seiten an einem gemeinsamen Werk, zu demselben Zweck: zur Vernichtung der Juden. Wenn schon die Mehrheit der Dumakommission für die nationale Verteidigimg sich für einen Antrag erklären konnte, der dahin zielt, den Juden den Militärdienst vollständig zu untersagen, kann man sich nicht wundern, dass die Judenfeinde ihre heftigen Angriffe wieder aufnehmen und die Volksmassen zu neuen Mordtaten und Plünderungen aulreizen, zu denen die Menge sich so leicht verleiten lässt. Ein Vorwand für derartige Aufreizung ist leicht gefunden: die Ermordung eines jungen Knaben wird den Juden zur Last gelegt, und obgleich diese lächerliche Beschuldigung sich bald als irrig erweist, wird sie trotzdem immer weiter wiederholt. Auf den Dörfern werden Schmähschriften verteilt und von unheimlichen Personen in Riesenmengen verbreitet. Deute, die es verstehen, auf die Bauern zu wirken, wie beispielsweise der bekannte Mönch lliodor, wandern durch das Land und predigen eine Art heiligen Krieg. Stolypins Tod hat der Reaktion eine neue Waffe in die Hand gegeben. Unter dem Vorwand, dass sein Mörder jüdischer Abstammung war, wollte man die jüdische Gesamtheit für die Tat des einzelnen verantwortlich machen und neue Pogrome hervorrufen. In Kiew, an dem Schauplatz des Verbrechens, bemächtigte sich eine begreifliche Panik der Israeliten, die in grosser Anzahl aus der Stadt flohen. Vorläufig scheint die Regierung die strengsten Befehle gegeben zu haben, damit nicht noch abermalige Massenmorde zu beklagen sind. Aber bei der gesamten jüdischen Bevölkerung des russischen Reiches hält die Besorgnis an. Worden die Juden den schwarzen Banden preisgegeben werden? Wird der neue Ministerpräsident auf der Bahn weitergehen, die ihm sein Vorgänger Stolypin mit den letzten Taten seines politischen Lebens vorgezeichnet hat? Oder wird er sich selbst darüber klar werden, dass das wohlverstandene Interesse Russlands nicht darin besteht, erbarmungslos Millionen von Untertanen zu verfolgen, die nichts anderes wollen, als dem Vaterland in aller Treue die Mitwirkung ihrer Kräfte dazubieten und mit aller Macht zum allgemeinen Wohlstand des Volks beizutragen. Wenn man auch keine sofortige Besserung im Schicksal der Juden erwarten darf, so ist doch nach den neuesten Erklärungen des Herrn Kokowzew die Hoffnung gestattet, dass dieser Staatsmann nicht gewillt ist, sich an erneuten harten Massregeln gegen die Juden zu beteiligen. Ein Korrespondent des Pariser ,,Temps'* hat in der Ausgabe dieses Blattes