Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Sitzung des Central-Comités
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 1005 - 1006 (sequence 3)
- Language
- German
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10O5 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Sitzung des Central-Comitcs. 1006 Wir tatten Sie dringend, hier zu erscheinen und auch Ihre Stimme zu dem energischen Protest zu erheben gegen die drohende Vernichtung des universellen Gedankens in der Allianee, an dem wir seit Jahrzehnten mit glühender Liehe gehangen haben. Das Präsidium der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Allianee Israelite Universelle Max Fuchs l} Justizrat. Prof. Dr. Landau, Geh. Medizinalrat. Dr. Werner, Rabbiner. Berlin. Berlin. München. Tagesordnung: 1. Protest gegen die Beschlüsse der Pariser Sitzung vom IS. Oktober 2. Antrag wegen Begründung eines deutschen Landes^Comites. 3. Verschiedenes. DIE ISRAELITEN IN RUSSLAND. In den letzton Tagen dos September ist in Kiew bei Gelegenheit einer zu Ehren des russischen Kaisers veranstalteten Theatervorstellung der Pro mierminister Stolypin das Opfer eines verbrecherischen Attentats geworden. Der Tod dieses Staatsmannes hat in Kussland eine besonders grosse Aufregung hervorgerufen, weil der Mörder von jüdischer Herkunft ist. Herr Stolypin war im Jahre 1906 ans Ruder gekommen, nur wenige Monate nach den blutigen Pogromen, die an beinahe zweihundert Plätzen gegen die jüdische Bevölkerung verübt worden waren. Diese Vorkommnisse hatten eine so gewaltige Aufregung hervorgebracht, dass die russische Regierung es für nötig hielt, die Ruhe wieder herzustellen und den Israeliten einige Sicherheit und Beruhigung zu verschaffen. Die ersten Amtshandlungen des Ministers Stolypin hatten deshalb den Zweck, die Lage der Israeliten cinigermassen zu sänftigen und zu mildern. Den Verwaltungsbehörden wurden vertrauliche Verordnungen übermittelt mit dem Befehl, die Aufenthaltsgesetze vom Mai 1882 und die älteren, ebenfalls die Niederlassung der Juden betreffenden Gesetze mit grösserer Mässigung anzuwenden. Infolge dieser Instruktion hatten die Gouverneure in den Provinzen eine Zeitlang weniger Härte bei den Ausweisungen an den Tag gelegt, und die Universitäten und andere höhere Lehranstalten hatten die lernbegierige jüdische Jugend in etwas grösserer Anzahl zugelassen. Herr Stolypin hatte sogar gegen Ende des Jahres 1906 im Ministerrat einen Gesetzentwurf zur Annahme gebracht, der eine Revision der gesetzlichen Stellung der Juden zum Gegenstand hatte (siehe den Anhang zum Jahresbericht 1909), doch dieser Regierungsontwurf war vom Kaiser nicht genehmigt worden. War dies nun der Ausgangspunkt für den Frontwechsel des Premierministers und hat Herr Stolypin geglaubt, er müsste, um die Macht in Händen zu behalten, eine feindselige Stellung gegen die Juden einnehmen? Fühlte er seine Ohnmacht zur Durchführung von Neuerungen und sah er die Unmöglichkeit ein, gegen den immer stärker werdenden Einfluss der reaktionären Organisationen zu kämpfen, die in den Hofkreisen wieder festen Fuss gefasst hatten? Oder hatte das System der Judenbedrückungen, gegen das er scheinbar ankämpfen wollte, im Grunde seines Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Herzens seine volle Billigung und war sein anscheinendes Wohlwollen für die Juden ihm nur durch die derzeitigen politischen Verhältnisse diktiert worden? Wie dem auch sein mag — der nun folgende Zeitraum sah dieselben Massregeln der vielfältigsten Quälereien wieder aufleben, wie sie in den schlimmsten Zeiten gewesen waren, brachte wieder den vollen Ausschluss der Juden vom gemeinen Recht. Die durch die Unterstützung der ,,Schwarzen Hundert" ermutigten Provinzbehörden fühlten sich stärker als je gegen die Juden. Wenn auch die gewaltsame Art der Aufwiegelung, die sich früher durck Hekatomben von Juden äusserte, nicht mehr gehandhabt wurde, so zeigte sich dafür die materielle und moralische Verfolgung in all ihrer grausamen Gewalt. Die neueren aus verschiedenen M inisteria lab teihmgen und vom Senat erlassenen Massregeln und die von Herrn Stolypin ausgearbeiteten Entwürfe hatten kein geringeres Ziel, als die wirtschaftliche und gesellschaftliche Vernichtung der Juden. In jüngster Zeit hatte Herr Stolypin die Absicht gehabt, das angebliche- Ucbcrgewicht der Juden auf dem Handelsgebiet zu hekämpfen. Er hatte zur Erreichung dieses Zwecks an den Erlass von Gesetzen gedacht, die den Handel nationalisieren und die „Frcmdbürtigen" davon ausschliessen sollten. Als sicherstes Mittel dazu wurde die Aufhebung jedes Bankkredits für die Juden angesehen. Als er seinen Kollegen, dem heutigen Premierminister, damaligen Finanzminister Kokowzew, und dem llandelsministor Timatscheff diese Pläne mitteilte, war er bei beiden der lebhaftesten Opposition begegnet. Er glaubte ihren Widerstand zu besiegen, indem er in der Staatsdruckerei eine Broschüre erscheinen liess, die den Titel hatte: „Die Judenfrage nach den Urteilen der russischen Presse". In dieser Broschüre waren einzig aus den antisemitischen Organen die Meinungen über die Rolle der Juden im Handel zusammengetragen. Man griff die Juden hauptsächlich darum an, weil sie sich mit dem Getreidehandel beschäftigten, und beschuldigte sie aller möglichen Unredlichkeiten und Betrügereien. Unter anderem machte Stolypin den jüdischen Getreideexporteuren den Vorwurf, dass sie unter das auszuführende Getreide minderwertige Ware mischten und dadurch dem Ruf der russischen Produkte schweren Schaden zufügten.